Die kosmische Schlange
Auf den Pfaden der Schamanen zu den Ursprüngen modernen Wissens

von Jeremy Narby, Sabine Mehl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Was haben die DNA und die Halluzinationen der Amazonasindianer miteinander zu tun? Jeremy Narby schlägt eine faszinierende Brücke zwischen Schamanismus und Molekularbiologie.

Das Wettrennen endete Kopf an Kopf. Durch die gegenseitige Konkurrenz beflügelt, gelang im letzten Jahr sowohl der von Craig Venter betriebenen Privatfirma Celera wie auch dem öffentlich finanzierten HUGO-Projekt die Sequenzierung des menschlichen Genoms. Gleichwohl sind sich alle einig, dass die eigentliche Arbeit nun erst beginnt. Im vergangenen Monat wurden in den führenden Magazinen Nature und Science die ersten Mutmaßungen angestellt, welche Gene als Proteinproduzenten und damit als "Medikamentenentwickler" infrage kommen könnten.

Szenenwechsel. Die Amazonasindianer verfügen nicht über die Shotgunmethode von Celera zur schnellen Entschlüsselung der DNA. An der Entwicklung von höchst effektiven Wirkstoffen hat sie das nicht gehindert. Am bekanntesten ist das muskellähmende Pflanzengift Curare, das aus der westlichen Anästhesie nicht mehr wegzudenken ist. Was in den Tropen bei der Affenjagd durch Blasrohre verschossen wird, wird im Westen in synthetischer Form durch Kanülen gejagt. Mittel gegen Durchfall und Hautverletzungen oder zur Hemmung von Blutgerinnung sind in der Urwaldapotheke ebenfalls zu haben. Die Pharmaindustrie hat daraus bereits mehrere Medikamente entwickelt - und ist begierig auf mehr, z.B. auf Antitumormittel gegen Krebs. Die ungeheure Pflanzenvielfalt des tropischen Regenwaldes ist eine Schatztruhe in Grün.

Fragt sich nur, wie die Schamanen dieses pharmakologische Wissen erworben haben? "Trial and error", lautet die herkömmliche Erklärung. Angesichts der äußerst komplizierten Zusammensetzung und Zubereitung der Mittelchen sei dies aber nicht plausibel, behauptet Jeremy Narby. Der zunächst äußerst skeptische kanadische Ethnologe glaubt mittlerweile seinen ehemaligen Studienobjekten, den Ashaninca-Indianern im peruanischen Regenwald. Ihren Aussagen zufolge ist die "kosmische Schlange" der Quell des Wissens für die Schamanen. Durch die Einnahme des Halluzinogens Ayahuasca sind sie in der Lage, mit dieser gigantischen Schlange zu kommunizieren, die in ihrer Mythologie als axis mundi Himmel und Erde verbindet. Noch Fragen?

Doch es kommt noch besser: Als echter Brückenbauer nähert sich Narby dem Phänomen auch von der anderen Seite. Er arbeitet sich in die Molekularbiologie ein - und auf einmal macht es bei ihm klick: Die Parallelen fallen wie reife Äpfel vom Baum der Erkenntnis. Die Schamanen sprechen stets von zwei farbenprächtigen, ineinander verschlungenen Schlangen - die Doppelhelix der DNA! Die DNA ist in der Sprache der Schamanen der "Doppel-Doppel-Text", der sich um sich selbst windet. Die DNA emittiert bei der Einnahme von Ayahuasca in der Tat so genannte Biophotonen, die laut Narby die fluoreszierenden Eindrücke hervorrufen. Die westliche Wissenschaft interpretiert diese "Leuchtzeichen" als Zellsprache. Narby ist überzeugt, dass hier "die gleiche Wirklichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschrieben wird".

"Die kosmische Schlange" ist somit auch ein beredtes Plädoyer für transdisziplinäres Arbeiten und eine scharfe Kritik am reduktionistischen Zugang der westlichen Laborwissenschaft. Narby predigt mit Inbrunst die Defokalisierung des Blicks, sprich: sich nicht auf eine Perspektive zu versteifen, sondern zurückzutreten und die toten Winkel auszuleuchten. Er exerziert dies durch seine hoch originelle Syntheseleistung selbst vor, indem er Erkenntnisse aus Mythologie, Ethnologie, Botanik und Molekularbiologie zusammendenkt.

Das Buch ist nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als autobiografische Entdeckungsreise angelegt. Narby beschreibt seine Ayahuasca-Halluzinationen und wie er danach kotzen muss. Wir folgen seinen Streifzügen durch den peruanischen Regenwald und durch europäische Bibliotheken, sehen, wie er sich auf der Suche nach Inspiration mit den harten Klängen der "Young Gods" zudröhnt, und lauschen seinen Gesprächen mit Schamanen und Molekularbiologen. So lässt Narby den Leser teilhaben an seinen ursprünglichen Zweifeln, seiner Ratlosigkeit und seinen plötzlichen Geistesblitzen.

So manche seiner Schlussfolgerungen werden gerade für Molekularbiologen nicht akzeptabel sein. Strukturelle Ähnlichkeiten sind für sie lediglich Oberflächenphänomene. Ganz zu schweigen von der Frage der experimentellen Nachprüfbarkeit der Halluzinationen. Vielleicht sollten sie bei Gelegenheit trotzdem mal einen Schluck Ayahuasca zu sich nehmen.

Narby abonniert ja auch Nature. Dort wird er sicherlich mit Freude gelesen haben, dass nach neuesten Erkenntnissen 45 Prozent der DNA im Menschen eine Art Eigenleben führen und sich an anderen Stellen des Genoms reproduzieren. Narbys Behauptung, dass DNA nicht nur Biochemie, sondern auch Leben ist, eine eigene Form der Intelligenz, klingt auf einmal gar nicht mehr so abwegig.Auch Robert Twigger befindet sich im "Schlangenfieber". Im Gegensatz zu Narbys kosmischer geht es dem englischen Autor aber um eine irdische Schlange - so scheint es zumindest. Seit 1912 ist auf eine mindestens zehn Meter lange, lebend gefangene Schlange ein Preis von 50.000 Dollar ausgesetzt. Nicht nur das Geld lockt, auch der Nachweis der eigenen Männlichkeit soll erbracht werden. Einige Monate vor seiner Hochzeit büchst Twigger zu seinem letzten Jungenabenteuer aus. Wir folgen dem Amateurschlangenjäger, wie er wochenlang in den Dschungeln Malaysias und Indonesiens umherstreift, Blutegel vom Körper zieht, den leckeren Hirsch aus kürzester Distanz verfehlt und stattdessen die wenig schmackhafte Zibetkatze verspeisen muss.

Was im Smog von Kuala Lumpur beginnt, führt ihn zu immer kleineren und entlegeneren Inseln. Er legt Hühner als Köder aus, gräbt halbe Erdhügel um und versetzt auch stets die Einheimischen ins Schlangenfieber, indem er sie als Informanten, Führer und Jagdgenossen rekrutiert. Der Icherzähler zelebriert seine Naivität, seine Angst und auch seine notorische Erfolglosigkeit. Immer wieder glaubt er, den begehrten Netzpython förmlich zu riechen, wenn ihm im Urwald jene Mischung aus Moder und Urin in die Nase steigt. Und doch bekommt er ihn nie zu Gesicht - außer in seinen erratischen Träumen.

Twigger erzählt kurzweilig und humorvoll, macht sich mit Vorliebe über sich selbst lustig, spart aber auch bei anderen nicht mit liebevoller Häme. Der Inder, der sich mit 5000 Skorpionen in einen Käfig setzt und neunmal täglich gebissen wird, fährt trotz Manager nur Verluste ein; der Malaie, der seinem Premierminister nacheifernd stets von der Notwendigkeit einer "Vision" spricht, wird von seinen Dorfgenossen nicht ernst genommen; der Indonesier, der sich damit brüstet, mit dem "Ausländer" in einem Bett geschlafen zu haben, erhöht so seinen gesellschaftlichen Rang; dazu jede Menge Häuptlinge mit einer Handvoll Untertanen.

Enttäuschend ist allein der etwas aufgesetzt wirkende Schluss. "Die Schlange ist in mir", heißt es da, der gelungene Mix aus Reisereportage und Fabulierlust endet als reichlich banale Selbstfindungsgeschichte. Dem charmanten Geschichtenerzähler ist im Würgegriff des Sinnstiftenmüssens dann doch die Luft ausgegangen.

Oliver Hochadel in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schlangenfieber (Robert Twigger, Claudia Feldmann)

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