Die Erwählten
Roman

von Steve Sem-Sandberg

€ 27,80
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Übersetzung: Gisela Kosubek
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 525 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Das Grauen und der ehrenwerte Dr. Gross

In einem Tatsachenroman erzählt der Schwede Steve Sem-Sandberg von der Euthanasie am Spiegelgrund



„Am Spiegelgrund“, so hieß einmal die „Jugendfürsorgeanstalt“ am Steinhof in Wien. Von 1940 bis zum Kriegsende wurden hier im Vollzug der sogenannten „Aktion T 4“ viele hundert behinderte, „schwer erziehbare“ und „rassenbiologisch minderwertige“ Kinder umgebracht. Eine prominente Rolle spielte dabei der Psychiater Dr. Heinrich Gross, der im Nachkriegsösterreich seine medizinische Laufbahn als gefragter Gerichtsgutachter und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts „zur Erforschung der Missbildung des Nervensystems“ fortsetzte und noch in der Kreisky-Ära mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wurde.

Dass Gross überhaupt noch strafrechtlich belangt wurde, war zum großen Teil das Verdienst des Arztes und Journalisten Werner Vogt; zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht, da sich Gross mit Erfolg eine fortgeschrittene Demenz attestieren ließ. 2002 wurden dann auf Initiative Vogts die sterblichen Überreste von 789 ermordeten Kindern auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.



Dank an Friedrich Zawrel

Die fürchterliche Geschichte der Experimente und Morde am Spiegelgrund ist vielfach erforscht und dokumentiert. Das betont auch Steve Sem-Sandberg am Ende seines Tatsachenromans „Die Erwählten“, in dem er Friedrich Zawrel dankt, der für Adrian Ziegler, die zentrale Romanfigur, Pate gestanden hat. Zawrel, der Anfang dieses Jahres gestorben ist, hat seine Erfahrungen am Spiegelgrund vielfach zu Protokoll gegeben.

Es gibt Bücher, Filme und Stücke mit und über Friedrich Zawrel, sodass man sich fragen kann, warum Sandberg das ganze grauenvolle Material erneut ausgebreitet und fiktionalisiert hat. Man kann, lautet die Standardantwort, über lange genug verdrängte und stets von Vergessen bedrohte Verbrechen gar nicht genug Aufrüttelndes schreiben. Man müsse, heißt es, den Opfern eine Stimme geben. Aber in diesem Fall haben Überlebende, mit größerer Legitimität, schon selbst gesprochen.

Steve Sem-Sandberg hat sich einen literarischen Ruf mit Romanen über extreme, traumatische (Lager-)Erfahrungen erworben. Ein früherer Roman handelte von Ravensbrück, sein letzter, „Die Elenden von Łódź“, erzählte die Geschichte des jüdischen Ghettos und seines Vorstehers Mordechai Chaim Rumkowski. Auch hier stützte sich Sandberg auf authentisches Material und reicherte es literarisch an, mit dem Ergebnis einer beinahe realistischen „Immersion“ in die Ghettowelt. Die Methode und auch das Problem wiederholen sich nun bei den „Erwählten“.

Sandbergs Roman lässt seine Leser auf eine unbehagliche Weise „befriedigt“ zurück. „Ein Leseerlebnis“, wie man so sagt, aber eines, das auf der literarischen Ausbeutung oder wenigstens Aneignung von fremdem Leid basiert. Das muss man nicht kritisieren, aber man kann sich fragen, wie der ethisch-literarische Gegenentwurf dazu aussähe.



Befehl aus Berlin

Am Spiegelgrund wurde eine NS-Psychiatrie etabliert, die in ihren leitenden Prinzipien nicht rundherum neu war. Schwarze Pädagogik und weitverbreitete Konzepte von „Bevölkerungspolitik“ hatten den Boden für eine Medizin bereitet, die sich radikalisierte und auf die generelle Vernichtung „unwerten Lebens“ zielte. Für Gedanken zu „Rassenhygiene“, „Qualitätsverbesserung“ und „Minusvarianten“ muss man kein Nazi gewesen sein, das belegt das Zitat aus Julius Tandlers „Krieg und Bevölkerung“ von 1916, das Sandberg dem Roman vorangestellt hat. Tandler, Arzt und Sozialdemokrat, vertrat wie viele Zeitgenossen die Idee einer „positiven Eugenik“.

Auch am Spiegelgrund wird solches ­Gedankengut gepflegt; die Anstalt habe die Aufgabe, „alle psychisch auffallenden Kinder und Jugendlichen vom Säuglingsalter bis zur Erreichung der Volljährigkeit nach genauester Beobachtung und Prüfung ihrer psychischen und physischen Kenntnisse und Fähigkeiten nach erfolgter Begut­achtung in die für sie entsprechende Anstalt bzw. Pflegestelle einzuweisen“, heißt es in einem Aufsatz von 1942. Als dann „aus Berlin“ der Befehl zum Töten erfolgt, wandelt sich die Anstalt widerstandslos in ein Organ der politisch verordneten negativen Eugenik.

