Brevier der Ahnungen
Eine Auswahl aus dem Werk

von Erwin Chargaff, Simone Kühn

€ 16,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 15/2002

Zwischen 1921 und 1928 verpasste er keine einzige Vorlesung von Karl Kraus, seinem wichtigsten Lehrer. Dennoch wurde der 1905 in Czernowitz geborene Erwin Chargaff Biochemiker, ging in die USA und schuf durch seine Entdeckungen wesentliche Voraussetzungen für das heutige Wissen über das Genom. Erst nach seiner Emeritierung an der New Yorker Columbia University, als Chargaff bereits über siebzig war, begann er zu schreiben - und wie! In mehr als einem Dutzend Büchern (u.a. "Das Feuer des Heraklit" oder "Ein zweites Leben") geißelte er seither mit geradezu alttestamentarischer Wut die modernen Naturwissenschaften und andere vermeintliche Fortschritte. Eine aphoristische Essenz aus Chargaffs beeindruckendem essayistischem Werk liegt nun mit dem "Brevier der Ahnungen" vor, das seinem Lehrer Kraus gewiss keine Schande macht. Geordnet nach 16 klug zusammengestellten Themenkreisen finden sich in diesem Chargaff-Brevier allerlei funkelnde Aperçus und tiefe Einsichten über die Forschung, die Philosophie, über das Alter - oder über Amerika: "Wir leben im Zeitalter der Amerikanisierung, einer Mangelkrankheit, die sich über die ganze Welt ausgedehnt hat."Ein entfernter Bruder im Geiste war der italienische Dichter Giacomo Leopardi (1798-1837). Auch der große Lyriker des Weltschmerzes zweifelte am Fortschritt der Zivilisation und sehnte sich nach einem "natürlichen" Zustand des Menschen zurück. Von dieser Grundhaltung ist insbesondere sein "Zibaldone" (Sammelsurium) durchdrungen, ein umfangreiches Gedankenbuch, an dem Leopardi zwischen 1817 und 1832 arbeitete. Aphorismen daraus sind auch die Grundlage von "Das Massaker der Illusionen", in dem sich vor allem Leopardis pessimistische Überlegungen zur Geschichte, zur Gesellschaft und zur Politik versammelt finden. Seine Einsichten haben im Vergleich zu Chargaffs Ahnungen indes oft nur mehr historischen Reiz - etwa wenn Leopardi Ende Oktober 1823 über die Kalifornier schreibt, sie "sind Wilde, aber sie sind keine Barbaren" und hätten nur so viel gesellschaftliche Bindung untereinander, "wie für den Fortbestand der Art notwendig ist".

Klaus Taschwer in FALTER 15/2002 vom 12.04.2002 (S. 58)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Massaker der Illusionen (Giacomo Leopardi, Mario A Rigoni, Sigrid Vagt)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb