Theater 2000
Das Jahrbuch der Zeitschrift

von Barbara Burckhardt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Friedrich Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 37/2000

Die Zeugnisse werden im deutschsprachigen Theater erst nach den Sommerferien verteilt - dann nämlich, wenn das Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute mit seiner berühmt-berüchtigten Kritikerumfrage erscheint. Musterschüler war einmal mehr das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das zum vierten Mal in der siebenjährigen Ära Baumbauer die Gesamtwertung gewann und deshalb zum "Theater des Jahrzehnts" wurde. Der Würdigung der Jahresbesten stehen in "Theater 2000" zwei lange Essays von Mathias Greffrath und Diedrich Diedrichsen gegenüber, die aus unterschiedlicher Perspektive die gesellschaftspolitische Leere zur Jahrtausendwende reflektieren. Der interessanteste Beitrag des Jahrbuchs stammt von Frank Castorf, der in einem prägnanten Text sein Theater-Credo offen legt. Wichtigste Regel: "Man kann viel Geld in der Zeit verdienen, die man mit Theaterarbeit vertrödelt. Sollte man nie vergessen."Zur Aufführung des Jahres wurde der Shakespeare-Marathon "Schlachten!" gekürt. Wie die 22-stündige Inszenierung sprengt auch das nun vorliegende Programmbuch alle Dimensionen. "Peter Stein inszeniert Faust" ist ein opulenter Bildband, der neben Texten zum Werk zahlreiche Bühnen- und Kostümskizzen sowie Szenenfotos zur Inszenierung enthält. Den Kern des schweren Buches, das jedenfalls erst nach Besuch der Aufführung erworben werden sollte, bildet ein ausführliches "Probentagebuch", in dem man allerdings fast nichts über die Probenarbeit erfährt. Stattdessen wird minutiös Szene für Szene beschrieben: Das ist zwar wenig spannend, passt aber irgendwie zur Inszenierung.Wilfried Ohms erzählt von einer todesbleiernen österreichischen Zwillingsexistenz. Klavierspieler haben es nicht leicht. Deswegen ist der Leser von Wilfried Ohms Erzählung "Abschied vom Spiegelbild" auf den Seiten 46 ff. zunächst einmal irritiert: Da beginnt der Zwillingsbruder des Icherzählers ohnehin schon etwas spät - die beiden Protagonisten sind offenbar etwa gleichen Alters wie der 1960 in Graz geborene Autor - mit dem Klavierunterricht, und dann spielt er sich in kürzester Zeit durch Cernys "Schule der Geläufigkeit" zu Bach und Beethoven und schafft es dabei auch noch, sich aus der Doppelmühle des Zwillingsdaseins zu befreien: "Dieser für ihn wichtigste Teil seines Lebens sollte nur ihm alleine gehören."
Eine glückliche Pianistenkarriere in der österreichischen Gegenwartsliteratur? Das darf nicht sein! Also macht der realitätsfanatische Vater auf Seite 49 den Ambitionen seines Sohnes ein Ende und streicht ihm die Klavierstunden: "Nach nicht einmal zehn Minuten war so der Lebenstraum meines Zwillingsbruders ausgeträumt." Irgendwie war damit zu rechnen gewesen - schließlich erfährt der Leser schon ganz zu Beginn, dass sich Christian erhängt hat.
Die Ursachen für das zwischen Alkoholismus, Fresssucht, desaströsen Ehen, zahlreichen Ortswechseln und verschiedenen Berufen dahinmäandernde Leben Christians darf man in der Kindheit vermuten. Von aller Welt verwechselt, des vorsätzlichen Identitätsschwindels verdächtigt und als bloßes Doppelwesen der je eigenen Identität beraubt, werden er und sein eineiiger Zwillingsbruder auch noch von zwei grundbösen Eltern gepeinigt.
Ob die Erzählung einen autobiografischen Hintergrund hat - an einer Stelle fällt der Name Ohms -, ist vom Leser nicht zu entscheiden und letztlich auch irrelevant. Jedenfalls ist es dem Autor, der mit seinem Roman "Kaltenberg. Ein Abstieg" letztes Jahr für einige Aufmerksamkeit sorgte, nur unzureichend gelungen, ein überzeugendes Porträt seiner Protagonisten zu entwerfen. Dass sich die Erzählung simpler Psychologisierung verweigert und Christians Biografie nicht als Kette chronologisch aufgefädelter Kausalitäten abspult, ist ihr zugute zu halten. Leider bekommt der Leser stattdessen aber nur eine kursorische Aufzählung von Lebensdaten und Kindheitsmustern serviert, deren Abgründigkeit zwar immer wieder in diffusen Vergleichen und Metaphern behauptet wird ("Kaum ein Tag, an dem wir nicht zum Tod durch Ignoriertwerden verurteilt worden wären"), die aber ansonsten hauptsächlich aus fast lustlos aneinander gefügten Standardzutaten besteht. Über die gemeinsamen Sprachferien in England etwa heißt es: "Unabhängig voneinander erlebten wir die ersten erotischen Abenteuer, genossen die ungewohnte Freiheit." Eastbourne 1975 - darüber hätten wir doch ganz gerne mehr erfahren.Axel Hacke ist der Daniel Glattauer der Süddeutschen Zeitung, sozusagen. Im so formidablen "SZ-Magazin", wo vor kurzem der legendäre Chefredakteur Ulf Poschardt geschasst wurde und wo zwei der talentiertesten Schreiberlinge überhaupt, nämlich Rebecca Casati und Moritz von Uslar, werken (aber das führt uns jetzt vieleicht ein bisschen zu weit weg vom Thema), gewährt Axel Hacke allfreitäglich Einblicke in die Gedankenwelt des überforderten, weil hochgradig sensiblen, ängstlichen und übervorsichtigen Citoyens, also somit in die unsere. Zwei von seinen handlichen, bunten Kolumnenzusammenfassungswerken sind schon erschienen, nun folgte vor kurzem noch die Nr. 3. Der drohende Titel: "Ich sag's euch jetzt zum letzten Mal".
47 kleine, nette Texte sind da drinnen, und ungefähr gleich so viele kleine, nette Bildchen gibts auch noch mit dazu. Liest man die Titel "Warum ich beim Sex an Regen denke", "Ein Abend mit Babyfon" und "Als ich meinen Kühlschrank küsste", weiß man sofort, dass die drei großen Lebensdinge des Autors nach wie vor dieselben geblieben sind: die forsche Kolumnistenfrau Paola, der Kolumnistensohn Luis sowie der überforderte, weil hochgradig sensible, ängstliche und übervorsichtige Kolumnistenkühlschrank Bosch. Sie alle liebt der Autor heiß und innig, sie alle machen ihm aber zeitweise auch das Leben noch ein bisschen schwerer, als es eigentlich sowieso schon ist. "Warum fehlt mir alles Lässige?", fragt er sich dann etwa. "Warum fühle ich mich für alles verantwortlich? Warum bin ich nicht easy?" Die drei bleiben stumm.

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2000 vom 15.09.2000 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Abschied vom Spiegelbild (Wilfried Ohms)
Peter Stein inszeniert Faust von Johann Wolfgang Goethe (Roswitha Schieb)
Ich sag's euch jetzt zum letzten Mal (Axel Hacke, Thomas M Müller)

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