Politik der Apokalypse
Wie Religion die Welt in die Krise stürzt

von John Gray

€ 23,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Christoph Trunk
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 363 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2010

Rezension aus FALTER 42/2009

Der hohe Blutzoll utopischer Hoffnungen

Religion: John Gray zieht Parallelen zwischen christlich-apokalyptischen Sekten und den politischen Projekten der Moderne

Jan Bockelson war ein Schneidergeselle zu Beginn des 16. Jahrhunderts. 1534 ließ er sich zum König der norddeutschen Stadt Münster ausrufen, die er zum "neuen Jerusalem" machen wollte. Bockelson stand an der Spitze einer der vielen christlichen Sekten, die im Zuge der Reformationsbewegung in Europa entstanden. In Münster wurde ein Stadtstaat errichtet, in dem es eine quasikommunistische Gütergemeinschaft gab, während gleichzeitig auf unverheiratete Frauen die Todesstrafe wartete. Bockelson sah sich als Messias, der seine Anhänger auf das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt vorbereitete.
Der umstrittene britische Philosoph John Gray vergleicht Bockelson unter anderem mit George W. Bush. In seinem Buch "Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt", das 2007 unter dem Titel "Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia" erschien, führt er das Scheitern verschiedenster Weltanschauungen und politischer Projekte auf ihren angeblich religiösen Ursprung zurück.
"Unsere Welt am Beginn des neuen Jahrtausends ist übersät mit den Trümmern utopischer Projekte, die zwar säkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, in Wirklichkeit aber von religiösen ­Mythen getragen waren."

Wie Jan Bockelson hätten auch die Jakobiner während der Französischen Revolution, die Nationalsozialisten im "Dritten Reich", die Sowjetkommunisten und die US-amerikanischen Neokonservativen utopische Visionen verfolgt, die unerreichbar und von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Gray attestiert ihnen allen einen prinzipiell religiösen bzw. christlichen Charakter, der sich vor allem darin äußert, eine endgültige Lösung der Probleme der Menschheit in einer Art "Endzeit" anzustreben. Wenn nötig, auch mit Gewalt.
Das Konzept der Revolution als Wendepunkt in der Geschichte ist für Gray ein grundsätzlich religiöses. Und ein teleologisches, also auf ein Ziel hin gerichtetes oder gar apokalyptisches, also auf ein Ende gerichtetes Geschichtsbild genuin christlich. Solche Interpretationen hätten sich, auch wenn sie vom Mainstream des Christentums immer weiter abstrahiert worden seien, über die Jahrhunderte hinweg gehalten.
Jan Bockelson firmiert hierbei als ein Beispiel für das erneute Aufkeimen teleologischer Vorstellungen in den millennaristischen Bewegungen des Mittelalters. Später hätten sich die apokalyptischen oder utopischen Vorstellungen zunehmend auch in den Bereich des Säkularen ausgebreitet. "Die politischen Ideologien der letzten 200 Jahre waren getragen von einem Mythos der innergeschichtlichen Erlösung, der das fragwürdigste Geschenk des Christentums an die Menschheit ist."

Im Irakkrieg sieht Gray nun das jüngste Beispiel für die Auswüchse dieser Vorstellungen. Die Demokratie nach US-amerikanischem Vorbild auf diese Weise in die ganze Welt zu exportieren sei ein weiterer unter vielen Belegen dafür, dass politische Utopien von vornherein zum Scheitern verurteilt seien. "Falls die letzte dieser Utopien in den Wüsten des Irak verendet sein sollte, müssen wir ihr nicht nachtrauern. Ihr Untergang wäre ein Segen für die Welt, denn utopische Hoffnungen haben einen weit höheren Blutzoll gefordert als die Glaubenskriege der Vergangenheit."
Eine Rückkehr genau solcher Glaubenskriege hält Gray angesichts der ökologischen Herausforderungen für wahrscheinlich. Der Klimawandel und die damit verbundene Ressourcen- und Nahrungsknappheit würden die politische Weltordnung entscheidend verändern und neuen Nährboden für religiös-apokalyptische Kulte bieten. Die Lösung liege in der "verlorenen Tradition des Realismus", darin, sich mit den Fehlern der Menschheit abzufinden, sich damit zu begnügen, unlösbaren Problemen auf dem Weg des geringsten Übels zu begegnen, statt die unmögliche Mission anzutreten, sie aus der Welt zu schaffen.
Als Brandrede gegen alles Religiöse ist Grays Buch trotz allem nicht zu verstehen. Denn er beschreibt auch den modernen Atheismus als ein auf das Christentum zurückzuführendes Phänomen. Der deutsche Untertitel ist schlecht gewählt, weil Gray eben gerade nicht die Religion selbst, sondern quasireligiöse politische Bewegungen als Ursache für die Krise sieht, in der sich die Welt seiner Meinung nach befindet. Lesenswert ist es jedenfalls, auch wenn man mit seinen teilweise provokanten Thesen nicht übereinstimmt.

Michael Weiss in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 34)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb