Der Schmetterlingsdefekt
Turbulenzen in der Chaostheorie

von Marco Wehr

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Ähnlich wie früher einmal die Chaostheorie, soll heute die Graphentheorie die verborgenen Strukturen unserer kleinen Welt erhellen.

Vermutlich haben auch Sie schon einmal davon gehört: Es gibt eine Behauptung, derzufolge jeder Mensch auf dieser Erde mit jedem x-beliebigen anderen Weltbürger über nur sechs Zwischenschritte verbunden ist. Dieses Postulat geht auf ein ungewöhnliches Experiment zurück, das der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram in den Sechzigerjahren durchführte. Er verschickte Briefe an zufällig ausgewählte Menschen in Nebraska und Kansas mit der Bitte, dieses Schreiben an einen bestimmten Börsenmakler in Boston weiterzuleiten. Das Ungewöhnliche daran: Die Empfänger erfuhren dessen Adresse nicht, sondern wurden nur instruiert, den Brief an Leute weiterzugeben, die ihrer Meinung nach dem Börsenmakler gesellschaftlich näher stünden.

Das Experiment brachte zwei überraschende Ergebnisse, wie Mark Buchanan in seinem faszinierenden Buch "Small Worlds" berichtet: Erstens erreichten die meisten der Briefe tatsächlich den vorgesehenen Empfänger. Und zweitens, was noch bemerkenswerter ist, bedurfte es im Schnitt gerade mal sechs Zwischenschritte, um das Ziel zu erreichen! Von diesem Experiment stammt die mittlerweile berühmte Formel der "Six Degrees of Separation".

Zweifler wollten es genau wissen und starteten Folgeexperimente, so auch die Redakteure der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Sie machten im Jahr 1999 die Probe aufs Exempel. Den Ausgangspunkt bildete ein Berliner Imbissstandbesitzer mit dem Namen Salah ben Ghaly. Sein Lieblingsschauspieler: Marlon Brando. Eine Artikelserie mit dem Titel "Sind Sie eigentlich auch mit Marlon Brando befreundet?" startet und nach einigen Wochen stand fest: Milgram hatte Recht. Sechs Telefonate zwischen einander bekannten Menschen genügten, um eine Kette zwischen Salah ben Gahly und seinem Lieblingsschauspieler herzustellen.

Doch dem nicht genug: Bereits ein Jahr zuvor hatten die Mathematiker Duncan Watts und Steve H. Strogatz im Wissenschaftsmagazin Nature (Bd. 393, S. 440) eine Arbeit veröffentlicht, in der sie die grundlegenden Eigenschaften dieser so genannten "Small World"-Struktur auf die Spur kamen. Das Überraschende dabei: Auch die Strukturen unseres Gehirns, jene des US-amerikanischen Stromnetzes und die Ausbreitungsmuster von Epidemien und die Netze der Weltökonomie sind mit derselben Sprache zu beschreiben. Diese Sprache heißt "Graphentheorie" und führt zu einer neuen und überraschenden Sichtweise dieser Welt. Das ist im Prinzip ein bekanntes Phänomen: Formalwissenschaftliche Erkenntnisse wie die Graphentheorie können in vielen verschiedenen Fachgebieten zum Einsatz kommen. Und zwar deswegen, weil sie eben formale Strukturen und nicht etwa konkrete Dinge beschreiben - daher der Name. Vor einigen Jahren erlebte auch eine andere formalwissenschaftliche Fachrichtung einen echten Hype: die Chaostheorie. Auch damals war man von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten ihrer Erkenntnisse fasziniert. Dementsprechend haben viele Begriffe dieser Theorie - wie der "Schmetterlings-Effekt" - Eingang in die Alltagssprache gefunden.

Marco Wehr verfolgt in seinem Buch "Der Schmetterlingsdefekt" gewissermaßen das Gegenprogramm zu Buchanans optimistischem Ansatz. Er plädiert, die Chaostheorie nicht als Welterklärungsmodell überzustrapazieren. Eines seiner Argumente: Es existiere, so Wehr, nicht einmal eine allgemein akzeptierte Definition dessen, was der Begriff "Chaos" beschreiben soll. Mit anderen Worten, die Chaoseuphorie hat sich als überzogen erwiesen.

Offensichtlich verhält es sich mit der Wissenschaft ganz ähnlich, wie man es aus Sport und Politik schon lange kennt: Auf den Jubel folgt Ernüchterung, bisweilen sogar Katerstimmung. Ob auch die "Small World"-Theorie einmal dieses Schicksal erleiden wird, bleibt abzuwarten.

Robert Czepel in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Small Worlds (Mark Buchanan, Carl Freytag)

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