Rückkehr
Alphabet eines bewegten Lebens

von Antonio Negri

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 30/2003

Mit den Verhältnissen gegen die Verhältnisse denken: Antonio Negri, der vielleicht paradoxeste Linksradikale unserer Tage, erzählt im Word-Rap über sein bewegtes Leben.

Eines, zumindest, versteht der Mann: zu verstören. "In Momenten der Angst fange ich an, an die Jungfrau Maria zu denken", gesteht Toni Negri: "Eine Art Aberglaube, den ich habe, seit ich klein war." Wer hätte das gedacht: Der seltsamste Linksradikale der letzten Jahrzehnte sendet in schwachen Augenblicken Stoßgebete gegen den Himmel. Zu lesen ist das in einer sonderbaren Art von Autobiografie, dem feinfühligen Interviewband "Rückkehr. Alphabet eines bewegten Lebens", in dem Negri der französischen Journalistin Anne Dufourmantelle kluge Fragen über sein Leben und Denken beantwortet. Das Buch erschien dieser Tage im Campus-Verlag.

Negris "Rückkehr" in die Gegenwart ist ein sensationelles Comeback. Nach Gefängnis, Exil und abermals Gefängnis gelang ihm mit dem Theoriewälzer "Empire" (gemeinsam verfasst mit dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt) ein Weltbestseller. Ein Buch, nein, ein Ereignis, das einschlug in Proseminaren und in Rebellenzirkeln.

Dabei hat Antonio Negri, bald siebzig, eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Zuletzt hatte er mehr als Zeitzeuge gegolten denn als Zukunftsfigur. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war Negri führender Theoretiker der italienischen radikalen Linken, Denker der Militanz, mit Berührungspunkten zu den terroristischen Roten Brigaden. Wie viele es davon gab, ist immer noch im Dunkeln, auch wenn er sicher nicht "der Alte", der Kopf der Terrorzirkel, war, zu dem ihn die italienischen Strafverfolger stilisierten.

1979 wurde Negri - immerhin renommierter Politologieprofessor in Padua - verhaftet, weil er für den Mord an Aldo Moro verantwortlich gewesen sein soll, basierend auf Aussagen wahnwitziger Kronzeugen. Später ins Parlament gewählt und als politisch immun entlassen, setzte Negri sich nach Paris ab, wo er bis 1997 im Exil lebte. Nach seiner überraschenden, freiwilligen Rückkehr nach Rom wurde er abermals ins Gefängnis gesteckt, heute lebt er offiziell unter "Hausarrest" in der italienischen Hauptstadt.

Weil er ein unfassbarer, schwer auf einen Begriff zu bringender Revolutionär war - renommierter Akademiker, Theoretiker eines radikalen Kampfes gegen die Mechanismen der Disziplinierungen der "Neuzusammensetzung des Kapitals" und beißender Kritiker des Reformismus der italienischen kommunistischen Partei -, galt er dem italienischen Staat als der ultimative Staatsfeind Nummer eins; und den meisten Linken als Exzentriker, der irgendwie nicht ganz geheuer war.

In "Rückkehr" lugt nun erstmals der Ironiker hinter dem Jargonjongleur hervor. Am Anfang hatte er eine "gewisse Sympathie" für die Roten Brigaden, er habe "ihre Gründungsphase von innen miterlebt", erzählt er nun, sich aber abgewandt, als sie anfingen "Verrücktheiten zu machen". Als Anhänger der kämpfenden - und sich im Kampf verwirklichenden - "Arbeiterautonomie" war Negri ohnehin nicht wirklich für das Desperadotum des Typus "Stadtguerilla" anfällig, aber politische Gewalt war im Italien der Siebzigerjahre auch wieder kein Tabu, im Gegenteil. Bomben detonierten täglich; ob sie von den Geheimdiensten, Regierungshelfern, Links- oder Rechtsradikalen oder der Mafia gelegt wurden, war selten durchschaubar. In diesem Klima entwickelte Negri seine ultralinken Ideen von den autonomen Subjekten und der Eigensinnigkeit der Kämpfenden. Er beschwor eine kollektive widerständige Erfahrung, und doch schimmerte schon ein radikaler Individualismus durch. Die "Subjektivitäten" sollten die Zwänge der kapitalistischen Apparatur abschütteln, einem irgendwie freien Leben wegen. "Arbeitersabotage" gegen das "Unternehmer-Kommando", das waren Schlüsselworte des frühen Negri'schen Pamphletismus.

