Meine erste Platte
Liebeserklärungen

von Holger Jenrich

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Mit der ersten Platte verhält es sich ähnlich wie mit dem ersten Sex: Es wird ihr einige Bedeutung zugeschrieben, doch selten ist sie tatsächlich so toll, wie die meisten behaupten. In "Meine erste Platte" erzählen mehr oder wenige prominente Menschen von der Faszination ihres ersten käuflich erworbenen Tonträgers. Gleich im Vorwort stellt Herausgeber Holger Jenrich fest: "Natürlich lügen sie alle wie gedruckt. Natürlich hatte niemand die größten Erfolge der Beatles als erste Platte. Oder die fiesesten Songs der Stones. Oder die größten Schnulzen der Bee Gees. Nein, die ersten Langspielplatten unseres Leben hießen ,Susi und Strolch' [sic!] oder ,Kleiner König Kalle Wirsch'." Dennoch behauptet etwa ein Viertel der versammelten Autoren, die erste Platte sei eine Beatles-LP gewesen, weitere Mehrfachnennungen sind die Rolling Stones, Elvis - und Slade. Am exzentrischsten ist vielleicht ein Journalist, der schon mit vierzehn zu Wahnwitzigem wie der Doppel-LP "Tanz der Lemminge" von Amon Düül II griff. Berührend die Geschichte des Knaben, der "Get Back" im Radio hörte, lange Zeit auf einen Plattenspieler und den Tonträger sparte und dann im Geschäft - verwirrt durch die vielen Platten - "The Best of The Lords" erwarb. Es sollte Jahre dauern, bis sich sein Leben wieder normalisierte.
Und erhellend ist es, zu wissen, dass Dieter Thomas Hecks musikalische Sozialisation mit Fritz Schulze-Reichels "Die beschwipste Drahtkommode" begann. Abschreckend einzig das schrecklich gestellte Fünfziger-Cover des Buches.
Ich durfte mir Mitte der Achtzigerjahre bei Donauland immer wieder eine Musikkassette aussuchen - Plattenspieler war im Kinderzimmer, CD-Player in der ganzen Wohnung noch keiner vorhanden. Welche die erste war? Es dürfte sich um "a la carte" von der Gruppe EAV gehandelt haben. Jahrelang herrschte Ratlosigkeit, was es wohl mit der Textzeile "Wir jetten in der Fettn mit unserer Raketen und hängen wie die Kletten in den Gaststätten" auf sich hatte. Doch im Gegensatz zu vielen Liebeserklärungen im Buch ist mir meine erste Platte heute herzlich Wurscht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 34)


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