Only Revolutions. Roman.

von Mark Z. Danielewski

€ 30,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Gerhard Falkner
Übersetzung: Nora Matocza
Verlag: Tropen
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 365 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.03.2012

Rezension aus FALTER 12/2012

Zwischen Manierismus und Maximalismus

Mit "Only Revolutions" hat Mark Z. Danielewski dem analogen Medium Buch einen neuen Dreh verpasst

Mit diesem Buch kann man eine Menge anfangen. Man kann es von zwei Seiten her öffnen und von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten lesen, was auf dasselbe hinausläuft, man kann es auf den Kopf stellen und den gegenläufigen Text lesen, man kann sich in die links durchlaufende Geschichtskolumne vertiefen, die alle möglichen Ereignisse von 1863 bis heute auflistet. Und wem das noch nicht genügt, der kann Mark Z. Danielewskis Roman "Only Revolutions" mit seinen vielfarbigen und vieldeutigen Buchstabenspielen einfach auch als zweidimensionales Buchkunstwerk genießen. Nach alledem stellt sich nur noch die Frage, ob man "Only Revolutions" auch lesen kann.

Auf Youtube kann man den Autor sehen, wie er bäuchlings auf einem riesengroßen gelben Stück Papier liegt und seinen Roman montiert – ein veritables Stück Handarbeit, von dem der Autor stolz sagt, dieses Buch könne es online nicht geben. Unmöglichkeit, alle Finessen seiner Konstruktion aufzuzählen. Jede "Sektion" besteht aus acht Seiten, wobei der Verlag empfiehlt, man solle alle acht Seiten zwischen der einen (Sams) und der anderen (Haileys) Geschichte hin und her pendeln. Jede Seite enthält genau 180 Wörter, 90 davon stehen auf dem Kopf, und eine Doppelseite hat dann genau 360 Wörter oder Grad, führt also eine vollendete Umdrehung aus. Und kommt damit dem nahe, was seit Kopernikus "Revolution" heißt: eine gleichbleibende gesetzmäßige und kreisförmig verlaufende Bewegung der Himmelskörper.
Danielewski ist theoretisch mit allen Wassern gewaschen. Er hat in Yale Englisch und manches mehr studiert, er war zum Lateinstudium in Stanford und in Paris zum Schreiben. Er ist mit Derrida ebenso vertraut wie mit der höheren Mathematik, und er gehört, wie David Foster Wallace, Thomas Pynchon oder William Gaddis, in die amerikanische Schule der universalgelehrten "Maximalisten" – im Gegensatz zu den Minimalisten der Raymond-Carver-Schule; beides, wie man weiß, Früchte der kreativen Schreibprogramme an den amerikanischen Universitäten.
Mit "House of Leaves" hatte Danielewski im Jahre 2000 gleich mit dem Debüt einen gewaltigen Hit gelandet; "Only Revolutions", das 2006 erschien, wurde zurückhaltender aufgenommen, wohl auch, weil diesmal keine Horror- und Gothic-Effekte die Lektüre erleichterten, sondern ein postpostmodernes Textgebirge zu besteigen war.

Worum geht es eigentlich in "Only Revolutions"? Nun, es geht um Sam und Hailey, und wie sie in wechselnden Autos durch Amerika reisen, Sex haben und an verschiedenen Orten und Zeiten mit der amerikanischen Geschichte in Kontakte treten. Zwei Teenager, "wild at heart" wie in einem David-Lynch-Film, Wiedergänger aller popkulturellen Träume vom großen Losfahren.
Viel Handlung im landläufigen Sinn hat Danielewski nicht zu bieten, und er lenkt obendrein den Leser durch die Textgestaltung von einer linearen Lektüre ab. Dem Leser, dumm, wie er ist, fällt dann aber doch nichts Besseres ein als die lineare Lektüre, und siehe da, sie funktioniert. Wenn man erst mal alles Mögliche, die Geschichtskolumne, die Buchstabenfarben und den Text-auf-dem-Kopf ausgeblendet hat, kann man Spuren einer Geschichte entdecken. Prosa ist es eigentlich nicht, was Danielewski, eher ist dies ein episches Poem: "Haylelujah. Haleskarth! / Endlich entsprungen! / Ich kann alles / hinter mir lassen. / Alle lieben / den Traum, doch ich töte ihn. / Weißkopfseeadler schweben über / mir: – Reveille Rebell!". Und in der Gegenrichtung (Haileys Text): "Samsationell! Samarra! / Großartig! / Ich kann alles / hinter mir lassen. / Alle lieben / den Traum, doch ich töte ihn. / Die Atlaszedern peitschen: / – Auf geht's, Boogaloo!" So geht es dahin, natürlich ist dies kein Pageturner, aber wer kann, wird sich in die komplexe Schönheit dieser Sprache genau so vertiefen, wie man sich in eine vertrackte Skulptur vertieft.

