Retter in Uniform
Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht

von Wolfram Wette

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: FISCHER Taschenbuch
Genre: Politik, Geschichte
Erscheinungsdatum: 15.03.2002

Rezension aus FALTER 17/2002

Ein neuer Sammelband zeigt nun das Schicksal jener Wehrmachtssoldaten auf, die sich weigerten, an Verbrechen teilzunehmen. Es waren nicht viele - etwa einhundert.

Manche von ihnen waren sogar NSDAP-Mitglieder. Doch angesichts der Verbrechen haben sie sich eines Besseren besonnen. Andere wiederum, wie der österreichische Feldwebel Anton Schmid, der auch "der Judenretter von Wilna" genannt wurde, haben aus christlicher Überzeugung gehandelt.

Der Historiker Wolfram Wette, der früher am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg tätig war, hat nun einen Sammelband über jene Soldaten und Offiziere der Deutschen Wehrmacht herausgegeben, die sich geweigert hatten, bei Verbrechen mitzumachen. Es waren nur um die einhundert, die sich über den Vernichtungskrieg und sein Mordprogramm hörbar empörten, ihre Kooperation verweigerten, sich demonstrativ nicht an Exekutionen beteiligten oder politisch und rassistisch Verfolgten halfen, weshalb sie in die Mühlen der nationalsozialistischen Militärgerichtsbarkeit gerieten. "Diese winzige Minderheit hält Millionen von ,Gehorchern' den Spiegel vor", schreibt der Herausgeber.

Obwohl sich in den Archiven der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem seit Jahren Informationen über diese Soldaten, die in Israel übrigens "die Gerechten" genannt werden, finden, haben sich deutsche Historiker nun erstmals wissenschaftlich mit ihnen befasst. So unter anderen auch mit dem Wiener Anton Schmid: Das Buch schildert detailliert, wie der Leiter der Versprengten-Sammelstelle im litauischen Wilna mit Wehrmachtslastwagen und Marschbefehlen, die er selbst ausgestellt hatte, über dreihundert Juden aus dem Ghetto transportierte und ihnen so das Leben rettete. Darüber hinaus stellte Schmid der jüdischen Widerstandsbewegung auch seine Wohnung für Kuriere zur Verfügung. 1942 schöpften Gestapo-Beamte schließlich Verdacht. Schmid wurde daraufhin von einem NS-Militärgericht zum Tode verurteilt.

Mithilfe von Zeitzeugen, Dokumenten und Briefen, die diese Soldaten an ihre Familien geschrieben haben, versuchten die Autoren des Sammelbandes auch deren Motive für den Widerstand nachzuzeichnen: "Krepieren muss jeder. Wenn ich aber wählen kann, ob ich als Mörder oder als Helfer krepieren soll, dann wähle ich den Tod als Helfer", hat etwa Schmid einem jüdischen Überlebenden einst anvertraut. Vor seiner Hinrichtung schrieb Schmid wiederum an seine Frau: "Wenn jeder anständige Christ auch nur einen einzigen Juden zu retten versuchte, kämen unsere Parteiheinis mit ihrer Lösung der Judenfrage in verdammte Schwierigkeiten."

In Deutschland ist übrigens längst eine Kaserne nach Anton Schmid benannt. Hierzulande erinnert nicht einmal eine Gasse an ihn.

Karl Pfeifer in FALTER 17/2002 vom 26.04.2002 (S. 15)


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