Die Lust und das böse Verlangen
Eine Philosophie der Droge

von Giulia Sissa, Jutta Ferbers

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Giulia Sissa hat eine "Philosophie der Droge" verfasst. Die Autorin gibt allerdings Genüssen den Vorzug, die das empfindliche Gleichgewicht der Neurotransmitter und Rezeptoren nicht verändern.

Die Gefährten des Odysseus, jene unglücklichen Kreaturen, die erleiden, was über Menschenmaß hinausgeht, treffen am Beginn ihrer Irrfahrt auf die Lotophagen. Diese "Lotusesser" nehmen ihre unmenschliche Nahrung nicht zu sich, um den Hunger zu stillen, sondern um high zu sein. Und prompt sind diejenigen der Griechen verloren, die der Einladung zum Verzehr Folge leisten, vergessen sie doch die Heimkehr und werden weder Frau noch Kinder in ihren Armen halten. Dass kandierte Veilchen oder Rosenblätter um des bloßen Vergnügens willen konsumiert werden, wusste man in Wiener Konfiserien noch bis vor kurzem. Welcher Seinsvergessenheit haben sie zugearbeitet?
Die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno – die eine Epoche der westdeutschen Philosophie einleitete, die jetzt, wenn auch mit schlechter Munition, unter Beschuss gerät –, dieses Buch nimmt seinen furiosen Anfang in der Interpretation gerade dieser Passage der Odyssee. Nur Kinder und Aristokraten äßen Blumen, keinesfalls aber jene, die – wie Odysseus – die Naturmächte um ihre Rechte betrügen, weil sie ihren Anspruch nur zum Schein befolgen und "die Lücke im Vertrag erspähen". Seit diesem Sündenfall ist, wie menschliches Leben insgesamt, auch der Drogenkonsum an die Rationalität gekettet. Darum verlangt er nach einer Erklärung, und wer, wenn nicht Philosophen als Spezialisten fürs Allgemeine, könnte sie liefern?
Eine Philosophie der Droge unter dem Titel "Die Lust und das böse Verlangen" hat nun Giulia Sissa geschrieben. Im Pariser Kreis des Altphilologen Jean-Pierre Vernant akademisch sozialisiert, lehrt sie Philosophie an der John Hopkins University in Baltimore/USA. Bekannt wurde sie ob ihres Bemühens, antikes Denken zu aktualisieren – freilich so, dass dessen Fremdartigkeit deutlich bleibt. In ihrem neuen Buch weicht sie von diesem Prinzip ab, weil sie sich Michel Foucaults Einsicht zu Eigen macht, dass die Philosophie der Antike wesentlich eine Anleitung zur Lebenskunst darstellt. Sie kreise um die "Sorge um sich".
Ihre Lektüre der griechischen Klassiker, die sie den Erfahrungsberichten des Opiumessers Thomas de Quincey und moderner Junkies wie William Burroughs und Christiane F. brillant anzunähern versteht, hat den Planeten Foucault zum Mittelpunkt. Mit ihm erinnert sie an Baudelaire, seinen so gar nicht puritanischen Landsmann. "Seit der Eröffnung der Kaufhäuser und der Erfindung des Schaufensters" sind wir Dandys, aber in der Mehrheit nur verborgen und gleichsam pickelig. Der Flaneur ist nie ganz befriedigt.

Dem Grund menschlichen Unglücks, dass Leben Leid ist – wie die Buddhisten in der ihnen eigenen Abbreviatur sagen –, arbeitet der Konsum von Drogen entgegen. So definiert Sissa "die Drogensucht als Verhalten, das ausschließlich der Macht einer Begierde gilt, einer Begierde, die unersättlich ist und alles verzehrt, bis zu dem Punkt, an dem die Befriedigung nicht mehr eintritt und sich in Gewöhnung und Abhängigkeit verwandelt". Denn dies macht den eigentlichen Schrecken der Sucht aus: nicht mehr ohne Droge leben zu können.
Zugleich ist aber Unersättlichkeit eine wesentliche Eigenschaft des Menschen, weil er oral konstituiert ist. Für Plato – ihn führt Sissa als Gewährsmann für die Erkenntnis der begierigen Seele an: Diese gleiche dem Regenpfeifer, einem "Vogel, der zur gleichen Zeit frisst und ausscheidet" – gehen "Verwirrungen und Wucherungen der Leidenschaften offenbar auf die Ernährung zurück. Mit offenem Mund bewegt sich die Menschheit durch die Geschichte." Freilich öffnet sich der Mund auch durch Staunen, was bekanntlich den Anfang aller Philosophie darstellt.
Wodurch unterscheidet sich aber die Philosophie von der Sucht? Ihr gilt die sinnliche Begierde als Spaßverderberin, weil sie Glück vorgaukelt, aber nicht auf Dauer einzulösen versteht. Darum gibt Sissa "den Genüssen den Vorzug, die nicht das empfindliche Gleichgewicht der Neurotransmitter und der Rezeptoren verändern, sondern sich in die Welt vermehren". Das würde freilich bedeuten zu erkunden, "wie reizvoll das Leben ist".

Martin Treml in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 34)


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