Mädchen, Frau etc. - Booker Prize 2019

Roman
€ 25.7
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


Booker Prize 2019
»Ein beeindruckender, leidenschaftlicher Roman über das Leben schwarzer britischer Familien, ihre Kämpfe, Schmerzen, ihr Lachen, ihre Sehnsüchte und Lieben.« Jury des Booker-Preises
In »Mädchen, Frau etc.« verwebt Bernardine Evaristo die Geschichten schwarzer Frauen über ein Jahrhundert zu einem einzigartigen und vielstimmigen Panorama unserer Zeit. Ein beeindruckender Roman über Herkunft und Identität, der daran erinnert, was uns zusammenhält.
Die Dramatikerin Amma steht kurz vor dem Durchbruch. In ihrer ersten Inszenierung am Londoner National Theatre setzt sie sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinander. Ihre gute Freundin Shirley hingegen ist nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Londoner Schulen ausgebrannt. Carole hat Shirley, ihrer ehemaligen Lehrerin, viel zu verdanken, sie arbeitet inzwischen als erfolgreiche Investmentbankerin. Caroles Mutter Bummi will ebenfalls auf eigenen Füßen stehen und gründet eine Reinigungsfirma. Sie ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen und hat ihrer Tochter Carole aus guten Gründen einen englischen Vornamen gegeben.
Auch wenn die Frauen, ihre Rollen und Lebensgeschichten in Bernardine Evaristos Mädchen, Frau etc. sehr unterschiedlich sind, ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen stehen niemals nur für sich, sie alle erzählen von dem Wunsch, einen Platz in dieser Welt zu finden.
Stimmen zum Buch:
»Evaristo hat die Gabe, von ihren Figuren mit Sympathie und Anmut zu erzählen und dabei deren Anspruchshaltung sanft aufs Korn zu nehmen. Der lockere Ton und der Humor geben diesem Roman seinen Auftrieb.«The New York Times
»Komplex, scharfsinnig, schmerzhaft, witzig, aufschlussreich und vor allem unterhaltsam.«The Boston Globe
»Evaristos Fähigkeit, zwischen den Stimmen, Orten und Stimmungen zu wechseln, erinnert an eine außergewöhnliche Dirigentin und ihr Orchester.«The Paris Review
»Bernardine Evaristo gehört zu den Autorinnen, die von jedem gelesen werden sollten, überall.«Elif Shafak
»Bernardine Evaristo hat einen halben Booker-Preis bekommen, aber sie verdient den ganzen Ruhm.«The Washington Post
»Sprüht vor Vitalität«Financial Times
»Der Roman des Jahres.«Washington Review of Books

weiterlesen
FALTER-Rezension

Gender, Race et cetera

Darf man Identitätspolitik komisch finden? Darf man Gender Studies, Postkolonialismus, Feminismus und all die anderen angesagten und umkämpften Diskurse von heute bespötteln und über die Nöte von People of Colour ironische Romane schreiben, ohne sich völlig unmöglich zu machen?

Man darf – sofern man selbst betroffen ist, über Humor und cleveren Witz verfügt und als akademisch gebildete Woman of Colour ein gelungenes Beispiel für weibliche Selbstermächtigung unter widrigen Umständen der Diskriminierung verkörpert. Insofern ist für drei neu erschienene Romanfiktionen deren biografische Beglaubigung nicht unerheblich: Gerade weil die Autorinnen – zwei Britinnen und eine Deutsche – Nicht-Weiße sind und aus eigenem Erleben kennen, worüber sie sich lustig machen, dürfen sie sich das souveräne literarische Spiel mit diesen Themen erlauben.

Auf ihre Art sind alle drei Autorinnen Selfmade-Vorzeigefrauen mit eindrucksvoller Erfolgsbiografie.

Bernardine Evaristo, 1959 in London geboren, ist die Tochter einer weißen Engländerin und eines Nigerianers und Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University in London. Mit „Mädchen, Frau etc.“, ihrem bereits achten Roman, ist ihr mit 61 Jahren der internationale Durchbruch gelungen – als erste schwarze Schriftstellerin wurde sie 2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Auch Sharon Dodua Otoo, Jahrgang 1972, ist Londonerin. Ihre Eltern sind aus dem westafrikanischen Ghana zugewandert. Sie studierte German Studies an der Londoner Universität, schloss mit einem Summa-cum-laude-B.A.-Diplom ab und lebt seit 2006 mit ihren vier Söhnen in Berlin, als Publizistin und Aktivistin. 2016 gewann sie mit einem auf Deutsch geschriebenen Text in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. „Adas Raum“, gleichfalls auf Deutsch geschrieben, ist ihr erster Roman.

Mithu Sanyal, Jahrgang 1971 und Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, ist Kulturhistorikerin und promovierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit einer Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. Sie arbeitet als Journalistin, Kritikerin, Hörspiel- und Sachbuch-Autorin. „Identitti“ ist ihr erster Roman.

