Alle unsere frühen Schlachten
Fußball-Stücke

von Javier Marías, Paul Ingendaay, Alexander Dobler, Catalina Rojas Hauser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 9/2000

Javier Marías philosophiert über Real Madrid und den FC Barcelona.Er könnte aber auch Rapid oder die Austria gemeint haben.
Sein Glaubensbekenntnis hat Javier Mar1'as schon vor ein paar Jahren abgelegt, nur hat es keiner bemerkt. Der Romantitel "Mein Herz so weiß" mag ja ein Shakespeare-Zitat sein, in Wahrheit zeigte er aber an, für wen die Lebenspumpe des Autors schlägt: für Real Madrid. In 30 "Fußball-Stücken" führt Mar1'as nun in eine Fußballwelt, die Lichtjahre von Hanappi- oder Horr-Stadion entfernt liegt. Auch wenn mit den Ziffern 9 und 0 bereits alles gesagt ist, wird aber offensichtlich, dass die Sozialisation eines Fußballfans im Großen nicht viel anders verläuft als im Kleinen. Sammelte der 1951 geborene Javier einst Klebebilder von Di Stefano oder Puskas, tauschte man hierzulande etwas später eben einen Hans Krankl gegen zehn Karl Daxbachers.
Zwar mag die Rivalität zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona allein aus historisch-politischen Gründen eine andere Dimension haben als jene zwischen Rapidlern und Austrianern, so manch philosophisch angehauchter Diskurs ließe sich aber problemlos auf hiesige Verhältnisse umlegen. Unverständlich ist Mar1'as etwa die Unsitte, dass Spieler von Real Madrid nunmehr ohne jegliche Gewissensbisse zum FC Barcelona (Luis Enrique) wechseln und umgekehrt (Michael Laudrup). Obwohl er ihn wahrscheinlich gar nicht kennt, spricht Mar1'as in diesem Kapitel zweifelsohne von Peter Stöger, jenem Prototyp des Austrianers, der vor gar nicht allzu langer Zeit unverständlicherweise im Rapid-Dress steckte. Sogar wenn Mar1'as anlässlich der Fußball-WM 1998 über den damaligen spanischen Teamchef Javier Clemente schreibt, kommt einem Rapid in den Sinn: "Ich habe schon gehört, wie sich einige das Unmögliche wünschen: dass die Nationalmannschaft gewinnt und Trainer Clemente verliert." Wäre das nicht ein Rezept, Heribert Weber endlich loszuwerden?
Es war der Kulturkorrespondent der FAZ in Madrid, Paul Ingendaay, der die fußballphilosophischen Aufsätze zusammengetragen hat. Diese löbliche Tat wird nur von der Übersetzung geschmälert, die sich regelmäßig verstolpert, sobald es um Fachtermini geht: So wurde der FC Barcelona 1992 nicht "Europameister", sondern Europacupsieger, und der Ausdruck "UEFA-Qualifizierter" klingt äußerst holprig, wenn in Wahrheit ein Teilnehmer am UEFA-Cup gemeint ist. Davon einmal abgesehen, sind die "Fußball-Stücke" aber sowohl grelle Blitzlichtaufnahmen - wenn Mar1'as etwa den französischen Team-Tormann Barthez der WM 1998 ob seines kurzärmeligen Pullovers eine "sommerlich gekleidete Karikatur eines Existenzialisten" und einen "Hofnarr jenes Winterwesens namens Beauvoir-Sartre" schilt - als auch einfühlsame Reisen in eine Kindheit und Jugend im Spanien der Fünfziger- und Sechzigerjahre, als Franco zwar noch gut im Futter stand, dem Volk aber schön langsam dämmerte, dass der Diktatur des zunehmend vergreisenden Generalissimus allmählich der Zeitgeist davongaloppierte. In dieser Zeit gewann Real Madrid sechsmal den Europacup der Meister. Dies tat dem kollektiven Selbstbewusstsein gut, und Mar1'as weiß das sehr schön zu beschreiben.
Eine Schmach von damals hat er aber wohlweislich ausgeblendet. In der Saison 1968/69 boxte Rapid Real aus dem Europacup der Meister (1:0 in Wien, 1:2 in Madrid). Der scharfe Schrägschuss von Johnny Bjerregaard zum entscheidenden Auswärtstor muss den damals 18-jährigen Mar1'as direkt ins weiße Herz getroffen haben.

Edgar Schütz in FALTER 9/2000 vom 03.03.2000 (S. 59)


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