Die Zeit des Nationalsozialismus / 'Endlösung'
Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden

von Götz Aly

€ 13,30
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Verlag: FISCHER Taschenbuch
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.11.1998

Rezension aus FALTER 3/1999

Die Geschichte ist stärker

Der Berliner Zeithistoriker und Journalist Götz Aly im "Falter"-Gespräch über das "Deutsche" am
Holocaust, die österreichische Historikerkommission, die Walser-Debatte und die Diskussion über Holocaust-Mahnmale.

Was sich am 42. Deutschen Historikertag im vorigen Herbst abspielte, war noch nicht dagewesen. Die zwei größten Hörsäle der Frankfurter Universität waren kaum groß genug, um den Publikumsandrang zu bewältigen. Der Grund: Die Zunft saß über sich selbst zu Gericht. Nach langen Jahrzehnten des Vertuschens wurde nun endlich die Verstrickung der eigenen Fachvertreter in die Verbrechen des NS-Regimes öffentlich diskutiert. Einer der Historiker, der maßgeblich zu dieser Debatte beigetragen hat, ist Götz Aly, 51. Er erneuerte seine Vorwürfe, die Väter der bundesdeutschen Sozialgeschichte seien überzeugte Anhänger des NS-Regimes gewesen. Und all dies in Anwesenheit ihrer Söhne, Neffen und Schüler, die mittlerweile die tonangebenden Gelehrten ihres Faches sind. Aly, dessen Veröffentlichungen über den Holocaust zu den interessantesten der vergangenen Jahre zählen, ist im "Zweitberuf" Redakteur der Berliner Zeitung. Zur Zeit lehrt er als Gastprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Falter: Sie haben gezeigt, daß auch Historiker am NS-Regime maßgeblich beteiligt waren. Unterschieden sie sich in ihrem Verhalten zur Zeit des Nationalsozialismus in irgendeiner Form von anderen Teilen der Intelligenz?

Götz Aly: Nein, natürlich nicht. Sie hatten genau dieselben Affinitäten zum Nationalsozialismus wie andere Berufsgruppen auch, wie Ärzte, Lehrer, Offiziere, Anthropologen oder Juristen. All das ist von den Zeithistorikern erforscht worden - nur unter Ausklammerung des eigenen Berufsstandes. Allerdings haben die Historiker nach 1945 zu jenen falschen Geschichtsbildern beigetragen, die die Schuld ganz auf Figuren wie Hitler, Himmler und Goebbels reduziert haben. Aber auch viele Journalisten, die die öffentliche Meinung nach 1945 bestimmten, waren belastet. Die halbe ursprüngliche Redaktion der Süddeutschen Zeitung, vom Spiegel und von der Zeit kamen natürlich aus der Goebbelschen Propagandatruppe. Und (mit Blick auf den Fotografen Heribert Corn) auch die bedeutendsten Nachkriegsfotografen, beispielsweise im Stern, kamen von dort.

Die Diskussionen um den Holocaust waren in den vergangenen beiden Jahren vor allem von Daniel Goldhagens These geprägt, die den "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen behauptet. Sind die Deutschen und Österreicher in dieser Hinsicht ein "besonderes" Volk?

Ich halte die Einleitung, in der Goldhagen diese These vertritt, für den allerschwächsten Teil seines Buches. Goldhagen geht darin ganz oberflächlich mit dem aus der Sekundärliteratur zusammengeklaubten Material um und hämmert dem Leser nur immer wieder dieselbe These ein. Goldhagen hat die Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht verstanden. Oder er will sie nicht verstehen.

Aber dennoch bleibt die Frage: Warum gerade in Deutschland und Österreich?

Eine wichtige Erklärung sind die spezifischen Eigenheiten des deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert, sprich: die Verbindung mit dem Begriff der Blutsnation, der den deutschen Nationalbegriff doch sehr stark von dem westlichen unterscheidet. Dann ist die Frage wichtig, wie sich in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus mit der sozialen Frage verband - und beides dann mit der nazistischen Ideologie. Dieser deutsche Rassismus im Dritten Reich bedeutete ein neues, starkes und zum Teil auch realisiertes Egalitätsversprechen für die große Mehrheit der Bevölkerung. Dafür stand der Begriff "Volksgemeinschaft". Insofern ist der Rassismus immer auch ein Kind des Egalitarismus und gehört so mitten in das 20. Jahrhundert hinein.

Diese "egalisierenden" Seiten des Nationalsozialismus und seine sozialen Modernisierungen - also vor allem die bis heute wirksame Verringerung der Klassenunterschiede in Deutschland - werden aber nur selten öffentlich thematisiert. Wie geht man als Historiker damit um?