Im Grunde drehen sich alle drei Romane um ein und dieselbe scheinbar unschuldige Frage, auf die, weil sie ihnen immerfort gestellt wird, die nicht-weißen Heldinnen stets schon gereizt lauern: „Where do you come from?“

Für die indisch-polnische Heldin von Mithu Sanyals Roman, eine gebürtige Düsseldorferin, die unter den Pseudonymen „Mixed-Race Wonder-Woman“ und „Identitti“ ein streitbares Blog betreibt, enthält diese
Frage bereits eine klare Definition von People of Colour: „PoCs, das sind die Menschen, die gefragt werden: Wo kommst du her?“

Dahinter steht natürlich die ganze verworrene Debatte über Herkunft, Heimat, Zugehörigkeit, Diversität, Inklusion oder Ausgrenzung, Fremd- und Selbstzuschreibung, sprich: der gesamte Komplex heutiger Identitätspolitik, in den sich Wissenschaft, Medien, Politik und Öffentlichkeit seit Jahren verbeißen, samt dogmatischen Verhärtungen, rassistischen Entgleisungen, postkolonialen und Gender-bewussten Empfindlichkeiten.

Erfreulicherweise gelingt es den drei Autorinnen, ihr Thema ernst zu nehmen und es zugleich spielerisch zu beleben, indem sie es von jeder akademischen Schwergängigkeit befreien und die einschlägigen wissenschaftlichen und politischen Diskurse in muntere Narrative überführen. Die Romane lesen sich schwerelos und unterhaltsam, ohne dabei ihren Ehrgeiz zu verleugnen, dem Romanformat ein paar neue experimentelle Facetten abzugewinnen.

Beispielsweise Bernardine Evaristo. Ihr Roman betritt gleich zweifach literarisches Neuland: inhaltlich und von der literarischen Form her. „Mädchen, Frau etc.“ ist bewusst als programmatisch Schwarzes Buch angelegt – „Schwarz“ großgeschrieben –, um damit nicht-weißen Frauen mit afrikanischen oder karibischen Wurzeln eine Stimme zu geben, die im heutigen Großbritannien leben und darum kämpfen, sich zu behaupten, ja, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Evaristos Heldinnen sind zwölf schwarze Frauen im Alter zwischen 19 und 93 Jahren. Sie alle sind Kinder migrantischer Eltern aus den ehemaligen britischen Kolonien. In der britischen Mehrheitsgesellschaft sind sie von vornherein Außenseiterinnen und werden als Fremde ausgegrenzt. Doch sie nehmen ihre strukturelle Benachteiligung nicht widerspruchslos hin, sondern erkämpfen sich ihre Anerkennung und ihren Platz in der Gesellschaft. Sie verkörpern verschiedene Generationen und unterscheiden sich in Hinblick auf ihre soziale Herkunft, auf Bildungsniveau und Berufsstand, Religion und politische Überzeugung, vor allem auch auf die sexuelle Orientierung. Etliche der Frauen sind lesbisch, eine ist eine nicht-binäre Person mit fluider Gender-Identität, andere sind Mütter oder Großmütter, die in Klein- oder Großfamilien leben, in urbanen Milieus oder in der ruralen Provinz Englands.

Zwischen Bankerin und Bäuerin, Supermarkt-Kassiererin und Putzfrau, Lehrerin, Bloggerin und Theatermacherin ist alles dabei. Manch kämpferische Feministin findet sich darunter. Alle Formen von Diversität werden nicht bloß dargestellt, sondern gefeiert und lustvoll ausgemalt, gelegentlich auch mit sanfter Ironie bespöttelt. So lässig und cool der Erzählton, so scharf und präzise der Blick auf das jeweilige soziale Biotop, in dem sich die Protagonistinnen tummeln. Evaristo verknüpft deren Lebensgeschichten auf vielfältige Art. Es gibt allerlei problematische Mutter-Tochter-Beziehungen und komplexe Lebenspartnerschaften, teils hetero-, teils homosexuell. Wie die Figuren miteinander zusammenhängen und deren oft überraschende Beziehungen untereinander, das erschließt sich dem Leser erst allmählich und macht den besonderen Reiz dieses polyphonen Episodenromans aus.

Der Roman hat zwar keine Handlung, aber eine bezwingend originelle Form. Er ist als Rondo angelegt: Das letzte Kapitel führt zum ersten zurück und schließt damit den Kreis. Und er ist nicht in traditionellen grammatischen Sätzen geschrieben, sondern einzig durch Absätze und Zeilenbruch gegliedert. Die einzelnen Abschnitte kommen völlig ohne Punkt aus, mit Ausnahme eines Schlusspunkts am Ende des jeweiligen Kapitels.

Der Zeilenbruch erinnert zwar optisch an die Gedichtform, aber die Sprache des Romans ist alles andere als lyrisch: Es herrscht ein quecksilbriger prosaischer Erzählton, salopp und ungeniert und durchsprenkelt mit allerlei flotten modischen Slogans und Diskursformeln von heute. Tanja Handels übersetzt das gewandt und erweist sich als sattelfest in vielerlei zeitgeistigen Jargons.

Das Erfrischende an Evaristos Roman: Er glaubt an die Möglichkeit von Veränderung, sogar in Brexit-Großbritannien. Auch die Briten, sowohl Bio-Engländer wie Zuwanderer, sind schließlich ein Mischmasch vielfältiger Herkünfte, und die Zukunft heißt ohnehin Diversität.

Mithu Sanyals Romanheldin Identitti ist genauso wenig auf den Kopf und auf den Mund gefallen wie Evaristos schwarzes Dutzend. Für den Plot ihres Düsseldorfer Campus-Romans musste die Autorin ihre Fantasie gar nicht erst strapazieren, den Grundeinfall lieferte ihr das reale Leben frei Haus. Sie musste bloß den Fall der weißen Kulturwissenschaftlerin Rachel Dolezal, die sich als Afro-Amerikanerin ausgab und nach dem Auffliegen ihres Betrugs mit Schande von der Washington University verjagt wurde, ins heutige deutsche Universitätsmilieu transferieren.

Sanyals Identitti ist nicht nur meinungsstarke Bloggerin, sondern auch Studentin: Sie vergöttert ihre charismatische indische Professorin Saraswati, eine bekennende Person of Colour, für die an der Heinrich-Heine-Universität eigens ein Lehrstuhl für Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie eingerichtet wurde. Als auffliegt, dass Saraswati in Wahrheit eine Weiße ist und Sarah Vera Thielmann heißt, bricht ein Shitstorm los. Doch anders als Rachel Dolezal übersteht ihn Frau Thielmann mit Chuzpe und guten Nerven. Mehr noch – und das ist eine von vielen boshaften Pointen des Romans –, die falsche Saraswati macht danach in Oxford brillante Karriere, im Fach Whiteness Studies.

Mithu Sanyal treibt mit der Verwirrung aller Konzepte von Blackfacing, White Supremacy und Race ihren unendlichen Spaß. Sie fährt Achterbahn mit allen postkolonialen Theorien und Axiomen des Identitätsdiskurses und erfindet einen täuschend echten Shitstorm, gemixt aus realen und fiktiven Stimmen. Ihr Roman ist unverschämt – und unverschämt gut.

Verglichen mit dem unverfrorenen Klamauk Sanyals hält es Sharon Dodua Otoo eher mit heiterem Ernst. Ihr Roman „Adas Raum“ hat sich Beträchtliches vorgenommen. Am Beispiel von vier Frauen namens Ada – zwei Weißen, zwei Schwarzen – aus sechs Jahrhunderten werden die Mühen weiblicher Selbstermächtigung angesichts kolonialherrlicher, rassistischer oder auch nur patriarchalischer Dominanz weißer Männer vorgeführt und mit der solidarischen Welt der Schwestern, Mütter und weiblichen Vorfahren konfrontiert. Eine der vier Adas ist historisch: Lord Byrons Tochter, die Mathematikerin und erste Programmiererin Ada Lovelace.

Das Dingsymbol, das die vier Adas über Zeiten und Kontinente hinweg miteinander verbindet, ist ein Perlenarmband aus Ghana, ein Fruchtbarkeitssymbol aus matriarchalem Ur-Besitz, und die Erzählerstimme, die die disparaten Episoden des Romans zusammenhalten soll, ist zugleich seine ehrgeizigste und problematischste Erfindung: Es spricht abwechselnd ein Reisigbesen, ein Türklopfer, ein Bordellzimmer im KZ Mittelbau-Dora und eine göttliche Brise, also der Weltgeist persönlich.

„Adas Raum“ hat einen weit längeren und tieferen Atem als die amüsanten Schnappatmungsromane von Evaristo und Sanyal. Das dürfte dem Erstling Otoos wohl auch seine literarische Haltbarkeit sichern.

Sigrid Löffler in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 4)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608504842
Ausgabe 10. Druckaufl. 2021
Erscheinungsdatum 18.01.2021
Umfang 512 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Tropen
Übersetzung Tanja Handels
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Peter Hertel, Tim Gernitz
€ 25,60
Ute Packheiser
€ 25,60
Sally Dark, Heartcraft Verlag, Sam Woods
€ 15,50
Jane Smiley, Christine Ammann
€ 20,60
Hagen Hoffmann
€ 20,60
Erhard Regener, Dr. Erhard Regener
€ 13,40
Eve Chase, Carolin Müller
€ 11,40