Wolke und Weide
Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre

von Marcel Reich-Ranicki

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Verstrickungen eines begabten Karrieristen

Über den Großkritiker Reich-Ranicki und seine Tätigkeiten in Polen während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist im deutschen Feuilleton zweimal ebenso kurz wie heftig diskutiert worden. 1994 enthüllte Tilman Jens, der Sohn des berühmten Germanisten Walter Jens, dass Reich-Ranicki zeitweilig für den polnischen Geheimdienst gearbeitet hat. 2002 kamen einige Details dazu heraus.
Dem Kritiker selbst waren stets nur Minimalgeständnisse zu entlocken. Den Geheimdienst stellte er als dilettantische Institution, seine Arbeit als völlig folgenlos hin. Tatsächlich war die Abteilung, in der er in London 1948/49 hochrangig tätig war, jedoch mit der Ausweisung polnischer Exilanten in die Heimat beschäftigt. So manchen erwartete dort die Todesstrafe. Reich-Ranicki gelang es trotzdem, nicht zuletzt auch durch seine Autobiografie "Mein Leben", seine Rolle als eine marginale zu relativieren.
Ja, er ging als Überlebender des Holocaust, der eine ganze Reihe Mitglieder seiner deutsch-polnisch-jüdischen Familie in Konzentrationslagern verloren hat, noch rhetorisch geschickt in die Offensive: "Wenn ich mich damals, noch im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland, dem Ruf polnischer Behörden, im Auslandsnachrichtendienst zu arbeiten, verweigert oder entzogen hätte – ich hielte es für einen Fleck in meiner Biografie." Der deutsch-polnische Journalist Gerhard Gnauck hat als Warschau-Korrespondent für die Tageszeitung Die Welt immer wieder Artikel zum Thema verfasst und umfassend in polnischen Archiven, u.a. in jenen der Stasi, recherchiert. Seine Nachforschungen, die auch Befragungen einiger noch lebender Zeitzeugen enthalten, erschienen nun als handliche Zusammenschau unter dem Titel "Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre".

Eines wird bei der Lektüre schnell klar: Gnauck hat kein Interesse daran, Reich-Ranicki anzupatzen oder auch nur unsanft anzufassen. Die einsilbigen Auskünfte, die er Reich-Ranicki während einiger weniger Interviews über seine polnische Zeit entlocken konnte, sind dürftig. So ist der Autor, vorsichtig von Dokument zu Dokument und Ereignis zu Ereignis schreitend, um eine Darstellung möglichst ohne jede Parteinahme bedacht.
Beide Seiten der Medaille – die schwierige Lage des jungen Juden Marceli Reich im von Hitler besetzten Warschau auf der einen, sein mitunter an Kollaboration grenzender Opportunismus auf der anderen Seite – bekommen Raum. Und wenn es unangenehm wird für den späteren Literaturpapst, überlässt der Autor meist dem Leser das Urteil.
Zur lebendigen Lektüre wird das Buch nur an wenigen Stellen. Gnauck hat viele Daten und Fakten recherchiert, das durchaus auch interessante Anekdotische findet sich kaum. Einen lebendigen Eindruck davon, was Reich-Ranicki zeitweise durchgemacht hat, bekommt man aus der Schilderung seiner Flucht aus dem Warschauer Ghetto 1943. Er und seine junge Ehefrau Teofila erfuhren selbstlose Großherzigkeit, als der Setzer Bolek Gawin sie in seiner Wohnung versteckt hielt. Reich erzählte abends Werke der Weltliteratur nach. Später beklagte er sich freilich auch darüber, kaum etwas zu essen bekommen zu haben.

Der Mann aus bürgerlich-mittelständischem Haus war spätestens seit seiner Schulzeit in Berlin davon überzeugt, etwas Besseres zu sein. Neben Arroganz zeichnete er sich freilich auch durch seine Fähigkeiten und seinen Fleiß aus. Erst profilierte er sich im Warschauer Ghetto als Dolmetscher im Judenrat, der die jüdische Bevölkerung "repräsentierte", "was eigentlich bedeutete, die Befehle der Besatzer entgegenzunehmen und sie weiterzugeben". Später sollte er, wie er einmal zugab, "einen Pakt mit dem Teufel eingehen", um nach London zu kommen – und seine Arbeitskraft dem polnischen Geheimdienst zur Verfügung stellen.
"Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude", hat er nach seiner Ausreise nach Deutschland 1958 im Gespräch mit Günter Grass gesagt. "Ein genialer Karrierist", zitiert Gnauck die Einschätzung des polnischen Schriftstellers W³adys³aw Bartoszewski. "So einen Kerl haben wir zeit unseres Lebens nicht gesehen und werden wir nie wieder sehen", heißt es bei FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher.
Es ist schade, dass sich der genaue Vermesser Reich-Ranickis polnischer Jahre selbst zu keiner differenzierteren Bewertung als der folgenden durchringen konnte: "Er hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht und ist selbst in schlimme Verstrickungen geraten." Letztlich ein sehr versöhnliches Buch.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 39)


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