Lenin und andere Leichen
Mein Leben im Schatten des Mausoleums

von Samuel Hutchinson, Ilya Zbarski, Bodo Schulze

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Leiche Nummer eins

Ilya Zbarski lüftet die letzten Geheimnisse um den einbalsamierten Korper Lenins. Viel mehr als eine gruselige Leichenfledderei ist dabei allerdings nicht herausgekommen.
"Als Lenin starb, war es, als sagte der Baum zu den Blättern, ich gehe." Die skurrile polit-okologische Metapher von Bert Brecht ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel aus dem reichen Arsenal an Mythisierungen des Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924). Die diesbezüglich radikalste Metamorphose erlebte der Führer der Oktoberrevolution indes als Leiche - in der von Stalin und "auf vielfachen Wunsch der Werktätigen" veranlaßten Einbalsamierung und jener Ausstellung, die auch heute noch täglich von 9 bis 13 Uhr im Mausoleum auf Moskaus Rotem Platz besichtigt werden kann.
Seit dem Ende der Sowjetunion hat der Respekt vor dem eingeschreinten roten Helden - ideelles Herzstück des von China bis Kuba reichenden Systems - merklich nachgelassen. In jenem Mausoleum, an dem in der alljährlichen Oktoberparade Interkontinentalraketen vorbeigeführt wurden, um den westlichen Beobachtern Respekt abzunotigen, findet sich heute nur noch eine politische Leiche. Und auch sonst ist der auratische Kadaver reichlich profaniert: "Unter seiner Uniform ist er mit Gummibinden umwickelt. Unter den Anzug spritzt man Balsam, um die Haut feucht zu halten." Die Prozedur wird wochentlich wiederholt, einmal im Jahr findet eine Generalsanierung der Leiche Nummer eins statt.
Lenins Geschichte nach seinem Tod ist in "Lenin und andere Leichen" von Ilya Zbarski nachzulesen, dem Sohn des ersten Einbalsamierers und Mitarbeiters des mit der Erhaltung betrauten Labors in den dreißiger und vierziger Jahren. Der renommierte Biochemiker fühlte sich berufen, die letzten Geheimnisse um die staatssozialistische Reliquie zu enthüllen. Mehr als eine gruselige Leichenfledderei, läppische Zeitgeschichtsschreibung und eine betuliche Darstellung des eigenen Lebens im Schatten des Mausoleums ist dabei allerdings nicht herausgekommen.
Die politische Seite der Sache - Lenins Vermächtnis (die Warnung vor Stalin) sowie der Streit um den Toten, in dem sich Stalin gegen Trotzkij und Bucharin sowie Lenins Witwe Krupskaja durchsetzte, die alle auf einer Beerdigung bestanden - ist in jeder neueren Sowjetgeschichte besser beschrieben. Und die Darstellung der Verwesungsdetails unterscheidet sich nicht wesentlich von jener in einem Lehrbuch für Pathologie: Der Leichnam sei grün und braun geworden, die Haut vertrocknet und verschimmelt etc.
"Nachdem die augenfälligen Mängel behoben waren, blieben noch die oberen Korperoffnungen. Die Lippen wurden mit Kopfnähten, die unter dem Schnurrbart versteckt sind, geschlossen. An die Stelle der Augen setzte man Prothesen ein, um ein Einsinken der Augenhohlen zu verhindern, und nähte die geschlossenen Lider fest." Der medizinisch-kosmetische Eingriff geht auf Kosten von Zbarskijs Vater, der mit der Organisation von Lenins Zurichtung für die Unsterblichkeit den Grundstein zu einer sagenhaften Wissenschaftlerkarriere legte.
Dieser Teil des Buches ist auch der interessantere. Aus kleinen Verhältnissen stammend, gelangt der Pragmatiker, der auch musische Interessen hatte (unter seinen Freunden finden sich Vater und Sohn Pasternak), durch die Arbeit an Lenin rasch an die Spitze der Sowjetnomenklatura. Und nicht einmal seine Verhaftung im Zuge der Zerschlagung der vorgeblichen ärzteverschworung Anfang der fünfziger Jahre erschüttert seinen Glauben an die gute Sache.
Zbarskis Labor, dem es in den dürftigen dreißiger Jahren an nichts fehlt, ist während des Krieges für Lenins Evakuierung nach Sibirien zuständig, in den besten Zeiten verfügt es über mehr als hundert Mitarbeiter, technische Ausrüstung nach Wunsch und vor allem eine gute Auftragslage. Weltweit werden die "anderen Leichen" befreundeter sozialistischer Führer wie Dimitrov, Gottwald, Ho Tschi Minh und eine Reihe afrikanischer Herrscher mit dem Know-how der Moskauer Spezialisten konserviert.
Das geschah aber immer auf eigenen Wunsch, wie Zbarski junior mehrmals betont, der nach dem Krieg zwar die zukunftsträchtigere Karriere einer Biochemikers einschlug, über die "wissenschaftliche Spitzenleistung" an Lenin aber noch immer ins Schwärmen gerät: "Auch die Chinesen haben mit der Einbalsamierung Maos nichts Vergleichbares zustande gebracht." Die immer wieder geäußerten Zweifel an der Echtheit der Mumie werden denn auch kategorisch zurückgewiesen.
Einziger Wermutstropfen des hochdekorierten Sowjetpensionärs Zbarski: Vom bankrotten russischen Staat nicht mehr unterstützt, ist das Balsamiererlabor heute gezwungen, selbst Geld aufzutreiben. Vorwiegend geschieht das durch das Herrichten von Mafiabossen, deren Leiber meist in einem nicht sehr guten Zustand angeliefert werden. Der Verlag Klett-Cotta aber hätte sich besser jener sowjetischen Leichen angenommen, die dem Gulag entstammen und nicht dem Abstrusitätenkabinett des Lenin-Mausoleums.

Erich Klein in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 24)


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