Die Sprache, der Sinn und das Unbewusste
Psychoanalytisches Grundverständnis und Neurowissenschaften

von Alfred Lorenzer, Bernard Görlicher, Ulrike Prokop, Wolf Singer, Marianne Leuzinger-Bohleber

€ 30,90
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Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Psychologie/Psychoanalyse
Umfang: 229 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.07.2002

Die in diesem Buch niedergelegten Überlegungen Alfred Lorenzers sind eine Art Resümee, ein »Vermächtnis« seines Verständnisses von Psychoanalyse. Sie beruhen auf Vorlesungen, die Lorenzer in Lateinamerika gehalten hat, wo sich das Interesse vor allem auf seine Ausführungen zum kollektiven Unterbewußten gerichtet hat.

Ein zentraler Aspekt des Buches hat - von heute aus gesehen - Pioniercharakter: Es ist der darin reflektierte Dialog zwischen Psychoanalyse und den Naturwissenschaften. Lorenzer hat als einer der ersten Psychoanalytiker versucht, eine lebenslange Hoffnung Sigmund Freuds einzulösen: Neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung könnten dazu beitragen, psychoanalytische Prozesse auch naturwissenschaftlich zu erforschen und zu belegen.

In diesem Werk vermittelt Lorenzer sein Verständnis vom Standort der heutigen Psychoanalyse, indem er sie vor dem Hintergrund anderer Strömungen, z. B. der Ich-Psychologie, den Entwürfen Jacques Lacans, Ernst Blochs und der Sprachtheorie verortet. Gleichzeitig sieht er sie, obwohl fest auf Freuds Ideen fußend, als Fortentwicklung unter Berücksichtigung heutiger Forschungsmethoden. Er schreibt: »In meinen Darlegungen und Argumenten findet sich kein Schluß, der nicht von Freud selbst stammen könnte, sofern ihm die Daten neuerer Physiologie zur Verfügung gestanden hätten.« Alred Lorenzer Prof. Dr. med., geboren 1922, war langjähriger Mitarbeiter an psychiatrischen Einrichtungen, arbeitete dann mit Alexander Mitscherlich an der Psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg, danach als Oberassistent am Sigmund- Freud-Institut und zuletzt als Professor für Sozialpsychologie in Frankfurt am Main.

Rezension aus FALTER 41/2002

Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart ringt Freuds Lehre um wissenschaftliche Legitimität. Drei Bücher zeichnen das spannungsreiche Verhältnis der Psychoanalyse zu den benachbarten Wissenschaften nach.

Andreas Mayer beschreibt in seinem jüngst erschienenen Buch "Mikroskopie der Psyche", wie der Hypnotismus daran scheiterte, sich als Experimentalwissenschaft zu etablieren. Die Psychoanalyse sieht der Wissenschaftshistoriker unter anderem als ein Resultat von direkten oder indirekten Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Experimentalkulturen des Hypnotismus. Die besondere Stellung der Psychoanalyse an der Schnittstelle zwischen Mentalem, Sozialem und Physischem versteht der kürzlich verstorbene Alfred Lorenzer in seinem Buch "Die Sprache, der Sinn, das Unbewusste" als ausdrückliche Stärke. "Hermeneutik des Leibes" nennt der aus der Tradition der Frankfurter Schule stammende Analytiker und Soziologe die Praxis der Psychoanalyse. Er verteidigt den Triebbegriff Freuds und betont die körperliche Bedürftigkeit des Menschen. Entscheidend für Lorenzer bleibt freilich, "den Trieb nicht geschichtslos biologistisch zu deuten, sondern zu zeigen, wie er in sozialen Prozessen hergestellt wird".

In seinem Verständnis sind es konkrete - zum Teil bereits auch schon pränatale - Interaktionserfahrungen, die das Individuum bis auf die Ebene der Neurophysiologie strukturieren und somit das neuronale Fundament aller unserer Erfahrungen als Ergebnis von Sozialisation hervorbringen. Lorenzer deshalb als "Vordenker" eines Dialogs mit den Neurowissenschaften zu sehen, wie dies Marianne Leuzinger-Bohleber in der Einführung des Buches nahe legt, bleibt indes erklärungsbedürftig.Das von Patrizia Giampieri-Deutsch herausgegebene Buch "Psychoanalyse im Dialog der Wissenschaft. Europäische Perspektiven" hingegen gibt tatsächlich einen Einblick in die von Grünbaum eingeforderte interdisziplinäre Auseinandersetzung der Psychoanalyse mit den Neuro- und Kognitionswissenschaften sowie in die eigenständige empirische Forschung der Psychoanalyse. Die Wiener Lehranalytikerin und Philosophin betont, dass besonders die gegenwärtige Entwicklung der analytischen Philosophie hin zur analytischen philosophy of mind den geeigneten erkenntnistheoretischen Rahmen dafür bietet. Denn Philosophen wie Thomas Nagel, Patricia Kitcher oder Owen Flanagan scheuen sich nicht, die traditionellen metaphysischen Fragen der Philosophie - wie zum Beispiel das Leib-Seele-Problem - wieder aufzugreifen. Nach einer Periode der reinen Sprachanalyse suchen sie wissenschaftlichen Kontakt mit den Neuro- und Kognitionswissenschaften.

Giampieri-Deutsch greift als Philosophin die Unterscheidung der analytischen Philosophie des Geistes zwischen (subjektiver) Erste- und (objektiver) Dritte-Person-Perspektive auf und integriert sie als Psychoanalytikerin zur Klärung und Beschreibung der Erkenntnis des Psychoanalytikers in die psychoanalytische Theorie. Dabei macht sie deutlich, dass die psychoanalytischen Phänomene der Gegenübertragung und der projektiven Identifizierung gegen den Solipsismus sprechen.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Berner führt in seinem Beitrag aus, dass die meisten Analytiker durch die Auseinandersetzung mit den Neurowissenschaften das Grundphänomen der Psychoanalyse, die Übertragung, radikaler als in früheren Zeiten formulieren. Neurophysiologisch wird sie als eine Grunderwartung bestimmter Beziehungskonstellationen beschrieben, die Bestandteil des prozeduralen Gedächtnisses (für "Fähigkeiten und Gewohnheiten" im Gegensatz zum deklarativen Gedächtnis für "Fakten und Episoden") sind. Änderungen können nach Berner demzufolge keineswegs durch rationale Einsicht allein, sondern nur durch wiederholte intensiv-affektive Erlebnisse erreicht werden.

Alles in allem liefert der von Giampieri-Deutsch herausgegebene Sammelband einen facettenreichen Überblick über einen interdisziplinären Dialog, der Freuds naturwissenschaftliche Wurzeln und sein therapeutisches Handeln mit den Entwicklungen der zeitgenössischen Philosophie des Geistes sowie den Ergebnissen der modernen Gehirn- und Kognitionsforschung verknüpft. Zweifellos eine Chance für die Psychoanalyse, wieder zu erhöhter Aufmerksamkeit zu finden und sich zunehmend in Richtung wissenschaftlicher Anerkennung zu bewegen. Dass der Psychoanalyse in ihrem interdisziplinären Aufbruch ins 21. Jahrhundert die kritischen Potenziale erhalten bleiben, wie sie etwa Lorenzer betont hat, bleibt ihr zu wünschen.

Lukas Wieselberg in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Psychoanalyse im Dialog der Wissenschaften (Patrizia Giampieri-Deutsch)
Mikroskopie der Psyche (Andreas Mayer)

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