Interface Culture
Wie neue Technologien Kreativität und Kommunikation verändern

von Steven Johnson, Karl Markus Michel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Technologie und Kultur sind miteinander kompatibel. Das behauptet zumindest der junge US-amerikanische Publizist Steven Johnson in seiner beeindruckenden Monografie "Interface Culture".

Wenn es einen Begriff gibt, der das bornierte Sender-Empfänger-Modell der Kommunikationstheorie verändert und abgelöst hat, dann ist das "Interface". Noch in den Sechzigerjahren, in den ersten Übersetzungen McLuhans, wurde der Terminus mit "Grenzfläche" eingedeutscht – viel treffender übrigens als die heute übliche "Schnittstelle" mit ihrer sublim chirurgischen Konnotation. Ein Interface ist jenes "Zwischengesicht", das uns nicht mehr von Angesicht zu Angesicht kommunizieren lässt, sondern Kommunikation via Maschinen – mittels Tastatur, Bildschirm etc. – ermöglicht.
Unsere typografisch dominierte Kultur hat vergessen, dass die Praktiken des Schreibens und Lesens einen Habitus abverlangen, der fast nie hinterfragt wird: das Sitzen am Tisch, das Kratzen der Feder oder das Hämmern, Klicken und Klacksen einer Tastatur, das Starren auf einen Bildschirm. Aber das ist noch nicht alles: Schließlich symbolisieren Buchstaben eine Ordnung der Dinge, die ebenso arbiträr ist wie die Art und Weise, in der wir unseren Gedanken Ausdruck geben.
Viel war in den letzten Jahren vom Ende der Gutenberg-Galaxis die Rede – was immer auch ein Abschiednehmen vom linearen Denken suggeriert hat. Das ist der Punkt, an dem Steven Johnson, Mitbegründer und Herausgeber des preisgekrönten Online-Kulturmagazins FEED, einhakt. In einer subtilen Mischung aus jüngerer Technikgeschichte, kulturkritischer Zeitdiagnose und Literaturtheorie geht er in "Interface Culture" den Veränderungen nach, die unsere Kultur in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Das heißt: Seit es möglich wurde, den digitalen Code mit der mehrschichtigen Form kulturellen Ausdrucks zu versöhnen: Bitmapping, Desktop, Windows, Links, Text, Agents, wie die Kapitelthemen benannt sind.
Gewiss, hier wird McLuhan mithilfe von extrastarkem Gel nachfrisiert – das aber doch sehr kreativ und überzeugend. Denn Johnson desillusioniert den durchschnittlichen Wired-Konsumenten allemal. Er wählt als seine Ausgangspunkte zwei Koryphäen der Computerkultur: Douglas Engelbart und Vannevar Bush. Letzterer stellte Mitte der Vierzigerjahre ein damals revolutionäres Konzept vor, das darlegte, wie das mechanische Denken mittels assoziativer Indexierung zu überwinden sei – Intelligenzverstärkung statt künstlicher Intelligenz. Das bedeutete zugleich die Notwendigkeit, Informationen kollektiv zu organisieren. Und Engelbart stellte in den Sechzigerjahren das Bitmapping vor, die Visualisierung digitaler Codes am Computerbildschirm. Damit öffnete sich der Informationsraum von der Schriftzeile des Programmcodes zum zweidimensionalen Raum, der Grundlage für die Weiterentwicklung zu den sozialen Zusatzräumen der Netzwelt.
Johnson philosophiert über die Klischees und Hoffnungen, die sich daraus ergeben haben. Zum Beispiel die, dass in räumlicher Information sich leichter navigieren ließe als in Text-Information. Einerseits ist er überzeugt, dass wir weit davon entfernt sind, eine wirklich kulturtechnische Revolution zu erleben. Andererseits ist Johnson auch kein konservativer Verteidiger der Buchkultur: Er weiß genau, dass Jugendliche keine Gebrauchsanweisungen mehr lesen, sondern sich die Parameter der Informationskultur durch intuitive Versuche und Improvisation aneignen. Es geht anscheinend nicht um das eine (Text) oder das andere (Bild), sondern vielmehr um ein drittes, unbekanntes Element, von dem jeder Interface-Designer ein Lied singen kann: Dieses Element müsste integrieren, was im Sinne leichter Handhabung sich aus dem Konflikt zwischen "Macht der Gewohnheit" und "Schock des Neuen" das Beste herausholt.
Immer wieder nimmt Johnson Bezug auf die Romane des neunzehnten Jahrhunderts, die die industrielle Revolution reflexiv begleitet haben. Er zieht eine Parallele zum Internet als Hypertext-Medium, das die Informationsrevolution begleitet. Der Hypertext-Idee steht er recht kritisch gegenüber, weil sie metaphorisch mehr hergibt als praktisch. Die Basis-Ästhetik kultureller Vermittlung hat sich kaum verändert, und das "Link" hat auch keine neue Art des Erzählens hervorgebracht, sondern sich als ein Stilelement im Text erwiesen. Kleine Einsichten wie diese machen dieses Buch wertvoll, das unprätentiös changiert zwischen technischer Erklärung, historischen Rückblicken und kulturellen Analogien.

Da Menschen heute fast unlimitiert Informationen zur Verfügung stehen, ist der Eindruck einer Fragmentierung der Lebenswelt und des Selbst, das sich darin bewegt, fast unausweichlich. Hieraus begründet sich die noch viel zu wenig weit vorangetriebene Beschäftigung mit dem Interface als der neuen symbolischen Form unserer Kultur. Dieses ungemein flüssig geschriebene und gut übersetzte Buch lässt eine neue Art von Genre ahnen, eine Interface-Kritik, die den hohlen Technikfetischismus ebenso hinter sich lässt wie den üblichen Messianismus der US-amerikanischen Neue-Medien-Kamarilla.

Frank Hartmann in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 32)


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