Man versteht die Verbrechensdynamik nicht, wenn man nur die Verbrechen betrachtet und sich nicht die Frage nach dem Gesamtsystem stellt. Wie man die "Endlösung" niemals verstehen wird, wenn man sich nur die Akten im Archiv nimmt, die unter dem Rubrum "Judenfrage" angelegt wurden. Man sollte sich immer wieder klarmachen, daß die Arisierung nicht in erster Linie den Großbanken oder dem sogenannten Monopolkapital diente. Arisierung war vor allem eine Umverteilung zugunsten des kleinen Mannes, und in den besetzten Gebieten zugunsten der jeweils nationalen Bevölkerung. Nur so ist es zu verstehen, daß die Tschechen ihre Arisierungsakten so eisern unter Verschluß halten. Die Öffnung würde nämlich sofort zeigen, daß weit mehr als die Hälfte des jüdischen Eigentums in Böhmen und Mähren schon 1941/42 zugunsten der arbeitssamen Tschechen umverteilt worden ist und nicht erst 1945 infolge der Niederlage gewissermaßen zufällig im Land blieb. All die Wohnungen, jüdischen Läden und Handwerksbetriebe in Warschau, Amsterdam und Paris - sie wurden in den seltensten Fällen von Deutschen oder Österreichern übernommen.

Was die Arisierungen in Österreich betrifft, wurde im letzten Herbst eine Historikerkommission einberufen, die jetzt ihre Arbeit aufnehmen soll. Wie beurteilen Sie dieses Unternehmen?

Ich finde die Einsetzung einer solchen Kommission grundfalsch. Die Frage der Restitution ist eine politische Entscheidung, und sie kann nicht von Politikern auf Wissenschaftler abgewälzt werden. Das ist reine Verzögerungstaktik, und hier trifft sich das Interesse der Wissenschaft an Forschung und neuen Planstellen mit dem Interesse der Politik, die Dinge zu verzögern. Das ist von beiden Seiten her amoralisch. Eine solche Kommission wurde in Deutschland nie einberufen. Zwar gab es Verzögerungen und Streitereien, dies geschah aber immer im Parlament oder in dessen Ausschüssen. Deshalb blieben Streit, Unvermögen und Peinlichkeit stets in der Sphäre des Politischen. Man kann beispielsweise die Zahl der anspruchsberechtigten, vermutlich noch lebenden Zwangsarbeiter heute sehr genau schätzen. Sie arbeiteten in der österreichischen Privatindustrie, im staatlichen Sektor, viele aber auch in der Landwirtschaft. Auch den Bauernverbänden stünde es gut an, wenn sie sich zum Problem der Restitution den Kopf zerbrechen würden, anstatt sich hinter Staat und Industrie zu verstecken. Die historische Forschung kann zu überschlägigen Berechnungen der Ansprüche beitragen. Längere Forschungen können diese Schätzungen etwas genauer machen, aber keine wirklich exakten Ergebnisse erzielen. Sicher aber ist, daß jede Verzögerung der politischen Entscheidung dazu führt, daß die Zahl derjenigen, deren Leiden noch durch Restitutionsleistungen wenigstens symbolisch entschädigt werden könnten, abnimmt. Deshalb muß politisch entschieden werden, und zwar sofort. Alle Maßnahmen im sozialpolitischen Sektor kalkulieren eine gewisse individuelle Unausgewogenheit mit ein. Das ist immer der Preis des sozialen Ausgleichs und auch der Preis der Regulierung von Folgen der Gewaltherrschaft.

Was könnte man statt dessen tun?

Das Parlament könnte einen Ausschuß einrichten und eine erste Sitzung noch im Mai anberaumen. Es könnte Historiker bitten, in diesem Ausschuß zu sprechen, Stellung zu nehmen und Fragen zu beantworten. Aufgrund einer solchen Anhörung, die ja zu den guten Traditionen eines jeden Parlaments gehört, hätten dann die Politiker zu entscheiden. Der Vortrag der historischen Sachverständigen, das Frage- und Antwortspiel zwischen Abgeordneten und Experten würde sich öffentlich abspielen und könnte in den stenografischen Berichten des Parlaments von jedermann nachgelesen werden. Es wäre bei diesem Verfahren klar, wer die politische Verantwortung für eine schnelle Entscheidung, für eine Verschleppung oder eine Verhinderung trägt.

Warum hat das alles - nicht nur in Österreich - so lange gedauert?