Der junge Dr. Gross spielt dabei stets eine zentrale Rolle. Im Unterschied zu seinem Chef ist er kein lautstarker Ideologe, sondern ein kultivierter, Autorität ausstrahlender Nervenarzt mit sicherem Urteil, der auch schon einmal Zuckerln an brave Kinder verteilt. Dr. Gross ist es auch, der Anfang 1941 den eben eingelieferten Adrian Ziegler erstuntersucht und diesem den Schädel vermisst.

Ziegler wird als Sohn eines Trinkers und „Zigeuners“ „erbbiologisch“ als „minderwertig“ eingestuft, ist früh durch Pflegefamilien, Erziehungsanstalten und Waisenhäuser gereicht worden, hat seine Schuljahre als „Schwachsinniger“ vorwiegend in der letzten Bankreihe verbracht und ist nun „auf der untersten Stufe“ angekommen, am Spiegelgrund, „wo nur die Verworfensten landeten“.

Sandberg verschränkt die Geschichte Adrian Zieglers mit jener von Anna Katschenka, einer der Krankenschwestern am Spiegelgrund. Nur sie sind es, die nach dem Krieg über ihre Erfahrungen gesprochen haben, Ziegler/ Zawrel als Zeitzeuge und Katschenka im Volksgerichtsprozess gegen die leitenden Ärzte der Anstalt. Wegen Totschlags in 24 Fällen wurde sie 1948 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.



Nur ihre Pflicht getan?

Die anderen Figuren des Romans haben keine oder wenig Zeugnisse hinterlassen: Die meisten Kinder wurden ermordet, die leitenden Anstaltsärzte mit Ausnahme von Gross hingerichtet, die anderen Schwestern blieben unauffindbar. Ist Schwester Anna, aus sozialdemokratischer Familie und „unpolitisch“, wie sie zu Protokoll gab, eine Täterin, wie das Gericht befand? Ist sie eine Mitläuferin und willige Vollstreckerin, oder hat sie, wie so viele, einfach „nur ihre Pflicht“ getan? Und worin genau besteht der moralische Unterschied? Die Euthanasie, erklärt ihr der Anstaltsleiter Doktor Jekelius, dem sie in platonischer Liebe zugetan ist, sei als „barmherzige Tat zu verstehen, ausgeführt im selben Geist, der die Medizin seit jeher beseelt hat: nämlich Schmerz und Leid zu lindern und zu beseitigen“. Das ist noch die Zeit vor Aktion T 4, bevor also der Mord zum Programm wird und sich die Schrecken auf eine zuvor undenkbare Weise multiplizieren.

Der Spiegelgrund, wie Adrian Ziegler ihn überlebt hat und Sandberg ihn schildert, muss freilich schon davor die Hölle gewesen sein: All die unheilbaren Leiden, dann die vielfältigen Bestrafungen und sadistischen Korrekturen, die Gemeinheiten und Grausamkeiten zwischen den Kindern, zwischen Kindern und Pflegerinnen, zwischen den Pflegerinnen und Ärzten und so fort – all das wäre auch ohne Hitler schon unerträglich gewesen und bekommt durch ihn noch zusätzlich den Charakter eine bösen, pedantischen Farce.



Entgleiste Metaphorik

Wie soll ein Roman, der diese Hölle schildert, nicht unerträglich sein? Wenn er sich, bei aller Empathie, hin und wieder wie NS-Pornografie liest, dann liegt die Verantwortung dafür beim Autor. Eine Erzieherin etwa trägt das Abzeichen der NS-Frauenschaft: ein schwarzes „Dreieck mit dem Hakenkreuzsymbol wie ein kleiner roter Blutstropfen in der Mitte“. Manche seiner Vergleiche und Metaphern hätte sich Sandberg, aus ethischen oder vielleicht auch nur aus Geschmacksgründen, besser erspart.

Adrian Ziegler, oder Friedrich Zawrel, hat den Spiegelgrund und die chaotische Deportation in ein Auffanglager bei Kriegsende auf wundersame Weise überlebt, er hat – die gefährlichste Zeit von allen – die ersten Monate in Freiheit überstanden. Er ist währenddessen – fast unvermeidlich – wieder straffällig geworden und hat noch einige Jahre in österreichischen Zuchthäusern verbracht.

Ebenfalls fast unvermeidlich ist er viele Jahrzehnte nach seiner Zeit am Spiegelgrund noch einmal dem Gerichtsgutachter Dr. Heinrich Gross vorgeführt worden. Schwer kann man sich eine grauenvollere Szene vorstellen als diese: Der unbescholtene und allseits geschätzte Amtsarzt, der sein Opfer von einst beim Wiedersehen nach 35 Jahren noch einmal auf seinen Geisteszustand untersuchen darf. Das ist die nicht geringe Leistung von Sandbergs Roman: dass er das Entsetzen über die Ereignisse am Spiegelgrund und ihre lange Nachgeschichte neu entfacht.

Christoph Bartmann in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 18)


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