Russland lesen. Statt einer Literaturgeschichte.
Sechs Bände

von Swetlana Geier

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 51-52/2003

Dostojewskij ist der Spezialist fürs Böse. Die Nachfrage nach der Literatur dieses radikalen Metaphysikers wird nicht nur durch Swetlana Geiers Neuübersetzung der "Brüder Karamasow" befriedigt.

Mit 25, 1866, feiert Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881), Moskauer, Sohn eines Armenarztes und Offizier der Petersburger Ingenieursschule, mit dem Roman "Arme Leute" sein literarisches Debüt. Mit 28 wird er als Sympathisant eines sozialistischen Geheimbundes zum Tod verurteilt, zur Abschreckung auf den Richtplatz geschickt, begnadigt, schließlich jahrelang nach Sibirien verbannt. Es folgen zwei Ehen, drei Kinder, drei Reisen nach Westeuropa. Soweit die biografischen Ecksteine des "radikalen Metaphysikers" (George Steiner), dessen Werk - sieben bedeutsame kleine und fünf große Romane, sowie ziemlich viel Publizistisches - außer "verbrecherischem Erkenntnis-und Bekenntnisfuror eine Menge von Mutwillen, phantastischer Komik und Lustigkeit des Geistes in sich schließt". So der Befund von Thomas Mann, der es wissen musste, hatte er doch für seine Beschreibung der Abgründe deutschen Geistes im 20. Jahrhundert im "Doktor Faustus" die Szene einer Begegnung mit dem Teufel höchstpersönlich aus Dostojewskis Hauptwerk "Die Brüder Karamasow" (1878) entnommen.

Im Zentrum dieses in den 1860er-Jahren im Provinznest Skotoprigonjewsk (in etwa: "Viehhofen") spielenden Romans "Die Brüder Karamasow" steht die Ermordung des Gutsbesitzers Fjodor Karamasow. In den Mord verwickelt sind desse Söhne Dmitrij, Iwan und Alexej (aus erster und zweiter Ehe), ausgeführt wird die Bluttat vom Lakaien Smerdjakow, bei dem es sich vermutlich um einen unehelichen Sohn des alten Karamasow handelt. Verhaftet, angeklagt und verurteilt und anschließend nach Sibrien geschickt wird in dieser Geschichte eines metaphysisch verzerrten Justizirrtums allerdings Dmitrij, der dem Vater, einem widerlichen Lüstling, selbst nicht unähnlich ist. Gründe, den Vater zu ermorden, hätte der Offizier genug gehabt. Beide, Vater wie Sohn, haben es auf dieselbe Frau abgesehen, Gruschenka, eine (wie immer bei Dostojewskij) "Heilige und Hure". Sigmund Freud hat das Buch ob dieses Konflikts mit "König Ödipus" und "Hamlet" in eine Reihe gestellt und als "den großartigsten Roman, der je geschrieben wurde", bezeichnet. Und die Szene, in der Dmitirj Karamasow aus dem Dunkel des Gartens seinen Vater beobachtet, dessen Liebesgeflüster an die erwartete, aber nicht eingetroffene Angebetete belauscht, dabei wütend nach seinem Spazierstock greift, um sich dann unverrichteter Dinge aus dem Staub zu machen, gehört auf jeden Fall zu den besten der Weltliteratur.

Im Zentrum des 1280 Seiten dicken Wälzers, einer Art Kriminalroman in Zeitlupe, steht die Geschichte des Mordmotivs. Die beiden, in einer schier endlosen Verkettung von Gesprächen und Pespektivwechseln entwickelten zentralen Fragen des Romans lauten: Wenn Gott tot ist, ist dann alles erlaubt? Und: Wie sehr ist die Liebe zu Gott Ausdruck der Verachtung für die Menschen? Es wird gestritten, geheuchelt, gelogen, deliriert und verraten, dass es eine Art hat. Kaum setzt sich eine "positive Figur" in Szene, beginnt sie auch schon zu stinken. Der Novize Alexej Karamasow, die einzig wirklich positive Figur des Buches, sollte übrigens zum Terroristen werden - Dostojewskij starb allerdings über der Arbeit zum zweiten Band der "Karamasows". Ungeschoren kommen bei Dostojewskj nur die Kinder davon, sie sind die unschuldigen Opfer aller Verkommenheit dieser Welt. Ob die obsessive Diskussion der Kindesmisshandlung und -schändung möglicherweise biografische Hintergründe hatte, ist eine bis heute umstrittene Frage der Dostojewskij-Forschung. Unmittelbar vor Beginn der Arbeit an den "Brüdern Karamasow" sprach Dostojewskij in seinem Tagebuch von der Absicht, noch einen russischen "Candide", ein Buch über Jesus Christus, seine Erinnerung sowie ein großes Gedicht schreiben zu wollen. Dafür würde er voraussichtlich zehn Jahre brauchen. "Die Brüder Karamasow" sind somit auch als Verbindung all dieser Vorhaben zu verstehen.

Seine zur selben Zeit angestellten Überlegungen zum Slawophilentum, zur so genannten russischen Idee, zum Sozialismus und zur Bauernbefreiung, jenen Strömungen also, die die in radikalem Umbruch befindliche russische Gesellschaft der 1860er-Jahre kennzeichneten, hielt Dostojewskij im seinem "Tagebuch eines Schriftstellers" fest. Eine gut kommentierte Auswahl der viele tausend Seiten umfassenden Publizistik bietet eine im Aufbau Verlag erschienene Ausgabe des Tagebuchs. Deren Herausgeber Michael Wegner erklärt Dostojewskijs Bodenständlertum und panslawischen Messianismus (die Vorstellung, Russlands Mission bestünde darin, die ganze Welt von unheilvollem Rationalismus und Utilitarismus zu befreien) im historischen Kontext und drückt sich dabei auch nicht vor der Frage, wie Dostojewskijs Antisemitismus zu erklären sei.

"Russland lesen", eine von der Übersetzerin Swetlana Geier zusammengestellte wohlfeile Taschenbuchkassette, enthält die literarische Grundausstattung für alle Russlandinteressierten: sechs Bände mit Erzählungen und Romanen der Klassiker Alexander Puschkin, Nikolaj Gogol und Leo Tolstoj, ergänzt durch einen Band mit Lyrik von Puschkin bis Sedakowa. Enthalten sind auch zwei wichtige Texte aus Dostojewskijs Schaffen: Die unmittelbar vor den großen Romanen entstandenen "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" (1864), die Beschreibungen genüsslicher Selbstbezichtigung und Selbsterniedrigung eines vierzigjährigen Beamten, sowie - in einem zweiten Band mit Essays - dessen legendäre "Puschkin-Rede" von 1880, in welcher der nunmehr gefeierte Autor Dostojewskij anhand des Klassikers Alexander Puschkin sämtliche antizivilisatorischen Ressentiments hinter sich lässt und den Russen verkündet: "Die Bestimmung des russischen Menschen ist zweifellos alleuropäisch und allmenschlich." Dass dabei noch immer ein Stück Rettung des Abendlandes durch die russische Seele mitgemeint ist, ist nicht ausgeschlossen. Im deutschen Sprachraum bestand dafür immer große Nachfrage - die nun mit den neuen Dostojewskijbüchern vorerst gedeckt sein sollte.

Erich Klein in FALTER 51-52/2003 vom 19.12.2003 (S. 90)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Brüder Karamasow (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Swetlana Geier)
Tagebuch eines Schriftstellers (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Günther Dalitz, Margit Bräuner)

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