Weil vieles an der Geschichte des Nationalsozialismus tabuisiert worden ist. Das Trauma war einfach unendlich groß. In Deutschland, und vermutlich auch in Österreich, hat man sich immer nur jenes Maß an Aufklärung und Strafprozessen zugemutet, das gesellschaftlich gerade noch erträglich war. Schließlich stand man nach 1945 im Grunde vor der Frage, was man mit einer Bevölkerung macht, die zu siebzig, achtzig oder neunzig Prozent in der einen oder anderen Form die Naziherrschaft gestützt hat. Und was sollte man mit Eliten machen, die zu mehr als der Hälfte dabei waren? Das gilt in anderer Weise auch für die Opfer. Auch sie schwiegen oft, verzichteten darauf, Restitutionsforderungen zu stellen, weil sie das an ihre Leiden erinnert und mit ihren Verfolgern konfrontiert hätte. Auch sie sahen sich oft nicht in der Lage, die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung zu stellen. So gesehen ist es durchaus legitim, daß jetzt Leute mit den Versicherungspolizzen ihrer Eltern kommen und sich um eine Entschädigung für das erlittene Unrecht bemühen. Das ist kein Zeichen materieller Gier, sondern weist auf das ungeheure - eben einmalige - Ausmaß des Verbrechens hin, das selbst die überlebenden Opfer noch für Jahrzehnte verstummen ließ.

Gleichwohl scheint der Ruf nach Befriedung und Abwicklung immer lauter zu werden, wie zuletzt in der umstrittenen Rede von Martin Walser.

Dieser Ruf nach Befriedung - "wie lange müssen wir darüber noch reden?" - ertönte schon 1949. Und war damals noch sehr viel stärker als heute. Die ganze Adenauer-Zeit war ständig von diesem Ruf begleitet, die erste Hälfte der Ära Kohl ebenfalls. Und trotzdem war die Geschichte immer stärker als diejenigen, die sie verdrängen wollten. Die Arbeit des Historikers ist gegen das Verdrängen gerichtet, bewirkt aber zugleich, daß sich ein Konsens über geschichtliche Tatsachen herstellt. Sie ist also gegen die öffentliche Aufregung gerichtet, sie macht Geschichte kalt.

Aber Fragen wie die nach den Holocaust-Mahnmalen in Berlin und Wien sind ja noch recht heiße Eisen. Wollen Sie als Historiker damit nichts zu tun haben? Wie halten Sie es mit dem öffentlichen Erinnern der Geschichte?

Ich habe aus beruflichen Gründen eine ganze Reihe von KZ-Gedenkstätten immer wieder besucht. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren stark verändert: Sie wurden mit der Zeit einfach besser, vielfältiger in der Darstellung - also historisch gerechter. Auf keinen Fall sollte man junge Leute dazu zwingen, solche Mahn- und Erinnerungsstätten zu besuchen. Die Vergegenwärtigung des Geschehenen ist immer eine individuelle und freiwillige Aufgabe. Deswegen stört mich auch der monumentale, exhibitionistische Charakter des in Berlin geplanten Holocaust-Mahnmals.

Aber Sie sind nicht grundsätzlich gegen solche Mahnmale?

Nein, überhaupt nicht. Wichtig erschiene mir aber, daß man sich zunächst die Inschrift überlegt, die auf einem solchen Mahnmal angebracht werden soll. Vor einem guten halben Jahr haben wir in der Berliner Zeitung etwa dreißig führende deutsche und übrigens auch österreichische Schriftsteller angesprochen, ob sie nicht an einem Nachdenken über die Frage einer solchen Inschrift teilnehmen wollten. Wir haben von niemandem eine positive Antwort bekommen. Aber wenn man die Worte nicht findet oder noch nicht gefunden hat, wie soll dann die ästhetische Form gefunden werden?

Sie haben jahrelang über das NS-Regime geforscht. Wie gehen Sie selbst "psychohygienisch" damit um, sich so intensiv mit all diesen unbeschreiblichen Verbrechen zu beschäftigen?

Für mich sind diese Unterbrechungen als Redakteur sehr wichtig. Die Bearbeitung ganz normaler Zeitungstexte hat etwas sehr Entspannendes. Auch kommen mir durch dieses Zurücktreten neue Ideen und Fragen zur NS-Zeit, die ich vielleicht nicht hätte, wenn ich ununterbrochen im Wissenschaftsbetrieb beschäftigt wäre. Aber das andere ist natürlich, daß man sich für die Beschäftigung mit den Massenverbrechen dieser Jahre die Haut von Gerichtsmedizinern zulegen muß. Eine gewisse professionelle Kühle ist aus Gründen des Selbstschutzes unumgänglich.

in FALTER 3/1999 vom 22.01.1999 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Vordenker der Vernichtung (Götz Aly, Susanne Heim)
Macht. Geist. Wahn (Götz Aly)

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