Verbrecher, Opfer, Heilige
Eine Geschichte des Tötens 1200-1700

von Peter Schuster

€ 27,80
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Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Mittelalter
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.01.2016


Rezension aus FALTER 41/2015

Staatliches Töten oder Die Macht des Galgens

Geschichte: Peter Schuster erzählt vom staatlichen Töten im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit



Der Weg des jungen Basler Arztes und Anatomen Felix Platter, der Mitte des 16. Jahrhunderts eine Reise zu Pferde von seiner Schweizer Heimatstadt zum Studium ins französische Montpellier unternahm, war buchstäblich mit Leichen gepflastert.

Hingerichtete hingen am Straßenrand an Bäumen oder verfaulten außerhalb der Stadtmauern am Galgen. Felix Platter sah Viertel von Menschen, die man aufgehängt hatte, „welches mich seltsam dunckt“, und stieß in der nächtlichen Dunkelheit nahe Lyon beinah mit einer an einem Ast baumelnden Leiche zusammen, „darob mir seer gruset“.



Die Lebenserinnerungen des Basler Anatomen beschreiben eine Seite der Wirklichkeit am Beginn der Neuzeit: „Vor jeder Stadt, an vielen Straßen hingen weithin sichtbar Tote am Galgen oder verwesten auf dem Rad“, schreibt der Historiker Peter Schuster in seinem Buch über die Geschichte des Tötens, in dem er auch Felix Platter zitiert.

Die makabre, öffentliche Ausstellung der staatlich Getöteten an den Hinrichtungsstätten außerhalb der Städte erfüllte einen doppelten Zweck: Sie sollte zur Abschreckung dienen und symbolisierte zudem gut sichtbar, dass eine Stadt im Besitz des Herrschaftsrechtes der Blutgerichtsbarkeit war.

Dieser Machtanspruch fand seinen Weg bis in die Sprache, worüber das französische Wort für Galgen „potence“ immer noch beredt Auskunft gibt. Es kommt vom lateinischen „potentia“, Macht.

In Peter Schusters Buch geht es um dieses staatliche Töten. Im 16. Jahrhundert hatte es besondere Konjunktur. In keiner Epoche der europäischen Geschichte wurden mehr Menschen hingerichtet – auch nicht im Mittelalter, das uns gemäß eines gängigen Geschichtsbilds als besonders grausam im Kopf herumspukt.

Auf der Suche nach dem Warum stellt sich Schuster, der an der Universität Bielefeld eine Professur für die Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit innehat, dezidiert gegen die gängige Rechtsgeschichte, die Gerichtsbarkeit vorrangig als weltliches Geschehen untersucht.



„Nicht die weltlichen Normen haben die Geschichte der Todesstrafe geprägt, sondern die Kirchen in ihren wechselnden Blicken auf das Recht des Staates, Menschen hinzurichten, und ihren wechselnden Blicken auf Verbrechen, Sünde und deren Bestrafung.“ Sein Buch präsentiert eine hochinteressante Perspektive auf die Geschichte der Todesstrafe.

Laut Schuster haben in besonderer Weise die konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts Einfluss auf die staatliche Rechtsprechung genommen. Hatte sich das Interesse der weltlichen Institutionen am Seelenheil der Verurteilten bis ins Spätmittelalter sehr in Grenzen gehalten, rückte dieses seit dem 15. Jahrhundert immer mehr in den Mittelpunkt der Hinrichtungsrituale.

Die wichtige Unterscheidung zwischen weltlicher und göttlicher Gerechtigkeit, die das mittelalterliche Rechtswesen geprägt hatte und unterschiedliche Verbrechen mit einem extrem ausdifferenzierten Bußrepertoire von brutalen Hinrichtungsarten wie Köpfen, Ertränken, Hängen, Rädern etc. geahndet hatte, löste sich mit Beginn der Neuzeit nach und nach auf.

Umgekehrt verloren auch die sogenannten „Galgenwunder“, die mittelalterliche Richter an höhere Instanzen als sie selbst erinnert hatten, an Bedeutung. „Aus dem barmherzigen Gott, der verurteilte Frauen vor dem Ertränken rettete, den Galgenstrick reißen ließ oder auf sonstige Weise Verurteilte vor der weltlichen Strafe schützte, wurde der strafende Gott, der die Normen vorgab, nach denen Richter ihre Strafen fanden.“



Das weltliche Gericht repräsentierte nun den göttlichen Willen. Dadurch konnten auch die grausamsten Hinrichtungen immer mehr zu religiösen Zeremonien werden, in deren Vorfeld es den Seelsorgern weniger um Schuld oder Unschuld ging als um die Reue der Verurteilten und ihre Seelenrettung.

Die Konjunktur der Todesstrafe, so zeigt Schuster auf, verlief durchaus nicht gleichförmig für alle Tätergruppen und Delikte. Der „religiöse Eifer und Erregungszustand“, der seit der Reformation herrschte, führte etwa dazu, dass die Verfolgung von Verstößen gegen die sittlich-moralische Ordnung wie Inzest, Blutschande oder Sodomie, die im Mittelalter nicht als Kapitalverbrechen geahndet worden waren, drastisch zunahm.

Vieles davon betraf vor allem Frauen, die davor nur eine Minderheit der Hingerichteten gestellt hatten. Gleichzeitig nahm die Zahl hingerichteter Diebe, die im Mittelalter das Gros der staatlich Getöteten ausgemacht hatten, ab. Denn die Reformatoren fanden in der Bibel keine Rechtfertigung für die Tötung von Dieben.

Julia Kospach in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 36)


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