Venus im Pelz

von Leopold von Sacher-Masoch

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Verlag: FISCHER Taschenbuch
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.09.2013


Rezension aus FALTER 41/2013

Die heikle Balance von Fetisch und Furcht

Gehst du zum Manne, vergiss die Peitsche nicht: Leopold von Sacher-Masochs Klassiker "Venus im Pelz"

Verglichen mit dem Marquis de Sade hat Leopold von Sacher-Masoch postum ein trauriges Schicksal erlitten: Seit der Psychiater Richard von Krafft-Ebing ihm in seiner "Psychopathia sexualis" (1886) die prekäre Ehre erwiesen hat, ihn zum Namenspatron für eine Form sexueller Perversion zu wählen, wird Sacher-Masochs Name fast ausschließlich mit der Lust zu leiden verbunden – und kaum mit seinem literarischen Werk.
Der Autor selbst, 1836 als Sohn des k.u.k. Polizeidirektors in Lemberg geboren, machte zwar kein Hehl aus den autobiografischen Koordinaten seiner Prosa, er inszenierte sich sogar als "Fall", dennoch wehrte er sich gegen Krafft-Ebings terminologischen Kraftakt, wohl vor allem deshalb, weil er seine erotische Weltanschauung nicht als pathologisch abgestempelt sehen wollte. In nuce enthalten – und dabei sehr wohl auch problematisiert – ist diese Leidenschaft für das Leiden in Sacher-Masochs berühmtester Novelle, "Venus im Pelz" von 1870.

In der Rahmenhandlung berichtet der Erzähler seinem Freund, dem galizischen Gutsherrn Severin von Kusiemski, einen Traum. Just bei der Lektüre Hegels ist ihm die Göttin der Liebe erschienen, nackt in einen Pelz gehüllt, um ihm eine ironische Lektion zu erteilen. Angeregt war diese Erscheinung offensichtlich von einem Gemälde in Severins Salon, das den Hausherrn in jüngeren Jahren zu Füßen einer schönen Nackten im Pelz und mit Peitsche porträtiert und sein Gegenstück in Tizians "Venus mit dem Spiegel" hat; "die pikanteste Satire auf unsere Liebe", Venus, die "in der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen muß, um sich nicht zu erkälten".
Severin, der sich gegenüber seiner hübschen Dienerin auffällig herrisch verhält, gesteht seinerseits, den Traum der Devotion "mit offenen Augen" geträumt zu haben, er erklärt sich für "kuriert" und übergibt dem Freund ein Manuskript zur Lektüre – die eigentliche Erzählung handelt von Severins Begegnung mit der schönen, jungen Witwe Wanda von Dunajew in einem Karpatenbad.

Der Ich-Erzähler, zunächst heftig in die marmorne Venus im Park verliebt, ist sogleich fasziniert, nicht zuletzt von Wandas geradezu revolutionärer Philosophie des Eros, die das christliche Ethos der Treue ablehnt und sich zur antiken Liebe bekennt: "Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt, ich ziehe es vor, glücklich zu sein." Verständlich, dass Severin darauf sinnt, in den Genuss dieser amourösen Großzügigkeit zu gelangen, zumal Wanda ihn durch einen nächtlichen Auftritt im Pelzmantel dazu ermutigt. Severins Heiratsantrag beantwortet Wanda mit dem ungewöhnlichen Gegenvorschlag einer einjährigen Probezeit mit Verehelichung bei Gefallen. Severin wiederum will nun, anstelle der Vereinigung auf Augenhöhe, die totale Unterwerfung unter die Frau.
Die Rolle der grausamen Gebieterin behagt Wanda freilich zunächst gar nicht, schließlich setzt sie jedoch einen Kontrakt auf, den er unterzeichnet und nach dem sie ihn als ihren Diener, ja Sklaven behandeln, ihn demütigen, quälen, ja sogar töten darf, wobei ihre Gegenleistung bescheiden ist: möglichst häufiges Erscheinen im Pelz. Man begibt sich nach Florenz, und dass es nun ernst wird, erkennt Severin alias Gregor daran, dass er 3. Klasse reisen muss, wo der Waggon "mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm wie die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war".
Wanda, zunächst libertär gesinnt, dann probeweise monogam, beginnt Gefallen am sadistischen Spiel zu finden. Sie züchtigt Gregor/Severin nicht nur handgreiflich, sie kokettiert auch mit dem Maler, der sie beide in hierarchischer Zweisamkeit verewigt, und legt sich einen Apollo gleichenden Griechen als Geliebten zu, von dem sie Severin als Krönung auspeitschen lässt. Nun erst erkennt der Erzähler, alleingelassen, das ganze Elend seiner Obsession. Ernüchtert kehrt er auf sein Gut zurück, wo ihn Jahre später ein Brief Wandas mitsamt dem Gemälde erreicht.
"Venus im Pelz" ist eine kluge, symbolistisch aufgeladene, bald humorvolle, bald exaltierte, mitunter auch bizarre Studie über das Verhältnis der Geschlechter, die Macht des Phantasmas und die heikle Balance von Fetisch und Furcht, von Stärke und Schwäche.

Die Frage, wer hier eigentlich wen beherrscht, bleibt offen. Wanda ergreift bald die Zügel, sie verwirklicht dabei jedoch Severins Ideal, indes der Fantast für sie als Mann fürs Leben immer weniger in Frage kommt. Zuletzt entpuppt sie sich als seine Lehrmeisterin – Severin formuliert Sacher-Masochs hellsichtiges Credo, dass nämlich die Frau nur entweder Sklavin oder Despotin des Mannes sein könne, seine Gefährtin erst dann, "wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit". Severin – vom lateinischen severus, streng – entscheidet sich für das role model des starken Mannes, der Erfolgsautor Sacher-Masoch tat das nicht.
Über dessen durcherotisierte Literatur meinte Gilles Deleuze, nie sei jemand "mit mehr Dezenz so weit gegangen". "Venus im Pelz" ist auch eine Pioniertat des Ästhetizismus: Wie die Statue unter den Händen des antiken Bildhauers Pygmalion verwandelt sich Kunst in Leben. Und am Ende wird das Leben zu Kunst domestiziert.
Die Erläuterungen der neuen Ausgabe sind leider dürftig. Erwähnt wird zwar Sacher-Masochs spätere Frau Angelika Aurora Rümelin, die sich Wanda von Dunajew nannte. Doch die eigentliche Venus im Pelz, Fanny von Pistor, kommt nicht vor: Mit ihr hatte der Schriftsteller tatsächlich einen Vertrag der Grausamkeiten geschlossen, nicht ohne sich darin täglich sechs ungestörte Arbeitsstunden auszubitten.

Daniela Strigl in FALTER 41/2013 vom 11.10.2013 (S. 21)


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