Jetzt ist Negri ein wenig altersweise und freut sich, wie sehr sich die Realität seinen Weltdeutungen angenähert hat, wenn auch auf paradoxe, kuriose Weise. Die festgefügten Lager, Klassen und Identitäten haben sich aufgelöst - nicht weil die kämpfenden "Subjektivitäten" das erstritten hätten, sondern weil es das Resultat des flexiblen, globalen Kapitalismus ist, der jetzt selbst die Vielfalt produziert, die Negri vor dreißig Jahren beschwor. Und Leute, die ähnlich dachten wie er, sind heute im Exil, im Gefängnis, wirken an einflussreicher Stelle oder bekleiden gar "Ämter in europäischen Regierungen" (Negri). Er spielt auf Joschka Fischer an oder auf seinen einstigen Vertrauten Thomas Schmid (heute konservativer FAZ-Kommentator) oder, in völlig anderer Hinsicht wiederum, auf Andriano Sofri, eine Art italienischen Dany Cohn-Bendit, mit dem Unterschied nur, dass dieser nicht wie jener im EU-Parlament, sondern im Gefängnis sitzt.

Doch das Seltsame an dem zartgliedrigen, schlohweißen Denker ist nun: nichts, gar nichts erfüllt ihn mit Zorn, wenig stört ihn, und im Grunde freut ihn, dass es kam, wie es kam - schließlich beweisen gerade die erstaunlichen Lebenswege, welche Möglichkeiten sich eröffnet haben, verglichen etwa mit den bleiernen Jahren (außer für jene freilich, die den ganzen Preis zu zahlen hatten und noch immer im Gefängnis sitzen). Negri ist unabgeklärt und fröhlich-optimistisch. Das ist womöglich das Geheimnis seines Altersruhms. "Empire" ist ja, anders als alle Jeremiaden von der Globalisierungsfalle, ein zukunftsfrohes Buch. Die Ich-AGs, die Nischenwerker, die Dynamik in der ehemals Dritten Welt, die vielen, die "ihr Ding" machen, sind für Negri die Pflänzchen jener Emanzipation, die er sich, ein bisschen anders zwar, vor dreißig, vierzig Jahren vorstellte. Über jene, die sich über das Verschwinden der klassischen Arbeiterklasse oder die Krise des Nationalstaates grämen, kann Negri nur lachen: "Es gibt kein Zurück." Und: "Es gibt eine unglaubliche Kreativität."

Darum ist er aus dem Exil zurückgekehrt, weil es im Exil kein Leben, keine Leidenschaft gibt, etwas, wovor Negri offenbar die größte Angst hat. Und siehe da, plötzlich ist ihm wieder erlaubt, "in der ersten Reihe zu sein". Das freut Negri sichtbar. "Das hatte ein bisschen etwas vom Baron Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht."

Negri ist, schießt einem da in den Kopf, womöglich der paradigmatische Linksradikale des Informationszeitalters: der Lobredner eigensinniger Subjektivitäten, wie sie die "Wissensgesellschaft" zum Leben braucht. Negri, was immer man Kritisches über ihn sagen mag, liebt es, mit den Verhältnissen gegen die Verhältnisse zu denken. "Das Schönste", sagt er, "ist es, ,gegen' etwas zu denken, ,neu' zu denken." Seiner prinzipiellen Perspektive ist, bei allem berechtigten Widerspruch im Einzelnen, schwer zu widersprechen: dass es die Verhältnisse selbst sind, die jene Wünsche und Ambitionen inspirieren, die sich dann bisweilen als Rebellionen oder in Gestalt von Verweigerungsstrategien gegen diese Verhältnisse zurückwenden.

Robert Misik in FALTER 30/2003 vom 25.07.2003 (S. 15)


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