Gegen maximalistische Romane wie diesen gibt es einen Generalvorbehalt: Sie seien überproduziert, prätentiös und beförderten zu viel intellektuelle Fracht, um diese erzählerisch sinnvoll zu integrieren. Und außerdem habe ja schon James Joyce "Finnegans Wake" geschrieben, diese Revolution sei also schon passiert oder auch gescheitert, und niemand müsse heute noch beweisen, dass der Roman mehr könne, als lineare Geschichten zu erzählen.
Das ist die minimalistische Option, derzufolge der Gipfel der Literatur etwa mit Philip Roths immer karger werdenden Romanen erreicht sei. Demgegenüber wollen die Maximalisten die Grenzen des Erzählens, selbst wenn das andere schon vor ihnen getan haben, immer wieder neu erweitern. Das glückt mal mehr, mal weniger, das ist anstrengend und manchmal angeberisch, aber muss man angesichts der Flut konventioneller Erzählprosa nicht froh sein, dass es solche Ungetüme wie "Only Revolutions" gibt?
Es könnte aber auch sein, dass sowohl die Minimalisten wie die Maximalisten Recht und Unrecht haben. Wie wäre es, wenn man Danielewski Roman einmal in einer historisch tieferen Perspektive betrachten und ihm dem Manierismus zurechnen würde, einer ein bisschen verrufenen, seit dem Spätbarock immer wieder einmal auftauchenden Tendenz zur Übertreibung, zur Abstraktion und Gelehrsamkeit – und manchmal auch zum Schwulst. Sehr gebildete und ehrgeizige Schriftsteller werden sich auch in Zukunft andere Ziele setzen als ausgerechnet den gut gebauten Familienroman. In Deutschland verkörpert Dietmar Dath (ein großer Danielewski-Fan) diesen Typus, in Österreich vielleicht jemand wie Clemens J. Setz. Wir müssen deren Romane gar nicht unbedingt als Anbruch eines neuen Literaturzeitalters begrüßen (was meistens falsch ist), sondern einfach froh sein, dass es im biederen Literaturbetrieb auch ein paar Verrückte im besten Sinne gibt.

Eigentlich ist "Only Revolutions" ja nahezu unübersetzbar. Man möchte gar nicht daran denken, was es bedeutet, die 90-Wort-Regel pro halbe Seite zu bewahren und dann auch noch Sinn und Stil einigermaßen getreu zu reproduzieren – von den englischen Sprachspielen ganz abgesehen. Gerhard Falkner, selbst ein renommierter Lyriker, und Nora Matoczy haben sich dieser so undankbaren wie herausfordernden Aufgabe gestellt und die erste Übersetzung überhaupt produziert. Sie ist ihnen glänzend gelungen, man vergleiche den oben zitierten Anfang von Sams Geschichte mit dem amerikanischen Original: "Haloes! Haleskarth! / Contraband! / I can walk away / from anything. / Everyone loves / the Dream but I kill it. / Bald Eagles soar over / me: – Reveille Rebel!"
Seit dem frühen Arno Schmidt hat es solche Spielweisen einer beziehungsreichen, komplexen, aber meistens auch sehr witzigen Sprachlichkeit im deutschen Sprachraum nur selten gegeben. Und man wüsste nicht, warum diese Kunst heute nicht mehr legitim sein sollte, nur weil sie große – manieristische – Vorläufer hat. Natürlich darf und kann man dieses Buch nicht schnell weglesen, man muss ihm und sich Zeit lassen, und manchmal wird es auch genügen, eine einzige Seite zu lesen; denn jede einzelne Seite ist ja ein Kunstwerk in sich.

Mark Z. Danielewski ist unterdessen schon unterwegs zu neuen Groß- und Größttaten. Angekündigt, aber nicht erschienen ist seit längerem ein 27-bändiges Werk namens "The Familiar", von denen die ersten fünf Bände schon beim Verlag sein sollen. Es ginge darum, hat Danielewski verkündet, "um ein zwölfjähriges Mädchen, das ein Kätzchen findet".
Was man nicht kurz erzählen kann, das muss man eben lang erzählen. Und führt Danielewski mit seiner subtil großmäuligen Ankündigung nicht geradezu die
Versöhnung von Minimalismus und Maximalismus herbei, dergestalt, dass er nun 27 Bände lang auf einem einzigen Ereignis herumreiten wird? Es gehört wohl zu
seiner Strategie, dass nach der Ankündigung zunächst einmal gar nichts erschienen ist und sich die diversen Danielewski-Dechiffrier-Syndikate im Internet vor Aufregung überschlagen. Bevor das neue Opus maximum erscheint, kann sich die Leserschaft erst noch eine Weile an "Only Revolutions" erfreuen.

Christoph Bartmann in FALTER 12/2012 vom 23.03.2012 (S. 35)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb