Sibirien
Schlafende Erde erwachendes Land

von Colin Thubron, Hans-Ulrich Möhring

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2002

Der britische Journalist Colin Thubron und der ungarische Schriftsteller György Dalos haben zwei höchst unterschiedliche Berichte über ihre Reisen nach Sibirien bzw. Sachalin verfasst.

Oben ein Schamane mit Trommel, unten eine Schneewüste. "Als vor ein paar Jahren der Eiserne Vorhang fiel, konnte Russlandkenner Thubro seinen Traum erfüllen: die Seele Sibiriens suchen." Das Cover und der Umschlagtext lassen Schlimmes befürchten. Aber "Sibirien: Schlafende Erde – erwachendes Land" von Colin Thubron ist ein phänomenales Buch und verhandelt souverän die Geschichte und Geographie jenes weißen Kontinents, der sich Tausende Kilometer weit zwischen Ural und Pazifik, Nordpolarmeer, Mongolei und China erstreckt.
Als Reiseführer hat der britische Journalist Colin Thubron das Prinzip Zufall gewählt. Die Begegnungen mit zufälligen Mitreisenden in der Transsibirischen Eisenbahn oder auf den Frachtschiffen des Ob vermitteln ein eindringliches Bild des letzten bestehenden Kolonialreiches, das als solches bis heute kaum wahrgenommen wird: Moskau kümmert sich nicht mehr um das Land der Jäger und Rentierzüchter, aus dem bis heute das Gas in unseren Wiener Gasherden kommt.
Keine Spur ist mehr von den Visionen des 19. Jahrhunderts zu finden, als man sich Sibirien am Rand eines künftigen Weltzentrums um den Pazifik vorstellte und die Eisenbahn Europa erstmals mit dem fernen Osten auf dem Landweg verband. Die gewalttätige sowjetische Industrialisierung und Städtegründung der 1930er-Jahre hat nur Ödnis hinterlassen – eine der größten Müllhalden der Weltgeschichte.
Mit Colin Thubron ist man gleich mitten drin. In Jekaterinburg, der Grenzstadt zwischen Europa und Asien am Ural, tratscht der Brite – als wäre er immer schon dagewesen – mit einem Bomsch, einem Sandler, und erfährt von ihm die Geheimnisse der russischen Monarchie. In einem altaiischen Drecknest lässt er sich von einer alten Museumsführerin über Lenins Verbannung berichten. Und die Krakeleien eines arbeitslosen Physikers aus der Rüstungsindustrie setzten eine eingehende Betrachtung über Wissenschaft unter marxistisch-leninistischen Prinzipien in Gang.
Thubron sieht alles. Er freut sich über Rasputins Urenkel, schildert die ökologischen Probleme des Baikalsees, aber auch die atemberaubende Schönheit der Taiga. Er kennt das ewige Problem des Alkoholismus und interessiert sich für die kürzlich entdeckte altaiische vorzeitliche Prinzessin (ein sibirisches Ötzi-Gegenstück) oder die Silos der Interkontinentalraketen. Und vor allem: Dieser Mann schreibt nicht schlechter als Chatwin, dafür aber sachlicher. Das Gegenstück zu Colin Thubrons neugieriger Reise-Euphorie kann man bei György Dalos nachlesen. Mit "Die Reise nach Sachalin. Auf den Spuren von Anton Tschechow" beendet der ungarische Schriftsteller seine russische Trilogie. Dalos kennt das Land, in dem er als junger Kommunist in den Fünfzigerjahren studiert hat, aus eigener Anschauung. Sein Buch schmeckt trotzdem wie ein aufgewärmter Witz aus der Zeit des Gulaschkommunismus.
"In meinem Herzen herrscht ein Stillstand. Sollte ich nach Tirol fahren, nach Berdtischew, nach Sibirien – alles egal", schrieb Anton Tschechow, Meister des Absurden und Stardramatiker des Moskauer Künstlertheaters im Jahre 1890 an einen Freund. Sein Erfolg erlaubte es dem ehemaligen Arzt, sich für drei Monate nach Sachalin zu begeben, seit 1858 offizieller Verbannungsort für Straftäter im Zarenreich. Was bei Tschechow zu einem Klassiker der Gefängnisreportage wurde, verkommt bei Dalos, der sich auf Spurensuche macht, zu bloßem Papier.
Die keine zehn Kilometer vom russischen Festland getrennte Pazifikinsel wurde im 17. Jahrhundert von Kosaken entdeckt; neben ihrer Funktion als Gefängnisinsel (bis 1905) wurde Sachalin wegen seiner Erdölvorkommen immer wieder zum Zankapfel zwischen Russland und Japan: so im russisch-japanischen Krieg 1904/05, abermals in den Zwanzigerjahren, als die Japaner das Eiland besetzen. 1945 von den Russen befreit, wird Sachalin in den Fünfzigerjahren am Fünfzigsten Breitengrad getrennt und fällt anschließend ganz an die Sowjetunion.
Dalos hat alles über Sachalin gelesen und erzählt das Gelesene nach: So aber gelingt ihm weder eine Ableitung des sowjetischen Totalitarismus aus dem russischen, noch vermittelt die Tragödie des Landes irgendeinen Schrecken. Er weiß immer, wie und warum etwas geschieht, und zwar im Voraus. Seine Beobachtungen des heutigen Lebens sind meist banal oder einfach nervig. Zu oft hat man davon gelesen, dass Russen klauen und saufen. Angesichts der mitunter penetrant-überschwänglichen Gastfreundschaft der Russen lamentiert er ohne alle Selbstironie über seine zu hohen Cholesterinwerte. Und von den Heizungsproblemen auf Sachalin liest er im Internet – dafür hätte er nicht nach Sachalin fliegen müssen. Die Qualität eines guten Reisebuches, nämlich die Fantasie des Lesers so sehr zu reizen, dass der sogleich aufbrechen will, hat György Dalos jedenfalls weit verfehlt. Statt der läppischen Spurensuche frei nach Tschechow sei hiermit dessen "Reise nach Sachalin" in der Originalversion empfohlen. Oder der als Reprint wieder greifbare Klassiker des deutschen Naturforschers Johann Georg Gmelin, der von 1733 bis 1743 unter Vitus Bering an der großen nordischen Expedition teilnahm. Titel: "Expedition ins unbekannte Sibirien". Aufbruch!

Erich Klein in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Reise nach Sachalin (György Dalos)

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