Glückseligkeit
Roman

von Zülfü Livaneli

€ 23,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Wolfgang Riemann
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 313 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Zwischen Istanbul und Anatolien liegen Welten

Mitunter ist es ebenso erstaunlich wie bedrückend, welche gesellschaftlichen Unterschiede trotz allem Globalisierungseifer herrschen. Eine literarische Expertise darüber bereitet Züfü Livaneli in seinem Roman "Glückseligkeit" im Fall der Türkei auf. Gleich zu Beginn taucht der Leser in ein – zumindest hierzulande – völlig unbegreifliches Schicksal ein.

Im wilden Osten Anatoliens wächst die 15-jährige Meryem auf. In ihrem Dorf feiern archaische Mythen und eine voraufklärerische Religionsauffassung sowie genuine Frauenfeindlichkeit fröhliche Urständ. Meryem wurde aus Sicht ihrer Umgebung im Grunde bereits "schuldig" geboren, weil die Mutter bei ihrer Geburt verstarb. Zu einem jungen Mädchen heran­gewachsen, wird sie in einem Gartenhaus von ihrem Onkel, dem Imam des Ortes, vergewaltigt. Aber nicht der ehrwürdige Scheich wird zur Rechenschaft gezogen, sondern Meryem, die bei ihrer Familie auf keinerlei Verständnis oder so etwas wie Rechtsempfinden rechnen kann, wird in ein Kellerloch gesperrt.
Dort liegt unter einem Balken ein Strick – eine wortlose Aufforderung, die Konsequenzen aus "ihrer Schandtat" zu ziehen, der Meryem freilich widersteht. Weswegen nun ihr Cousin Cemal, der Sohn des Scheichs, beauftragt wird, sie ins ferne Istanbul zu bringen, um sie dort – als Soldat im Kampf mit der PKK ans Töten gewöhnt – umzubringen. Aber obgleich Cemal vorerst keine Zweifel hegt, dass das Todesurteil der Familie zu Recht verhängt wurde, hat er innere Hemmungen, die kleine Spielgefährtin von früher um die Ecke zu bringen.

Erste Zweifel kommen ihm später, als er – und auch Meryem – nach einer ­tagelang dauernden Zugfahrt in Istanbul mit einer völlig anderen Welt konfrontiert werden. Die schrille Ge­gen­wart der ­modernen, weltoffenen, vom Westen geprägten Millio­nenmetropole (an deren Rande ­ge­sc­heiterte Zuwanderer aus Anatolien dahin­dümpeln), trifft die beiden wie ein Faustschlag.
Da Cemal natürlich nicht mit einer lebenden Meryem in sein Dorf zurückkehren kann, beginnt für beide eine kleine Odyssee, in deren Verlauf sie auf Irfan Kurudal treffen. Der Professor für Soziologie an der Univer­sität von Istanbul ist seinerseits mit einem Segelboot auf der Flucht vor seiner persönlichen Midlifecrisis und dem Leben der besseren Gesellschaft in Istanbul, zu der er als begabter Sohn minder begüterter Eltern aus der Küstenstadt Izmir durch Heirat mit einer Tochter aus reichem Haus Zugang gefunden hat. Der Professor heuert Meryem und Cemal als eine Art Crew auf seinem Segelschiff an.
Die Begegnung zwischen dem Professor und den beiden führt nun auf zwei Ebenen zum Clash der Kulturen: Einerseits führt Irfan das junge Mädchen in eine Welt ein, in der es statt Demut, Kopftuch und Pluderhosen Badeanzüge, leichte Kleider, Sonnenbrillen und weibliches Selbstbewusstsein gibt; andererseits genießt er selbst auf der Fahrt durch die Ägais die Befreiung von den Zwängen und Intrigen seines Familien-, Gesellschafts- und Berufslebens am Bosporus.
Bezeichnenderweise quartieren sich die drei Schicksalsgenossen auf einer fast gottverlassenen Insel bei einem etwas verschrobenen, pensionierten Botschafter ein. Auch er hat das Leben in einer Gesellschaft satt, in dem das Hauptinteresse von Medien und Menschen der Oberweitengröße irgendwelcher TV-Sternchen oder den Affären von Fußballstars und Filmgrößen gilt.

Als kritischer Geist musste Livaneli, der sich auch als Filmregisseur und vor allem als Musiker einen Namen machte, in den 70er-Jahren ins Exil gehen. In seinem Roman verknüpft er Lebensläufe von Protagonisten aus unterschiedlichen Kultur- und Gesellschaftskreisen und beleuchtet damit die heutige Türkei aus verschiedenen Blickwinkeln.
Die Einblicke in die ländlich-rückständige und geradezu borniert den alten Traditionen verhaftete Bevölkerung, aber auch in das von westlichen Einflüssen dominierte Leben der Menschen in Istanbul zeigt die Zerrissenheit und den Widerspruch, der die türkische Gesellschaft bis heute offenbar prägt. Der Professor ergeht sich an­gesichts dessen ausgiebig in Kulturpessimismus. Er sieht die alten Werte östlicher und islamischer Vergangenheit vergehen, ohne dass sie in westlich geprägten Kreisen durch neue Maßstäbe ersetzt würden.
All das verpackt Livaneli in eine fast romantisierende Sprache, sodass die Geschichte abseits ihrer Gesellschaftskritik wie ein modernes, freilich nicht immer ganz kitschfreies Entwicklungsmärchen anmutet.

Edgar Schütz in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 6)


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