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Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Auch in Hallgrimur Helgasons Roman "101 Reykjavik" tun Slacker dasselbe, was sie überall tun: nichts.

Pamela Anderson kommt auf glatte 4.700.000. Das ist ganz klar Poleposition. Platz zwei ex aequo Madonna und die Jungfrau Maria mit jeweils 4,5 Millionen. Hillary Clinton rangiert im Mittelfeld, Mutter Theresa im letzten Drittel, und die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt ist eindeutig das Schlusslicht in den Charts. Für eine Nacht mit ihr würde Hlynur Björn, der 34-jährige Held aus "101 Reykjavik" nur magere 750 isländische Kronen hinblättern.

Abgesehen davon, dass der Protagonist des vorliegenden Romans Listen führt, in die er penibel den Marktwert von Frauen einträgt, tut er nicht viel. Ein Mann mit bemerkenswert wenig Eigenschaften. Genau genommen ein handfester Versager, der die Tage im Bett vergammelt, noch immer zu Hause wohnt und sich von seiner Mutter bekochen lässt. Ausgehen heißt sich betrinken, und Beziehungen dauern bestenfalls eine Nacht. Nicht nur darin erinnert "101 Reykjavik" entfernt an die Bestseller von Nick Hornby. Auch der Hang zu Zitat und populärem Liedgut verbindet: Kaum eine Seite ohne den passenden Song - von "Sweet Home Alabama" über "Wonderwall" bis zu Marc Almonds "The Days of Pearly Spencer". In einem Punkt unterscheiden sich die beiden Ruvres jedoch ganz wesentlich. Dort, wo der britische Erfolgsautor noch auf das Charmepotenzial seiner einigermaßen orientierungslosen Mittdreißiger setzt, lässt Hallgrimur Helgason alle Hoffnung fahren: Um Sympathien beim Leser wird nicht mehr gebuhlt.

In "101 Reykjavik", was übrigens nichts anderes als die City-Postleitzahl der isländischen Hauptstadt ist, geht gar nichts mehr. Beruf, Familie, Karriere - alles verdampft, bestenfalls noch als Stichwortgeber für zynische Kommentare geeignet: "Die Magnus-Familie füllt das Sofa: Eltern plus Schwester (2000,-) in hellen Jogginganzügen. Drei Ableger von Magnus Schmerbauch. Hocken da wie Kinder, deren schrecklichstes Erlebnis im Leben darin besteht, einen Kredit zurückzuzahlen."

Verweigerung als Zeitvertreib. Ein ödes Vergnügen. Nicht mehr oder weniger sinnvoll als das Erstellen von Best-of-Listen, das Surfen im Internet oder stundenlanges Channel-Hopping: "Ich zappe mich durch die ganze Skala. Keine Pussy. Warum gibt es morgens keine Pornos? Haben die noch nie was von einer Morgenlatte gehört? Dann würde man vielleicht aufwachen. The Morning Porn Show. Meiner steht immer als Erster auf ..."

Mit seinem Hang zu Trash und Comic ist Hallgrimur Helgason vor allem im skandinavischen Raum seit Jahren eine konstante Größe im Literaturbetrieb. Vier Romane, zwei Theaterstücke und ein Lyrikband wurden bisher von ihm veröffentlicht. Den internationalen Durchbruch schaffte der Autor aber erst mit "101 Reykjavik". Im Original bereits 1996 erschienen, hat es diese isländische Slacker-Saga auf Übersetzungen in zwölf Sprachen gebracht, wurde mit dem renommierten Nordic Council Prize bedacht, und auch der auf dem Roman basierende gleichnamige Film erhielt mehrere Auszeichnungen. Ein Hype, den man bei der Lektüre des Buches nicht immer nachvollziehen kann, denn so manche der sprachmächtigen Schilderungen von Ecstasytrips, Partynächten und One-Night-Stands offenbaren auch eine der großen Schwächen des Buches. Wenn etwa bei der Beschreibung eines Internetchats aus "female" schlicht "viehmail" wird, mag das ja vielleicht noch irgendwer lustig finden. Dasselbe gilt für die Verballhornung von "Thirty-Somethings" zu "Dirty-Somethings". Allzu oft aber geht der Hang zu Wortwitz und Kalauer um seiner selbst Willen auf Kosten der Story und führt in gefährlich seichtes Gewässer: "Mama sieht auf die alte Art fern. Sie schaut nur zu. Andrea spielt derweilen im Radio ein Lied von Police. Ja genau: We're just spirits in the material world. Ich zähle mit. 27 Mal singen Sie diesen Satz. Mir stingts."

Erwin Quirchmair in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 22)


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