Eskorta
Roman

von Michal Hvorecky

€ 20,60
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Übersetzung: Mirko Kraetsch
Verlag: Tropen
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 250 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Kommunismus ist ein Retro-Gefühl

Der Slowake Michal Hvorecky weiß, wie man einen publikumswirksamen Roman zimmert. In seinem Erstling "City" entführte er den Leser noch in eine seltsam oberflächliche Zukunftswelt namens "Supereuropa", in der Staaten ihre Namen der Markenmacht unterwerfen und sich RedBullgarien, Pumarokko oder Mazdadonien nennen. Frauen lassen sich Nivea, Gucci oder Nike rufen, Männer Hilfiger und Volvo.
In seinem zweiten, eben auf Deutsch erschienen Roman "Eskorta" muss der Held den nächsten, logischen Schritt der totalen Vermarktung vollführen. Die Hauptfigur Michal Kirchner, Kind zweier bekennender Homosexueller, die sich zur Ehe entschlossen haben, um ihr Schwulen- bzw. Lesbendasein auch im Kommunismus ausleben zu können, verdingt sich als schöner Luxus-Callboy in einem Bratislava der nahen Zukunft. Auf rasanten 250 Seiten erlebt er die Verlockungen des schnellen Geldes, die Oberflächlichkeit der Businesswelt und findet kurz die wahre Liebe, die, wie kann es anders sein, tragisch enden muss.
Wegen eines ausgeklügelten Plots muss man Hvoreckys Bücher nicht lesen, sie leben vom gesellschaftskritischen Blick, den futuristischen Einfällen und dem Wortwitz des 1976 geborenen Autors. In "Eskorta" hat sich Bratislava zur Wirtschaftsmetropole Osteuropas gewandelt, in der Heerscharen gelangweilter Gattinnen ausländischer Manager, aber auch erfolgreiche Businessfrauen auf die Dienste osteuropäischer, "ursprünglicher" Jungs warten. Konsum, Sex, Exzess – Hvoreckys Zukunftsentwurf seiner Heimatstadt erinnert nicht von ungefähr an jenes "Gratislava", das vor allem Briten und Amerikaner von Junggesellenreisen und Sauftouren kennen.

Mystik, Migration und Mongolei Knapp an der Gegenwart vorbei ist auch der ganz anders aufgebaute Roman der 1979 geborenen tschechischen Autorin Petra Hulová angesiedelt. In "Manches wird geschehen" versucht ihre Hauptfigur Tereza als Fotografin ihr Glück in New York und lernt dort Ramid kennen, einen Charmeur und Geschichtenerzähler aus einem nicht näher benannten Land Asiens, das streckenweise an Persien erinnert. Die beiden sind das vorerst letzte Glied einer langen Kette, denn aus Terezas wie Ramids Familien waren bereits Verwandte in die USA ausgewandert.
Auf gemächlich erzählten 350 Seiten entsteht so ein Panorama miteinander verwobener europäischer Migrantenschicksale quer durch die letzten zwei Jahrhunderte, wobei die Autorin tendenziell lieber bei den teilweise beinahe mystisch gefärbten Lebensgeschichten der Vorfahren verweilt und die beiden gegenwärtigen Protagonisten ihres Buches nur schemenhaft greifbar werden.
Deutlich schimmert bei der Beschreibung von Ramids Vorfahren Hulovás Begeisterung für die Mongolei durch, die schon Schauplatz ihres ersten Buches "In Erinnerung an meine Großmutter" (2002) war. Die studierte Kulturwissenschafterin und Mongolistin, die das Land bei einem Studienaufenthalt gut kennenlernte, erzählte darin die Geschichte einer Nomadenfamilie, die die Armut in die Stadt treibt. In der Tradition der mündlichen Erzählweise stehen auch weite Strecken von "Manches wird geschehen". Die schöne, rhythmische Übersetzung des österreichischen Schriftstellers Michael Stavaric betont die bisweilen etwas altertümliche und manchmal bewusst märchenhafte Sprache Hulovás.

Vermeidung jüngster Vergangenheit So unterschiedlich die Figuren, Schauplätze und auch die Sprache Hvoreckys und Hulovás sind, in einem gleichen sie sich doch: Beide machen einen eleganten Bogen um die unmittelbare Vergangenheit und Jetztzeit. Die aktuellen Verhältnisse in Tschechien und der Slowakei – immerhin erst seit mickrigen 16 Jahren eigenständige Staaten – werden nur am Rande gestreift. Das ist doch ein bisschen verwunderlich, denn gerade in den Jahren des osteuropäischen Umbruchs fände sich genügend Material für eine offene Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte, die unter Umständen sogar auf einen (ohnehin längst überfälligen) Generationskonflikt hinauslaufen könnte. Mancher Autor aus Westeuropa wäre vielleicht sogar froh über eine derartige Fülle an gesellschaftspolitischen Verwerfungen, über Konflikte, die tief ins Private hineinreichen und anhand derer sich Grundfragen wie die nach der Freiheit des Einzelnen beschreiben ließen.
Stellenweise schimmern diese Themen bei Hvorecky und Hulová auch durch, etwa wenn Michal Kirchner die Geschichte seiner Eltern beschreibt und später miterleben muss, wie ehemalige Geheimdienstdossiers über sie publik werden. In der Slowakei wurden Listen mit einstigen informellen Mitarbeitern des staatlichen Spitzeldienstes ins Internet gestellt, was zum Bruch so mancher Freundschaft führte. An solchen Stellen von "Eskorta" wünscht man sich dann manchmal mehr von diesen Ereignissen und vielleicht weniger Sex- und Drogenrausch in anonymen Luxushotels.
Hulová lässt Terezas Onkel Rudolf über das damalige Jugoslawien in die USA ausreisen, während dessen Schwester in der tristen Tschechoslowakei zurückbleibt. Aber auch sie beschreibt das nur andeutungsweise in einer kurzen, rührenden Szene, in der Rudolf die ihm alljährlich aus Prag zugeschickten Porträts seiner Schwester betrachtet. Zerrissene Familien, die nach der Wende im Jahr 1989 nicht mehr an die gemeinsame Vergangenheit und verwandtschaftliche Vertrautheit anknüpfen können: Auch das ist ein Thema, das im Leben der Exiltschechen allgegenwärtig ist.
Der große, umfassende Wenderoman, wie ihn der Träger des Deutschen Buchpreis Uwe Tellkamp mit "Der Turm" geschrieben hat, ist ganz eindeutig nicht Hvoreckys oder Hulovás Ziel. Stattdessen nehmen sie eher Anleihen an der reichen slawischen Tradition des utopischen und fantastischen Romans. Hulová, indem sie eine von Ramids Vorfahrinnen mit übernatürlichen hellseherischen Kräften ausstattet und dem Schicksal des Zirkus, mit dem Ramids Onkel ins Land der großen Versprechungen reist, viel Raum gibt. Hvorecky, indem er Michal am Ende zur Frau werden lässt, die eine – erstaunlich kenntnisreich beschriebene – Sexualität entwickelt und schließlich auch Schwangerschaft und Geburt erleben darf.

Generation Nichts wie weg Auch die etwas ältere Literatengeneration Tschechiens (die Slowakei ist in dieser Hinsicht noch recht neu auf der literarischen Landkarte) schwelgt gerne im Jenseits, zeitlich wie örtlich. Ende der 90er-Jahre erschienene Werke widmeten sich etwa gerne und ausführlich dem einstigen Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Beinahe wehmütig wurde seine bunte Mannigfaltigkeit der Monokultur des heutigen Tschechien gegenübergestellt – eine Aufarbeitung der schmerzenden Erfahrung des jahrelangen, vor allem auch kulturellen Abgeschottetseins hinter dem Eisernen Vorhang. Die Helden von Jiri Kratochvils "Unsterbliche Geschichte" (1997, 2000 auf Deutsch erschienen) oder von Eda Kriseovas "Katzenleben" (1997) haben sowohl deutsche als auch slawische Vorfahren.
Vielleicht sind es auch die etwa zehn Jahre Altersunterschied, die den Deutschen Tellkamp (Jahrgang 1968) von Hvorecky und Hulová trennen, die deren andere Perspektivenwahl erklären. Für die Generation, die Mitte der 70er-Jahre geboren wurde, kam die Wende im Teenageralter, zu einem Zeitpunkt, als man sich noch schnell umstellen, das neue Leben packen und nutzen konnte. An die kommunistische Jugendzeit erinnerte man sich eher mit unpolitischen Retro-Gefühlen. Um die unmittelbare Aufarbeitung des historischen Ballastes sollen sich doch die etwas Älteren kümmern, die diese Zeit tatsächlich noch erlebt haben. Hvorecky und Holuvá gehen ihren eigenen literarischen Weg. Für sie gilt: Nichts wie weg.

Barbaba Tóth in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 15)


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