Triumph des Bewusstseins
Die Evolution des menschlichen Geistes

von Merlin Donald

€ 25,70
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Übersetzung: Christoph Trunk
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Angewandte Psychologie
Umfang: 348 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Ich denke, also bin ich ein Mediennetzwerk

Wenn in einem Sachbuch über Bewusstsein im Register die Namen Kant und Hegel fehlen, dafür aber der von Kanzi, einem Bonobo-Zwergschimpansen, auftaucht, dann scheint uns wieder einmal ein amerikanischer College-Professor die Welt erklären zu wollen.
Es kommt dann doch ganz anders, denn Merlin Donald ist erstens Kanadier und zweitens Neurowissenschaftler mit empirischer Forschungserfahrung im Bereich menschlicher Kognition. Es geht also ausnahms­weise einmal um das Gehirn und nicht bloß um die Gene.
Schon Donalds erstes, nicht übersetztes Buch zum Ursprung des ­modernen Geistes widmete sich der kognitiven Evolution. An der vorliegenden deutschen Ausgabe seines zweiten Buches, das dieses Motiv fortsetzt, fällt sogleich auf, dass es sehr gut lesbar ist. Man lernt, was diskutiert wird: Sind Geist und Bewusstsein kulturelle Erfindungen?
Hängen die Experimentalforscher der cartesianischen Trennung in Geist und Materie immer noch an, wenn sie den Geist als kognitiven ­Dämon betrachten, der aus dem Menschen eine Art spezialisierte neuronale Maschine macht?

Bewusstsein ist im Unterschied zum Wissen eine Art reflexives Mitwissen oder, frei nach Kant, das alle meine Vorstellungen begleitende "Ich denke". Die Bewusstseinsphilosophie vergangener Jahrhunderte hat immer wieder vernachlässigt, dass kultureller Ausdruck, historische Situiertheit oder Geschlecht dieses "Ich denke" unterschiedliche Formen annehmen lassen.
Donald macht klar: Bewusstsein ist das Produkt einer evolutionär erfolgreichen Strategie, die darin besteht, geistige Leistungen an entsprechende Kulturtechniken zu binden. Das menschliche Gehirn leistet demnach alles Wesentliche nicht aus sich heraus, sondern durch seine Einbindung in kommunikative Netze. Schon das Kind lernt über neuronale Rückkopplungen.
Bewusstsein ist ein soziales Produkt, das man nicht ergründen kann, indem man das Gehirn seziert oder sein Funktionieren gerätetechnisch visualisiert. Ein Hybrid aus biologischem und symbolischem Gewebe.
Nicht ich denke, sondern wir denken.
Kann Kultur den Evolutionsprozess korrigierend überbieten? Donald beantwortet diese Frage eindeutig positiv. Kulturelle Künstlichkeit, wie sie mit dem Gebrauch externer Symbolsysteme wie der Schrift auftrat, ist ein relativ junges Phänomen. Die Spezies Mensch war, was genetische Ausstattung und Gehirnentwicklung betrifft, in ihrer Entwicklung längst abgeschlossen, als sie den Schrift­gebrauch entwickelte.

Symboltechniken sind keine Naturgegebenheiten, sondern kulturelle Hervorbringungen, die im ­Laufe der Zeit allerdings individuelle und kollektive Formen der Kognition umstrukturieren. Seine überlegenen Fähigkeiten verdankt das menschliche Bewusstsein demnach den externen Gedächtnisfeldern, die auch von anderen benutzt werden können.
Dass das eine starke These ist, erschließt sich aus der Tatsache, dass unsere heutige Gesellschaft vielschichtige Symboltechniken entwickelt hat, die sich als Medien der kognitiven Kooperation verstehen lassen.
Donalds Beitrag zur Theorie des Bewusstseins ist also auch medientheoretisch geprägt, obwohl dieser Ausdruck nicht den Weg in seinen Diskurs gefunden hat. Donald weist auf Arbeitsweltstudien hin, die gezeigt haben, wie die Verwendung neuer Medien die Formen des Wissens verändern. Die Technologien verteilter Netzwerke verändern das Verhältnis zwischen Geist und Technik oder Bewusstsein und Medien insgesamt.
Entsteht hier eine kategorial neue Form von Bewusstsein?
Was für eine Relevanz hätte dieses Buch erlangen können, hätte Donald gerade diese These nicht in einer abgelegenen Fußnote versteckt.

Frank Hartmann in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 36)


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