Shriek

von Jeff VanderMeer

€ 25,70
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Übersetzung: Hannes Riffel
Verlag: Klett-Cotta
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Fantastische Literatur
Umfang: 488 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 22/2009

Abschweifungen und Ausschweifungen

Das Buchcover lässt nichts Gutes vermuten: Grellgrüne, giftig anmutende Pilze überwuchern eine altertümlich anmutende Schreibmaschine, an eine Fortführung der Arbeit ist mit diesem Apparat nicht mehr zu denken. Das Titelbild ist, so stellt sich es bei der Lektüre von Jeff VanderMeers zweitem Roman um die fantastische Stadt Ambra und ihrer skurrilen, schriftbesessenen Bewohner, Teil des Programms.
Hatte der preisgekrönte Autor mit "Stadt der Heiligen und Verrückten" mittels einer Vielzahl fingierter Quellentexte die Mythologie um die gleichermaßen betörende wie befremdliche Metropole vorgelegt, so folgt mit "Shriek" nun – ganz dem in der deutschsprachigen Übersetzung getilgten Untertitel "An Afterword" folgend – ein umfänglicher Kommentar zum unvermeidlichen Untergang dieser an Renaissancestädte erinnernden Siedlung.
Janice Shriek, die Schwester des verfemten Historikers Duncan Shriek, schreibt, die Übernahme ihrer Heimat durch die pilzgleichen Grauhüte vor Augen, die Biografie ihres verschollenen Bruders und verfertigt damit auch einen Entwurf der Geschichte der Stadt und ihres eigenen Lebens darin.
Doch damit nicht genug: Der Text ist von nachträglich angebrachten Ergänzungen durchzogen, einerseits von editorischen Bemerkungen eines beflissenen Verlegers, andererseits von zahlreichen Ergänzungen und Korrekturen von Duncan Shriek selbst.

Der Titel, der wie Shakespeares "Macbeth" männlich wie weiblich konnotiert sein kann, ist ein Aufschrei, der Ausruf des Historikers, der angeblich nur aus "Abschweifungen und Ausschweifungen" besteht – und in seinen Recherchen unter den vermodernden Häusern der sterbenden Stadt die geheimen, verdrängten Belege eines lang vergangenen Völkermordes freilegt. Der Untergang Ambras und der beteiligten Figuren wird so als historische Konsequenz, der biografische Entwurf des Geschwisterpaars als nachgereichte Schrift des Desasters begreifbar. VanderMeer hat mit "Shriek" erneut einen hochkomplexen, klug durchdachten und hochgradig unterhaltsamen Beleg vorgelegt, für das, was avancierte fantastische Literatur zu leisten vermag: nichts weniger, als uns einen unangenehm deutlich reflektierenden Spiegel vorzuhalten.

Thomas Ballhausen in FALTER 22/2009 vom 29.05.2009 (S. 31)


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