Ihr Körper und andere Teilhaber
Erzählungen

von Carmen Maria Machado

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Tropen
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Acht Bissen müssen reichen

In den queeren Geistergeschichten der US-Schriftstellerin Carmen Maria Machado müssen Frauenkörper ziemlich viel ertragen

Als „husband stitch“ wird in den USA die zweifelhafte chirurgische Praxis bezeichnet, einer Frau, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hat, den Dammschnitt mit einem „Extrastich“ zu nähen. Was dem Ehemann wieder eine „Jungfrau“ im Bett bescheren soll, kann für die Gattin beim Sex zur Tortur werden.

Können Frauen über ihren eigenen Körper bestimmen? Schaffen sie es, indem sie ihre Lust ausleben? Und führt Kinderkriegen nicht automatisch wieder zu leiblicher Enteignung? In ihrem Debüt „Ihr Körper und andere Teilhaber“ versammelt die US-Autorin Carmen Maria Machado acht Erzählungen, die allesamt um die Frage kreisen, inwieweit Frauen frei über ihre Feminität verfügen.

Mit Elementen aus Horror, Science-Fiction und Erotik kreiert Machado einen Genremix, der zunächst leicht lesbar daherkommt, aber mit formalen und inhaltlichen Finessen aufwartet. Vieles bleibt dunkel: Handelt es sich um tatsächliche Begebenheiten oder nur um Träume, Erinnerungen oder Trugbilder?

In der ersten Erzählung trägt die Hauptfigur ein grünes Halsband, das keiner berühren darf. Bei Lesern aus Übersee klingelt es da: „The Green Ribbon“ heißt eine in Amerika wohlbekannte Gruselgeschichte, in der am Ende ein Mädchen seinen Kopf verliert. Während Machado das sexuelle Erwachen und die Mutterschaft ihrer Protagonistin Revue passieren lässt, fließen auch schaurige Urban Legends ein. Das Halsband steht für das Geheimnis einer Frau, wenn nicht gar für das Enigma der Weiblichkeit schlechthin. Die Männer der Erzählung versuchen dieses Fetischs, der auf Prostitution und die Guillotine der Französischen Revolution anspielt, habhaft zu werden.

In der Geschichte „Acht Bissen“ lässt sich eine übergewichtige Frau operativ den Magen verkleinern. Ihre drei Schwestern (Märchen!) haben den Eingriff bereits hinter sich. „Immer wenn ich mit ihnen sprach, kam das Gleiche aus ihren Mündern, eigentlich war es nur ein Mund, ein einziger Mund, der früher gegessen hat und jetzt nur noch sagen konnte: ,Ich fühle mich wirklich, wirklich gut.‘“

Während die Ich-Erzählerin selbst immer dünner wird, spürt sie plötzlich eine Präsenz in ihrem Haus. Ein Poltergeist geht um: Ihre verlorenen Rundungen suchen sie als trauriger Fleischknödel heim, auf den die frisch Erschlankte anfangs eindrischt, ihn aber dann seltsamerweise bedauert.

Immer wieder machen sich in Machados Buch die Körper selbstständig. Die Erzählung „Echte Frauen haben Körper“ schildert eine lesbische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Epidemie, die Frauen unsichtbar werden lässt, und auch die Ich-Erzählerin muss schließlich dabei zusehen, wie sich ihre Partnerin nach und nach auflöst. Als sie dann entdeckt, dass die immateriellen Gestalten in Kleidern fortleben, bedeutet das keinen Trost.

Nicht alle Geschichten sind gleichermaßen geglückt. Eine harte Nuss stellt die längste Erzählung, „Besonders heimtückisch“, dar, in der ganze 272 Folgen der TV-Serie „Law & Order“ in jeweils nur wenigen Sätzen referiert werden. Die Idee dazu wäre ihr in einem Fieberrausch gekommen, erklärte die Autorin in einem Interview ihr nerdiges Experiment.

Einen echten Sog hingegen entwickelt „Die Bewohnerin“, eine Story, in der eine Schriftstellerin eine entlegene Künstlerkolonie in einem Tal names „Teufelsschlund“ aufsucht und von einem ekelhaften Ausschlag befallen wird, worauf sie sich im Krankenbett an ein schlimmes Erlebnis aus ihrer Zeit als Pfadfindern erinnert: Als Mädchen hatte sie schlafwandelnd ihr Zelt verlassen, war aber von den anderen Kindern nicht aufgeweckt, sondern noch tiefer in den Wald gelockt worden.

Es ist auch ein stimmiges Bild für Machados Literatur. Der symbolisch überfrachtete Frauenkörper wird dort zu einem Schlachtfeld, der Traumata viel häufiger verbirgt als preisgibt – und sei es nur durch einen „Extrastich“, der Lust in Schmerz verwandelt.

Nicole Scheyerer in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 22)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen