Brandherd Irak
US-Hegemonieanspruch, die UNO und die Rolle Europas

von Bernd W. Kubbig

Derzeit nicht lieferbar
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 12/2003

Kann das "langsame" Medium Sachbuch zur aktuellen öffentlichen Diskussion über Folgen eines Kriegs im Irak einen Beitrag leisten? 35 Wissenschaftler versuchen es in einem zu Recht gelobten Sammelband.

Das Buch ist ein Schnellkurs in US-Außenpolitik, den komplizierten Machtverhältnissen im Mittleren Osten, irakischen Waffensystemen, Völkerrecht - kurz, allen Aspekten, die ein Leser zumindest knapp durchdenken muss, der den Konflikt und das Verhalten der Akteure verstehen will", lobt die Financial Times Deutschland die 35 "ausgezeichneten Beiträge". Die Hamburger Zeit pflichtet bei: Kenntnis- und lehrreich sei dieser ehrgeizige Versuch einer "politischen Echtzeitstudie".

Doch einige Beiträge würden ein nahes Verfallsdatum tragen: "Man wird das Buch wohl nicht so schnell lesen können, wie es von den Entscheidungen im Weißen Haus und im Sicherheitsrat überrollt wird." Schulterklopfende Herablassung seitens der "Kollegen" Journalisten, deren Berichte und Analysen natürlich stets am neuesten Stand sind? Skepsis scheint tatsächlich berechtigt: Denn was kann ein noch so umfassendes Buch den seitenlangen Dossiers und Sonderbeilagen der Zeitungen schon hinzufügen?

"Brandherd Irak" kann den Wettlauf nicht gewinnen - und punktet dennoch: durch sachlichen, unaufgeregten Stil, hohen Informationsgehalt und redaktionelle Sorgfalt. Das Buch entstand aus Arbeitskreisen der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, des größten derartigen Think-Tanks in Deutschland. Es versammelt 35 Beiträge aus erster Hand, Resümees von Fachleuten einschlägiger Gebiete von Mikrobiologie bis Weltraumtechnik, von Völkerrecht bis Geopolitik. Die Aufsätze führen auch in Randbereiche der aktuellen Diskussion, behandeln etwa Ziele der russischen, französischen oder chinesischen Außenpolitik, Auffassungsunterschiede im US-amerikanischen political establishment oder russisch-amerikanische Deals hinter den Kulissen.

So manches wird hier ausführlicher - und kritischer - behandelt als in der Tagespresse: Wie sicher sind die Erkenntnisse über Informationen über die irakischen Waffenarsenale? Die Autoren vergleichen die Berichte der laufenden UNO-Inspektion mit jenen der Jahre bis 1998 und Informationen aus Geheimdienstberichten. (Kurz gefasstes) Fazit: Der Irak verfügt zwar nicht über atomare, allerdings über chemische und biologische Waffen. Ihm fehlt aber die Kapazität, sie gegen entfernte Ziele oder fremde Armeen einzusetzen. Herausgeber Bernd Kubbig im Interview: "Saddam Hussein ist militärisch so schwach wie noch nie, und im Rahmen eines guten Inspektionssystems könnte die internationale Gemeinschaft mit ihm leben."

Ein Teil des Buchs widmet sich der nahe liegenden Frage, warum die US-Regierung aus den verfügbaren Informationen schwer nachvollziehbare Schlüsse zieht. Die Auffassung, es gehe (nur) ums Öl, ist wohl eine unzulässige Vereinfachung: Die Autoren analysieren die Einstellungen in der US-amerikanischen Öffentlichkeit ebenso wie die diffizilen Hintergründe der US-Politik, von den historischen Wurzeln des American Exceptionalism bis zu psychologischen Motiven nach dem traumatischen 11. September 2001.

Das spannendste Kapitel enthält das, was nach einem Krieg am schnellsten überholt sein wird, vor der Kriegsentscheidung aber am relevantesten ist: Zukunftsszenarios. Das Bild ist differenziert: Der Nahostexperte Volker Perthes hält eine rasche und relativ unblutige Intervention für möglich, doch eine stabile Nachkriegsordnung sei damit noch lange nicht gewährleistet: "Auch amerikanische Militärplaner rechnen damit, dass es nach einem Zusammenbruch des Regimes von Saddam Hussein zu mehr als einer Nacht der langen Messer kommt." Und die nordamerikanische Dominotheorie von der nachfolgenden Demokratisierung der Region - zugleich Rechtfertigung für den Sturz Husseins - ist nach allen Befunden schlicht unrealistisch: "Zweifellos werden ein Krieg und ein Regimewechsel im Irak bestimmte Dominoeffekte mit sich bringen. Unredlich ist allein zu behaupten, man wisse, wie die Dominos fallen."

Natürlich: Nicht alle Informationen in diesem Buch sind neu. Vieles war da zu hören, dort zu lesen. Gerade bei einem brisanten Thema wie diesem gilt: Wissenschaft und Journalismus sind längst miteinander kommunizierende Gefäße - Journalisten interviewen Experten, umgekehrt beziehen Fachleute wichtige Informationen aus den Medien. Überraschend, wie viele der (hier allerdings sauber dokumentierten) Quellen frei zugänglich sind - etwa Internetseiten britischer, französischer oder US-amerikanischer Regierungsstellen.

Der Unterschied zwischen Fachliteratur und (Tages-)Journalismus liegt demnach (auch) in der Art der Aufbereitung. Hier überzeugt "Brandherd Irak" allemal: Die Beiträge sind gehaltvoll, verständlich geschrieben und so gut aufeinander abgestimmt, dass die für Sammelbände typischen thematischen Überschneidungen wegfallen - wie auch die leidige Redundanz in der Tagesberichterstattung.

Johann Kneihs in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 29)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen