Verlag: Wolfgang Krüger
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 26/1999

Sieben auf einen Streich

In dem Roman "Finbars Hotel" versammeln sich einige der bekanntesten irischen Autoren zu einem lesenswerten Stelldichein.

Es tut sich was. Im ersten Stock von Finbars Hotel in Dublin. Einem etwas abgetakelten Kasten am Ufer der Liffey. Sieben Gäste wohnen dort Wand an Wand. Zimmer 101 bis 107. Sieben Schicksale. Jedes ein Kapitel für sich.

Der Dubliner Schriftsteller Dermot Bolger scharte eine Handvoll literarischer Freunde und Kollegen um sich, die als Gastautoren je ein Zimmer belegen sollten. In Summe ergibt das einen interessanten Querschnitt durch die irische Literaturszene - von Roddy Doyle bis zu Joseph O'Connor. Zwar sind die Autoren auf dem Cover alphabetisch genannt, nicht jedoch in der Reihenfolge, in welcher ihre Geschichten im Buch erscheinen. Es bleibt also dem literarischen Scharfsinn des Lesers überlassen, die richtige Zuordnung vorzunehmen. Start frei zum heiteren Autoren-Raten.

Im ersten Zimmer treffen wir Benny. Typ braver irischer Ehemann und Vater, der einmal im Leben so richtig auf den Putz hauen möchte - paar Runden durch die Nachtclubs, bißchen Aufreißen, bißchen Abschleppen, One-Night-Stand und good bye. Ganz Mann von Welt. Natürlich geht alles schief. Unser Held findet in seinem Zimmer nicht einmal die Minibar, stolpert über ein Tablett, zerreißt seinen Anzug und wird vor dem Hotel k.o. geschlagen. Aber Benny läßt nicht locker und feiert zu guter Letzt doch noch einen kleinen Triumph.

In bester Inselmanier - Glas Stout in der Hand, Schalk im Nacken - bindet er in der Hotelbar einer Gruppe amerikanischer Touristen einen "echt irischen" Bären auf. Lacht sich ins Fäustchen und freut sich auf zu Hause. Um dort irgendwann alles noch einmal zum besten zu geben: Wie er damals in Dublin diese Yanks, also eins a, wirklich, und Herr Wirt, noch eine Runde ... So werden aus Niederlagen Siege. Mission accomplished. Abend gerettet. In manchen Facetten erinnert die Geschichte an eine Short story des Großmeisters Raymond Carver. Kurz, prägnant, lakonisch: Vielleicht von Roddy Doyle?

Etwas schwächer geht's im nächsten Zimmer zu. Auf 102 logieren zwei Schwestern. Lange nicht gesehen, viel zu erzählen. Ganz anders der Typ von nebenan: heißt Ken und hat eine Katze im Sack. Außerdem einen Ghettoblaster. Mit passendem Schwermetall. Da zittern die Wände. Und die Mädchen auf 102. Was es mit der Katze auf sich hat, warum am Ende ein Koffer im Fluß landet und eine Prostituierte glücklich ist? Auch darum geht's in Zimmer 103. Auf 105 schließlich haust die Liebe und 107, am Ende des Korridors, ist ein Hort des Verbrechens.

Zwar gibt sich "Finbars Hotel" als Roman aus, tatsächlich jedoch handelt es sich bei dem vorliegenden Band um einen losen Reigen von Short stories, deren Figuren sich auf dem Gang, im Lift und in der Lounge mehr oder weniger zufällig begegnen, ansonsten aber ihrer Wege gehen. Zimmerservice für den Leser: Schauen Sie zuerst mal bei 101 rein. Und dann bei 107.

Erwin Quirchmair in FALTER 26/1999 vom 02.07.1999 (S. 70)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb