Die Asadis
Liebe, Tod und Politik in Teheran

von Ulrich Ladurner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.12.2006

Rezension aus FALTER 36/2007

Osamas Sieg

Die Taliban kehren nach Kabul zurück, Bagdad versinkt im Chaos. Sechs Jahre nach dem Anschlag vom Elften September ist die Frage erlaubt, ob El Kaida den "Krieg gegen den Terror" gewonnen hat.

Der BBC-Journalist John Simpson war einer der Ersten, der am 13. November 2001 begriff, dass die Taliban aus Kabul geflüchtet waren. Er schnappte sich Kameramann und Tonmeister, zog sich eine blaue Splitterschutzweste über und marschierte zu Fuß nach Kabul. Er kam von Norden her. Die Straße fällt steil in die Ebene von Kabul ab, bevor sie flach auf das Zentrum zuläuft. Simpson ging schnellen Schrittes hinunter, das Kamerateam folgte ihm. Die Kabulis reagierten verdutzt. Sie hatten offensichtlich nicht damit gerechnet, nach der Flucht der Taliban einen Journalisten zu sehen, der ununterbrochen redend in ihre Stadt kam. Bald aber umringten sie Simpson neugierig. Sie winkten, lachten und jubelten in die Kamera. Simpson kommentierte diese Szene mit britischer Gelassenheit, doch war ihm die Aufregung anzumerken. Kabul war frei. Die Taliban waren geschlagen, nach nur fünf Wochen Krieg. Die Bilder, die Simpson in alle Welt lieferte, hatten etwas Triumphales. Sie weckten Erinnerungen an Befreiungsszenen aus dem Zweiten Weltkrieg, an die jubelnden Mengen von Rom oder Paris im Jahr 1944. Das war von Simpson durchaus beabsichtigt. In Washington war diese Analogie mehr als willkommen. Die Regierung des Präsidenten George W. Bush propagierte ja die Vorstellung, dass der Nationalsozialismus einen Nachfolger gefunden hatte: den Islamofaschismus.

Knapp 18 Monate nach Simpsons "Einmarsch", am 9. April 2003, fuhr ein Kranwagen der amerikanischen Armee in das Zentrum Bagdads vor. Er hielt auf dem Ferdowsi-Platz an. Ein Soldat stieg auf den Kran, legte eine Schlinge um den Hals einer Statue von Saddam Hussein. Unter dem Jubel Hunderter Iraker stürzte die Statue auf die Straße. Das Bild ging um die Welt. Der Diktator Saddam Hussein war nach mehr als dreißig Jahren an der Macht gestürzt. Wenige Wochen später, am 2. Mai 2003, erklärte US-Präsident George W. Bush den Krieg für beendet. Der Irak war befreit. Der amerikanische Feldzug hatte knapp sechs Wochen gedauert. Nicht einmal Optimisten hatten damit gerechnet, dass die amerikanische Armee in so kurzer Zeit Erfolg haben könnte. Der damalige US-Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, verglich den Sturz Saddam Husseins mit dem Fall der Berliner Mauer. Die Medienberichte aus Bagdad waren voller Euphorie.

Die Interventionen in Afghanistan und im Irak waren ein direktes Resultat der Anschläge vom 11. September 2001. Die USA griffen Afghanistan an, weil die Attentate dort von der Terrororganisation El Kaida geplant und in Auftrag gegeben worden waren. Die Uno gestand den USA das Recht auf Selbstverteidigung zu. Die Nato rief den Bündnisfall aus. Afghanistan war völkerrechtlich legitimiert und politisch (fast) unumstritten. Die Invasion des Irak hingegen war völkerrechtswidrig und umstritten. Die USA setzten sie gegen den heftigen Widerstand enger Verbündeter durch und marschierten ohne entsprechende UN-Resolution in den Irak ein. Die Regierung Bush unterstellte Saddam Hussein, dass er im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei. Saddam Hussein sei bereit, sie einzusetzen, und außerdem habe er Verbindungen zu El Kaida. Heute weiß man, dass diese Anschuldigungen haltlos waren. Man weiß, dass das Kriegskabinett des Präsidenten den Irak unmittelbar nach dem 11. September ins Zielkreuz nahm. Es wurde darüber diskutiert, zuerst den Irak anzugreifen und nicht Afghanistan. Die USA hatten nämlich eine Rechnung mit ihrem alten Verbündeten Saddam zu begleichen. Der 11. September gab ihnen einen Anlass dazu.

Wo John Simpson vor rund sechs Jahren wie ein Triumphator in Kabul einmarschierte, herrscht heute das hektische Alltagstreiben einer Stadt, die in kaum fünf Jahren ihre Einwohnerzahl von 700.000 auf vier Millionen mehr als verfünffacht hat. An der Einfallstraße, über die Simpson kam, reihen sich Autohändler an Autohändler. Sie bieten riesige vierradgetriebene Geländewagen zum Verkauf an, die sich nur leisten kann, wer im blühenden afghanischen Drogengeschäft tätig ist oder mittels Korruption reich wurde. Lastwagen rumpeln ununterbrochen in die Stadt, beladen mit Früchten, mit Holz, mit Stoffballen, mit Tieren und allem, was die wuchernde Stadt Kabul verschlingt. Täglich kommen Hunderte Zuwanderer aus den verarmten Provinzen, die hier eine Zukunft suchen - und es kommen die Selbstmordattentäter. Wenn sie sich vor ausgewählten Zielen in die Luft jagen, ist der Krach der Explosion in der ganzen Stadt zu hören. Er erinnert die Kabulis daran, dass in Afghanistan immer noch oder besser: wieder Krieg herrscht. Die Taliban sind zurück.

In Bagdad hat man, wenn man zur Straßenseite hin wohnt, vom Hotel Sheraton einen freien Blick auf den Ferdowsi-Platz. An der Stelle der gestürzten Statue Saddam Husseins ist eine merkwürdige Skulptur getreten. Sie wirkt in ihre Eigenwilligkeit und ihrer fragilen Bauweise wie das Symbol für einen mit aller Kraft herbeigesehnten und trotzdem sehr instabilen Neuanfang. Wer im Sheraton hingegen sein Zimmer zur Uferseite des Tigris hin hat, kann über den Fluss hinweg die Grüne Zone Bagdads erkennen, das Regierungsviertel des Irak. Hier wird die amerikanische Botschaft gebaut, die größte der Welt übrigens. Die Grüne Zone ist eine riesige Festung, umgeben von Schutzwällen und bewacht von Hunderten Soldaten. Tausende irakische Beamte arbeiten hier zusammen mit ihren amerikanischen Schutzherren, abgeschlossen von Bagdad und seinen täglich sich abspielenden zahllosen Tragödien. Die Beamten in der Grünen Zone entwerfen Pläne und Strategien, während das Land draußen sich in grausame Fehden verstrickt und unterzugehen droht. Immer wieder schlagen Granaten in die Grüne Zone ein. Sie erinnern ihre Bewohner daran - wenn sie es denn je vergessen könnten -, dass der Krieg im Irak vor nichts haltmacht, dass er über alle Abgrenzungen hinweg wuchert und niemanden verschont.

So sieht es in den Städten aus, die nach den Anschlägen vom 11. September von ihren Peinigern befreit wurden. Es lässt sich leicht ausmalen, wer bei diesem Anblick Zufriedenheit empfindet: Osama bin Laden.

El Kaida ist es gelungen, die USA in zwei scheinbar endlose Kriege zu locken. Dafür zahlen die USA einen immensen finanziellen Preis. Nach Berechnungen von Linda Bilmes, Professorin für Ökonomie in Harvard, hat alleine der Irakkrieg bisher Gesamtkosten von 3000 Milliarden Dollar verursacht. Bin Laden hat schon einmal erlebt, wie eine scheinbar unbesiegbare Supermacht ausblutete. Er kämpfte in den Achtzigerjahren aufseiten der afghanischen Mudschaheddin gegen die Rote Armee. Kurze Zeit nachdem die Sowjets 1989 geschlagen aus Afghanistan zurückzogen, fiel die Berliner Mauer. Die Sowjetunion löste sich zwei Jahre später auf. El Kaida ist überzeugt, dass sich dieser "Erfolg" mit den USA wiederholen lässt. Die Terrororganisation denkt in diesen langen historischen Zeiträumen.

Die entscheidende Schlacht zwischen dem Westen und dem Terror findet jedoch nicht auf ökonomischer oder militärischer Ebene statt, sondern auf moralischer. Gelingt es dem Westen seine Standards von Menschenrechten und Demokratie in dieser Auseinandersetzung hochzuhalten? Oder wird Bin Laden Recht bekommen, der behauptet, dass Menschenrechte und Demokratie nur leeres Gerede einer kalten, nur an ihren Interessen orientierten Supermacht seien? Die USA haben jedenfalls durch das Gefängnis von Guantánamo und den Folterskandal von Abu Ghraib ihre innersten Werte verletzt und ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den Terror untergraben. Sie haben damit Bin Laden wirkungsvoll in die Hände gespielt. Ayman al Zawahiri, Stellvertreter Bin Ladens und strategischer Kopf Al Kaidas, sagt deswegen, dass der "Westen den Krieg gegen den Islam verloren hat". Hat al Zawahiri Recht?

Die Anschläge vom 11. September waren auf eine besondere Weise perfide. Ihr Ausmaß, ihre Spektakularität und ihre Öffentlichkeit haben die US-Regierung unter Zugzwang gesetzt. Die USA begriffen den Angriff als Kriegserklärung, die sie nur mit gleicher Münze beantworten konnten. George W. Bush verkündete den "war on terror". Darin sehen viele Kritiker die Ursünde der Regierung Bush. Der Terrorangriff vom 11. September sei nämlich keine Kriegserklärung, sondern ein Massenverbrechen krimineller Natur. Darum hätte man auch mit polizeilichen, nicht mit militärischen Maßnahmen reagieren müssen. Dieses Argument ist nicht falsch, doch bleibt es abstrakt, denn es unterschlägt den Druck, den die Anschläge vom 11. September entfaltet haben. Hätte der US-Präsident, nachdem seine Nation unter den Augen der Welt tief verletzt und gedemütigt worden war, seinem Volk sagen können: "Lasst uns die Ruhe bewahren. 3000 Tote im World Trade Center, das ist kein Krieg. Das ist ein krimineller Akt. Polizei und Geheimdienste werden sich darum kümmern"?

Wahrscheinlich wäre er mit so einer Erklärung nicht lange im Amt verblieben. Der 11. September verlangte nach einer starken, sichtbaren Reaktion. Die USA mussten der Welt beweisen, dass sie sich wehren konnten. Wer immer sie angriff, musste mit schneller und harter Bestrafung rechnen. Das ist verständlich und richtig. Das Problem ist, dass die Strafe nicht nur jene trifft, die für das Attentat verantwortlich waren, sondern viele Menschen, die damit überhaupt nichts zu tun hatten. Der "war on terror" ist nicht präzise geführt, weder in einem analytischen noch praktischem Sinne, und er ist nicht verhältnismäßig. Das ist das Problem.

Die Regierung Bush unterstellte zuerst, die Terroristen hätten zugeschlagen, weil "wir so sind, wie wir sind". Sie hassten, so das Argument, unsere Freiheiten, unsere Werte, unsere Zivilisation. Eine merkwürdige ahistorische Sichtweise. Sie blendete aus, dass der Westen und seine Führungsnation eine Geschichte im Nahen Osten haben. So als ob man in dieser Welt nur "sein" könne, ohne zu "handeln". Sie unterschlug, dass die Terroristen den Westen nicht so sehr für das hassten, was er war, sondern für das, was er tut und getan hat. Sie schloss damit jede Reflexion über die eigene Politik aus. Das Opfer konnte nicht gleichzeitig Täter sein, der Täter nicht gleichzeitig Opfer.

In einem zweiten Schritt wurden die Fronten geklärt. Die USA ließen die Welt wissen, dass sie ab nun klar zwischen Freunden und Feinden unterscheide. "Entweder sie sind gegen uns oder mit uns!" - das ist die Botschaft, die der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage dem pakistanischen Militärherrscher Pervez Musharraf am 13. September 2001 überbrachte. Sie galt nicht nur für Musharraf, sie galt für alle. Wer sich nicht einreihte, musste mit Strafe rechnen.

In einem dritten Schritt identifizierte die Regierung Bush die geopolitischen Feinde des Westens. Im Jänner 2002 hielt der Präsident seine Rede an die Nation. Dabei führte er den Begriff von der "Achse des Bösen" ein - gemeint waren Irak, Iran und Nordkorea, allesamt Schurkenstaaten, die Terroristen unterstützen und selbst terroristische Ambitionen hätten.

Der "war on terror" war damit zeitlich, inhaltlich und räumlich ins potenziell Unendliche ausgeweitet worden. Wie lange dauert der Krieg? "Können wir nicht sagen, aber auf jeden Fall sehr, sehr lange!" Wer sind die Terroristen? "Alle, die auf uns schießen!" Wo müssen wir sie bekämpfen? "Überall auf der Welt!" Damit gingen alle Differenzierungen verloren und damit der Spielraum für Politik. Wo liegt der Unterschied zwischen einem Talib und Osama bin Laden? Was will ein irakischer Sunnit und was eine Schiit? Was will die Islamische Republik Iran und was ihre Bürger? Und warum wollen sie das und nichts anderes? Und schließlich: Was will El Kaida? Und wollen alle El-Kaidisten dasselbe? Solche Fragen sind lange nicht mehr gestellt worden. Erst heute, sechs Jahre nach den Anschlägen vom 11. September, da dem Westen dämmert, dass er den Krieg auch verlieren könnte, erst jetzt werden diese Fragen wieder gestellt.

Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Krieg gegen den Terror nicht gewonnen werden kann, denn der Terror als Erscheinungsform der Gewalt wird nie auszurotten sein. Gewinnen lässt sich der Krieg gegen Terroristen - der Krieg gegen El Kaida. Dafür aber braucht es ein radikales Umdenken.

Ulrich Ladurner in FALTER 36/2007 vom 07.09.2007 (S. 8)


Rezension aus FALTER 27/2007

Die Rache des Westens

Die USA haben den Irakkrieg de facto verloren. In Afghanistan ist der Ausgang der Intervention ungewiss. Der Terrorismus in den westlichen Städten wurde nicht bekämpft – im Gegenteil. Wie konnten der Westen und seine Führungsmacht überhaupt in diese Lage geraten? Es gibt darauf eine Reihe von Antworten, die man in klugen Büchern nachlesen kann. Von Selbstverteidigung ist die Rede, von imperialer Hybris, von Allmachtsfantasien einer neokonservativen Washingtoner Clique, vom gnadenlosen Kampf um die Ressource Erdöl. Ein Motiv für die Kriege wird nicht erwähnt: Rache.
Das ist verständlich. Denn von Rache reden wir meist nur in privaten Beziehungen. Wenn zum Beispiel ein Mann seine Ehefrau wegen eines Ehebruchs ums Leben bringt. Wir reden auch von Rache, wenn ein Terrorist eine Bombe zündet oder einen Menschen köpft. Rache soll auch das Motiv der Attentäter sein, die in diesen Tagen Großbritannien in Angst und Schrecken versetzen. Wir aber sind nicht rachsüchtig, nicht jedenfalls in unserem Verhältnis zu anderen Staaten und Gesellschaften. Sollte man etwa glauben, dass der Westen einen Krieg beginnt, weil er sich rächen will? Glauben muss man das nicht, doch man sollte mehr als einen Gedanken darauf verschwenden.
Im Vorfeld des Irakkriegs sagte US-Präsident George W. Bush über den irakischen Diktator Saddam Hussein: "Dieser Kerl wollte meinen Vater umbringen!" Das hörten jene gerne, die Bush für einen Cowboy mit etwas simplem Gemüt halten. Bush jedoch gebührt für diesen Satz Dank. Er hat nämlich kurz vor dem Irakkrieg ein emotionales Element in eine ansonsten sehr sterile Debatte über das Für und Wider zum Irakkrieg eingeführt.
Wer heute die Argumente nachliest, die damals ins Feld geführt wurden, kommt aus dem Staunen nicht raus. Eine ganze Schar kluger Köpfe verglich den Sturz Saddams mit dem Sturz Hitlers, den Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 mit dem Wiederaufbau des Iraks – ebenso "leicht", ebenso schnell und ebenso erfolgreich sollte er vonstatten gehen. Da schwadronierte man von einem Zeitalter der Demokratie, der Freiheit und des Wohlstandes, das nach der Intervention im gesamten Nahen Osten anbrechen werde. Von allem Möglichen war die Rede, nur nicht vom Irak und seinen Verhältnissen. Er verschwand hinter großflächigen historischen Vergleichen, die vor dem Hintergrund europäischer Geschichte gezogen wurden. Die in den Medien geführte Auseinandersetzung, der intellektuelle Streit um den Krieg, hatte zu weiten Teilen nicht den Irak zum Gegenstand.

Wie ist das erklärbar? Eine Antwort wird man nicht finden, wenn man die vorgebrachten Argumente für den Krieg noch einmal prüft. Denn sie sind der eigentliche Beweis für die eigentümliche Unfähigkeit, ja für die Weigerung der Bellizisten, die irakische Wirklichkeit im Vorfeld des Kriegs wahrzunehmen. Man muss woanders suchen. Am besten folgt man der Spur, die George W. Bush gelegt hat. Sie nämlich führt in einen Bereich, den die Intellektuellen, ob Journalisten oder Akademiker, nicht wirklich betreten wollten: den der kruden Emotionen. Dort stößt man auf die Antwort für die Blindheit der Kriegsbefürworter: Rachsucht. Der Wunsch nach Vergeltung breitete sich unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September aus. Freilich, man redete eloquent über die Herausforderung, die der Islam für den Westen darstelle. Die Anzahl der Experten vervielfachte sich in kürzester Zeit, die Talkshows füllten sich, die Zeitungsspalten auch. Alles lief in den scheinbar gesitteten, diskursiven Bahnen westlicher Mediengesellschaften ab. Wenn vom Hass die Rede war, dann war es der Hass der anderen – der eigene war kein Thema. Dabei war die Sehnsucht nach Vergeltung, die sich nach dem 11. September breitmachte, weder zu überhören noch zu übersehen.
Den Dirty Talk überließ man Männern wie dem damals amtierenden US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Er sprach die Sprache eines gewalttätigen Gangsters. Keiner störte sich daran. Haudegen war der Begriff, mit dem man ihn oft beschrieb. In Wahrheit war er der Kettenhund, der von der Leine gelassen nach Belieben wüten durfte. Erst viel später, als 2004 der Folterskandal von Abu Ghraib aufflog, begriff die Öffentlichkeit, dass es einen Zusammenhang gab zwischen den Worten Rumsfelds und den Taten seiner Truppen. Dieser Mann meinte es ernst. Nicht einmal drei Wochen nach dem 11. September bombardierten die USA das von den Taliban beherrschte Afghanistan. Drei Wochen sind eine kurze Zeit, doch damals heimste US-Präsident Bush von allen Seiten Lob für seine "Geduld" ein. Er habe ja versucht – so der Tenor – die Taliban zu überreden, Osama bin Laden herauszugeben. Dabei sei er sehr geduldig gewesen. Drei Wochen schienen eine Ewigkeit, weil der 11. September die Zeit politischer Entscheidungen irrsinnig beschleunigt hatte.
Die Schmach und das Leid, welches die USA vor den Augen der gesamten Welt erlitten hatten, erlaubten es Präsident Bush nicht, lange zuzuwarten. Das jedenfalls war die allgemeine Lesart. Henry Kissinger verglich den 11. September mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour 1941. Hätte Roosevelt damals etwa nicht Japan den Krieg erklären sollen? Die Antwort war klar. Bush musste handeln, entschlossen und schnell. Dabei hatte er die Unterstützung nahezu der gesamten Welt. Die Uno legitimierte die Intervention. Die Nato rief zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus. Selbst das islamische Pakistan, bis dahin der Patron der Taliban, wechselte die Seiten und unterstützte die USA. Der Krieg war rechtlich und politisch legitimiert.
Worauf lassen wir uns in Afghanistan ein? Was wollen wir da erreichen? Man gab sich wenig Zeit, darüber nachzudenken, weil man glaubte, sie nicht zu haben. Bomben sollten die Schmach auslöschen und den Feinden des Westens eine Lehre sein. Amerika wird jeden terroristischen Angriff mit Härte beantworten. Das war die Botschaft. Man diskutierte weniger darüber, wie man nach dem Terror vom 11. September und nach dem Angriff auf Afghanistan einen terroristischen Angriff definieren sollte.
Waren etwa die Taliban en toto gleichzusetzen mit der Terrorganisation El Kaida? Es gab unzählige gute Gründe, das tyrannische Regime der Taliban von der Macht zu vertreiben. Die Mehrheit der Afghanen begrüßte die Intervention. Als Kabul fiel, war der Jubel groß. Der Westen kam als Befreier in einem ihm aufgezwungenen Krieg. Es gab kaum Gegner, gegen die man argumentieren musste. Das Bedürfnis des Westens nach Vergeltung für den 11. September war kein Thema öffentlicher Erörterung. Es tauchte höchstens in der brutalisierten Sprache mancher amerikanischer Militärs auf, die Osama bin Laden in den Bergen Afghanistans jagten. Doch darauf achtete man nicht weiter. Soldaten, das schien man zu glauben, sprechen nun einmal so, wenn man sie in einen Krieg schickt. Dabei sprechen Militärs in der Öffentlichkeit so, wie es ihnen die Politik erlaubt und wie es die Gesellschaft toleriert. Rache als Motiv war damals sichtbar, als analytische Kategorie nahm sie keiner ernst.

Der Irakkrieg war im Gegensatz zu Afghanistan ein "war of choice", ein gewollter Krieg, einer, den man mutwillig vom Zaun bricht. Das führte zu einer tiefen Spaltung des Westens, und er öffnete einen Riss, der nicht verheilt ist. Heute weiß man, dass die Regierung Bush unmittelbar nach dem 11. September den Krieg gegen Saddam Hussein plante. Afghanistan war gewissermaßen nur ein Umweg gewesen. Die Regierung Bush ergriff die Gelegenheit, den Diktator loszuwerden, der die Supermacht seit Jahren provozierte, das eigene Volk terrorisierte und die Region destabilisierte. Es war einfach, den Sturz des Tyrannen aus Bagdad zu befürworten. Dabei diente der Diktator den Intellektuellen als Projektionsfläche für allerlei Sehnsüchte. Der kanadische Harvard-Professor und Schriftsteller Michael Ignatieff, der sich selbst zu den Linken zählt, benutzte Saddam dazu, das Lager der Linken aufzumischen: "Die Liberalen werden immer beschuldigt, sich raushalten zu wollen und in fruchtlosen Streit zu versinken. Aber dieser Kerl (Saddam, Anm. d. A.) ist wirklich schrecklich!" Und weil er so schrecklich sei, müsse man intervenieren – und nebenbei die antibellizistische Linke von Grund auf verändern.
Die Bellizisten waren vom revolutionären Wunsch getrieben, ein für alle Mal aufzuräumen. Saddam, das war nur der Anfang, danach sollten alle anderen "Bösen" in der Region fallen wie Dominosteine. In Wahrheit aber echauffierten sich die intellektuellen Kriegsbefürworter über die Potentaten der Region, für die sie sich bis dato mit wenigen Ausnahmen ohnehin nicht wirklich interessiert hatten, vor allem deshalb, weil es ein Weg war, alte Rechnungen zu begleichen. Der deutsche Liedermacher Wolf Biermann schrieb: "Ich bin für diesen Krieg, damit das klar ist (...) Ich behaupte, dass jeder absolut weiß, ob er nun für oder gegen den Krieg ist, dass Saddam alle diese Waffen besitzt." Die Kriegsgegner beschimpfte er als "Nationalpazifisten". Der New Yorker Kulturkritiker Paul Berman unterstellte den Gegnern mangelndes Mitgefühl mit dem geschundenen irakischen Volk. "Es ist in meinen Augen ein Skandal, dass nicht Hunderttausende auf die Straße gehen, um für die unterdrückten Irakis zu demonstrieren!" Es ging den Kriegsbefürwortern nicht um Saddam Hussein, es ging um die einheimischen Gegner. Es ging um Antiamerikaner, Antisemiten, Modernitätsverweigerer, Globalisierungsgegner – die Kriegsbefürworter nahmen alle ins Visier, die sie schon lange "auf der Liste" hatten. Wer gegen den Krieg war, fand sich bald mit einer Reihe von Vorwürfen konfrontiert, die mit der Sache nichts zu tun hatten. Der Soziologe Karl Otto Hondrich hob den Krieg auf eine metaphysische Ebene und deutete indirekt an, dass Kriegsgegner gar das Böse an sich unterstützten: "Amerika übt Vergeltung für die ungeheuerliche kollektive Verletzung, die ihm am 11. September widerfahren ist. Solange sie ungesühnt ist, verwischt sich die Unterscheidung zwischen Gut und Böse."
Als die ersten Bomben auf Bagdad fielen, gaben sich die Kriegsbefürworter der Illusion hin, dass man allein mit guten Argumenten bewaffnet in den Krieg ziehen könne. Die unvermeidlichen Opfer relativierte man mit der Aussicht auf das Paradies auf Erden. Ein bisschen Schmerzen noch, dann bräche eine Zeitalter des Lichtes für die Iraker an. Das Bombardement Bagdads fand gewissermaßen sine ira et studio statt, die Argumente schienen so präzise berechnet wie die intelligenten Raketen der US-Armee. Dabei wurde sehr schnell sichtbar, dass die Intervention alles andere als durchdacht war. Sie glich viel mehr der Attacke eines wild gewordenen Bullen, der auf Zerstörung aus war. Kaum waren die US-Soldaten nach Bagdad vorgedrungen, fiel die Stadt Plünderern zum Opfer. Die Besatzungsmacht schaute dem ratlos zu. Sie hatte keinen Plan für die Zeit nach dem Krieg.
Das war folgerichtig, denn die intellektuelle Fantasie hatte sich mit dem Sturz Saddams erschöpft. Blinde Rache ist planlos. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn posaunte George W. Bush sein "mission accomplished" hinaus. Das passte in das argumentative Gebäude, das die Kriegsbefürworter errichtet hatten. Das "absolut Böse" Saddam Hussein war erledigt, und damit hatte man auch den inneren Feind besiegt. Alles andere war nicht von Belang, auch nicht das Leiden des irakischen Volks. Nur selten wird das massenhafte Sterben der Iraker als Teil und Folge westlicher Politik verstanden. Das Kapitel Irak war zunächst mit dem Sturz der Statue Saddam Husseins auf dem Bagdader Ferdowsi-Platz geschlossen. Schon blickte man in Richtung Iran, wo man das nächste absolute Böse ausmachte.

Doch der Irak meldete sich zurück. Im November 2004 brachen die Schrecken des Kriegs mit atavistischer Wucht in die Bilderwelt des Westens ein. Ein fanatisierter Mob lynchte in Falludscha vier amerikanische Sicherheitsleute. Was von den Toten übrig blieb, wurde unter dem Triumphgeheul der Menschenmenge an einer Brücke über den Tigris aufgehängt. Die Menschen waren offensichtlich von Rachedurst getrieben, von der Lust, den vielfach überlegenen Gegner mit grausamen Mitteln zu treffen. Die Demütigung von Falludscha war eine mediale und politische Niederlage ersten Ranges. Die US-Armee antwortete, so wie sie auch nach dem 11. September geantwortet hatte, mit dem Feuer der Vernichtung. Es mangelte nicht an Warnungen, Falludscha nicht mit Gewalt zu nehmen, da dies nur zu weiterem Widerstand der Bevölkerung führen würde. Es war zu spät. Die Spirale von Angriff und Vergeltung drehte sich unerbittlich weiter. Und heute weiß keiner mehr, wie er sie aufhalten kann.
Je schlimmer der Krieg im Irak wütete, desto stiller wurden die Intellektuellen, die ihn befürwortet hatten. Wenige gestanden offen, einen Fehler gemacht zu haben. Jene Kriegsbefürworter, die weder schweigen noch Fehler eingestehen, behaupten, der Irakkrieg sei im Grunde eine gute Idee gewesen, die man schlecht ausgeführt habe. Die USA hätten den Diktator gestürzt, danach aber zugelassen, dass sich Sunniten und Schiiten gegenseitig an die Gurgel gingen. Diese Erklärung schiebt auf zynische Art den Irakern die Schuld für das Desaster in die Schuhe und lenkt von den eigenen, dunklen Motiven ab. Die Iraker seien demnach nicht fähig gewesen, die ihnen großzügig angebotene Chance zu ergreifen. Warum gelang ihnen das nicht? Weil sie im Gegensatz zu uns rational handelnden Westlern nun einmal rachsüchtig sind. Barbaren eben.

Ulrich Ladurner in FALTER 27/2007 vom 06.07.2007 (S. 10)


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