Gesetze der Medizin
Anmerkungen zu einer ungewissen Wissenschaft. TED Books (gebundene Ausgabe)

von Siddhartha Mukherjee

€ 13,40
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Übersetzung: Irmengard Gabler
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2016


Rezension aus FALTER 41/2016

Der Mensch ist kein statistischer Gegenstand

Medizin: Siddhartha Mukherjee relativiert in einem lesbaren Büchlein die scheinbare Präzision der evidenzbasierten Medizin

Mit seinem Porträt über die Krebsmedizin, „König aller Krankheiten“, hat der US-amerikanische Onkologe und Pulitzerpreisträger Siddharta Mukherjee 2011 ein ebenso imposantes wie umfangreiches Standardwerk vorgelegt, das dennoch mehr die Innensicht der Mediziner als eine Gesamtschau darstellte.
Nun folgen knapp 90 Seiten im Kleinformat über die strukturellen Irrtümer und Fehlinterpretationen im Alltag des Medizinbetriebes. Mukherjee kehrt dabei in seinen Anekdoten zurück an die Anfänge seines Alltages als Mediziner. Er stand damals vor dem Problem, dass er zwar viele Fakten zu Therapien gelernt hatte, aber die Vielfalt der Patienten ihm nicht den Gefallen tat, dem Lehrbuchwissen zu entsprechen. Sie litten nicht nur an einer Krankheit, sondern meist an mehreren, und sie reagierten oft anders auf die Therapien, als es zu erwarten gewesen wäre.
Mukherjees Essay „Gesetze der Medizin“ beschreibt die Unwissenheit, Ungenauigkeit und Unvollständigkeit in den Standards, mit denen die moderne Medizin heute operiert. Die erste Regel, die der Mediziner retrospektiv aufstellt, bezieht sich auf die Fixiertheit auf Bilder und Blutbefunde, mit denen seine Kollegen meist arbeiten: „Ein gutes Gespür ist besser als ein schwaches Testergebnis.“

Weil man für eine Diagnose nicht jeden Patienten auf alle möglichen Krankheiten testen kann, sollte man ihn zunächst anhand aller verfügbaren Informationen sorgsam einschätzen und erst dann entscheiden, auf welche Krankheiten man ihn untersucht.
In eine solche Entscheidung spielen auch zufällige Beobachtungen hinein – etwa wenn man den vermeintlichen Krebspatienten auf der Straße mit einem Dealer sieht und begreift, dass er heroinsüchtig und eventuell HIV-infiziert ist. Führt man dagegen ungezielt Tests an Patienten durch, bekommt man keine aussagekräftigen Ergebnisse und lenkt die Diagnostik aufs falsche Gleis.
„,Normalos‘ lehren uns Regeln, ,Ausreißer‘ lehren uns Gesetze“, ist der zweite Lehrsatz des US-Mediziners in seinem Referat für die Plattform TED, das zum Büchlein adaptiert wurde. Damit relativiert er die oftmals schmalspurige und obendrein von Vermarktungsinteressen geformte Interpretation statistischer Ergebnisse von medizinischen Studien.

Immer wieder zeige sich, dass gerade die Messungen bei einer Minderheit der Patienten, die als statistisch unbedeutsam abgetan werden, Hinweise auf wesentliche Zusammenhänge gäben, deren Bedeutung erst viel später entdeckt würden. Illustriert werden die Thesen mit kleinen, aber gut nachvollziehbaren Geschichten aus dem Alltag der Kliniken.
Garniert mit kleinen Lehrbeispielen aus der Trickkiste der Statistik geben sie einen Einblick in die scheinbare Klarheit von Diagnose und Therapie, hinter der aber – meist erst nach Entdeckung fundamentaler Irrtümer – die Komplexität des menschlichen Organismus und sozialer Zusammenhänge sichtbar wird.
Mukherjees dritte Regel lautet: „Für jedes perfekte medizinische Experiment gibt es eine perfekte menschliche Verzerrung.“ Studienergebnisse werden oft verzerrt, weil Mediziner die Teilnehmer willkürlich in Untergruppen teilen, aufgrund sachlicher Umstände oder getrieben von dem Wunsch, den Patienten zu helfen. Gerade das Streben nach Perfektion, zeigt Mukherjee, kann zu verhängnisvollen Verzerrungen führen.

Und schließlich gibt die Erkenntnis, dass die Messung alleine schon das Ergebnis beeinflusst, einen Denkimpuls in Richtung grundlegender Wissenschaftskritik. Eine Besonderheit seiner Disziplin, schreibt er, liege darin, dass das Studiensubjekt der Mensch und kein statischer Gegenstand sei und dieser allein durch seine Teilnahme an einer Studie sowohl psychischen als auch physischen Veränderungen unterliege.
Dazu komme die Tatsache, dass Testdesign, Forscher und Messung selbst Einfluss auf die Ergebnisse haben. „Ich hatte niemals erwartet, dass die Medizin eine so unsichere, gesetzlose Welt sein würde“, schreibt der Onkologe, und er fragt sich, ob das zwanghafte Benennen von Körperteilen und chemischen Reaktionen ein Mechanismus war, den die Ärzte erfunden haben, um sich gegen Unsicherheiten abzuschotten.
Letztlich versteht Mukherjee sein Büchlein jedoch als Relativierung der scheinbaren Präzision der evidenzbasierten Medizin und als Plädoyer für die Versöhnung von Erfahrung und Wissenschaft, denn „absolutes Wissen gibt es nicht“ – und diesem Gedanken ist ungetrübt zuzustimmen. Etwas mehr Tiefe und Breite in der Argumentation wäre allerdings kein Nachteil gewesen.

Kurt Langbein in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 41)


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