Schönes Neues England

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Im Vorort Edmundsbury, dem neuen Zufluchtsort der hippen Londoner, toben die Auseinandersetzungen einer ach so schönen neuen Welt: Wie wollen wir wohnen und arbeiten? Und was wollen wir mit niemandem teilen? Sam Byers entwirft das Panorama einer Gesellschaft nach dem Brexit, deren Verwerfungen auch die persönlichsten Beziehungen erschüttern.
Das kleine Edmundsbury ist derart angesagt, dass es als das neue London gilt. Alle, die etwas auf sich halten, sind schon dort oder wollen hin. Doch unter der Oberfläche ist nicht alles nur schön. Der Vorort wird von einer Technologiefirma namens Green beherrscht, in deren inneren Machtbereich nur wenige vordringen. Und plötzlich kippt der trügerische Frieden: Ein Bauunternehmer beschließt, ein soziales Wohnprojekt zur Luxusanlage umzugestalten. Ein rechter Politiker erhält immer mehr Zuspruch. Und eine Aktivistengruppe droht, die Browserverläufe sämtlicher Einwohner nach und nach im Internet zu veröffentlichen. In seiner hochintelligenten Gesellschaftssatire treibt Sam Byers die zwingenden Fragen der Gegenwart auf die Spitze und konfrontiert seine Figuren mit den Ängsten, die unter der hippen Oberfläche lauern.

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FALTER-Rezension

Onlineterror und Falafelfaschismus

In Sam Byers’ „Schönes Neues England“ regieren Konzerne die Großstadt, Big Brother dankt für die Mitarbeit

Während der englische Originaltitel „Perfidious Albion“ eine abschätzige, historische Phrase für das hinterfotzige diplomatische Geschick des Königreichs aufgreift, will der deutschsprachige Titel „Schönes Neues England“ offenkundig Assoziationen zur berühmten Dystopie von Aldous Huxley wecken, die auf Deutsch unter dem Namen „Schöne neue Welt“ erschienen ist.

Beide Formulierungen haben ihre Berechtigung. Denn der zweite Roman von Sam Byers reflektiert einerseits politische Winkelzüge vor dem Hintergrund einer notorisch reizbaren und zutiefst gespaltenen Gesellschaft, deren Empörungslust in sozialen Medien strategisch angestachelt wird. Andererseits entwirft das Buch in Edmundsbury, einer Kleinstadt vor den Toren Londons, eine satirisch zugespitzte neue (Post-Brexit-)Welt.

In dieser sucht und findet die rechtspopulistische Partei England Always im geheimen Verbund mit einer Schlägertruppe wie gehabt ihre Feindbilder in den verbliebenen Minderheiten und in der Genderpolitik, während auf hippen Partys „Theorieboys“ nach dem verborgenen Faschismus in Falafel-Wraps und Blocksätzen fahnden, männliche Wichtigtuer in Mikroessays ihre eigene Empfindsamkeit feiern und neonihilistische Hipster alles Mögliche für tot erklären – natürlich auch das gute Gespräch, die Romantik und den Sinn.

Was zunächst nach Hipstersatire klingt, ändert bald den Ton und wird dringlicher. Unruhe und spekulative Neugier entstehen im Zuge eines Guerillaauftritts der Aktivistengruppe The Griefers, die anscheinend damit droht, gehackte Daten von willkürlich ausgewählten Stadtbewohnern offenzulegen.

Die Ziele dieses Pop-up-Aktionismus maskierter Performer bleiben zunächst unklar. Doch es braut sich etwas zusammen in dieser Stadt, deren digitale Infrastruktur von einem Hightech-Konzern planvoll gekapert wird. Anderswo soll ein sozialer Wohnbau von einer Immobilienfirma übernommen werden.

Zuvor muss nur noch einer der letzten Bewohner hinausgeekelt werden. Darkin ist ein prototypischer, älterer, weißer Wutbürger, dessen Hoffnungen auf die Wiederherstellung seiner Würde von den Rechtspopulisten politisch instrumentalisiert werden, nachdem sich zuvor ein um Verständnis werbender Onlineartikel aus dem linksliberalen Meinungsspektrum über Darkins Weltsicht viral verbreitet hatte.

In einem urbanen Szenario, in dem zunächst noch vieles vertraut erscheint, dreht der ziemlich dialoglastige Roman die Eskalationschraube gewohnter sozialer und kommunikativer Verhältnisse so lange weiter, bis die Unterscheidung zwischen real und virtuell zusehends hinfällig wird. Er führt das anhand des Personals einer Netzwerkgesellschaft vor, das immer schon abhängig ist vom Blick anderer und selbst ständig andere beim Beobachten beobachtet.

Da ist der opportunistische Journalist Robert, der für besagten Artikel über Darkin plötzlich jede Menge Likes von der falschen Seite kriegt und dann vom neuen Ruhm nicht mehr lassen will. Ihm gegenüber steht seine scharfsichtige Freundin Jess, die den geballten und gemeingefährlichen Frauenhass im Netz aus eigener Erfahrung kennt, in der Onlinewelt unter Pseudonym den eigenen Freund schon länger hart kritisiert und sich fragen muss, wie sie mit diesem Abend für Abend im gleichen Bett schlafen kann.

Jess’ Freundin Deepa wiederum arbeitet sich in dem ehrgeizigen IT-Konzern in eine Kontrollfunktion hoch, um irgendwann zu bemerken, dass wohl auch sie selbst kontrolliert wird und jeder Tastendruck das umfassende Datenverarbeitungssystem unfreiwillig mit ein wenig mehr Wissen über soziale Systemsteuerungen ausstattet. Die dunkelhäutige Trina wohnt im gleichen Gebäudekomplex wie der störrische Darkin und setzt eines Tages, genervt von perfiden Einwänden des Populistenführers Hugo gegen die Forderung nach Gleichheit den ironischen Tweet „#whitemalegenocide.Lol“ ab – worauf sie von den Hatern in den Echokammern zu jener rassistischen Terroristin umgedeutet wird, die sich die rechten Männerversteher als Lieblingsfeind schon immer gewünscht haben.

Man merkt schon: Die Beziehungen der Protagonistinnen zur Welt sind komplex – online und offline. Sie sind vom unaufhörlichen Zwang zur Reaktion auf die Aktivitäten anderer geprägt. Diese Social-Media-Feedbacks beeinflussen nicht nur eigene Meinungen, sondern auch eigene Gefühle. Byers Einschätzung der expansiven Datenabschöpfung und ihrer Nutzung in KI-Anwendungen übertrifft die gängigen Befunde. In seiner Vision eines avancierten Plattformkapitalismus steht sogar die Opposition von Kontrolle und Freiheit auf dem Spiel. Das, was Freiheit oder auch Zufall heißt, wird als ein Faktor der schöpferischen Disruption von der kommerziellen Suche nach verwertbarer Differenz ohnehin gutgeheißen und in die vom Roman skizzierten Allmachtsfantasien über die Vorhersehbarkeit des Sozialen bereits hineingerechnet.

Im Wonderland der IT-Kraken werden auch Formen von Subversion, Verweigerung und anarchischem Chaos als user generated content willkommen geheißen. Die unbewusste Gratis-Mitarbeit der dissidenten Kräfte hilft bei der Aufrüstung von Konzernen und der Verwertung von Datensubjekten, deren Leben ohne Firmen-Backup zusehends undenkbar erscheint. Was bleibt, sind renitente Figuren, die an ihrer Ohnmacht vielleicht irre werden. Und ein pointierter, vielschichtiger und im besten Sinn zeitgenössischer Roman, der nur gegen Ende ein wenig zu viel will.

Thomas Edlinger in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 11)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608504149
Ausgabe 1. Aufl.
Erscheinungsdatum 24.08.2019
Umfang 509 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Tropen
Übersetzung Clara Drechsler, Harald Hellmann
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