Auf den Spuren von Mr. Spock
Eine Reise nach Indonesien

von Nigel Barley

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Ulrich Enderwitz
Verlag: Klett-Cotta
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 285 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.10.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Toraja und Briten lassen sich nicht alles bieten

Superlustiger Reisebericht plus subversive Ethnologie: Nigel Barley besucht das Volk der Toraja

Nigel Barley ist ja nun schon nahe an den 70, und wenn man sein „neues“ Buch über seine Indonesienreise liest, stellt sich schnell Bewunderung ein. Schwärme von Stechmücken und durstige Blutegel erträgt der Ethnologe gelassen. Monatelang lebt er unter, jedenfalls für einen Westler, prekären hygienischen Verhältnissen; vier Tage lang reitet er hoch zu Ross durch unwegsames Terrain, fast ohne Proviant, dafür im tropischen Dauerregen. Die abenteuerlichen Fahrten in schrottreifen Bussen oder mit Lastern, die die Mitfahrer regelmäßig aus dem Schlamm ziehen müssen, erscheinen da fast schon als Spaziergang. Barley scheint ein rüstiger Rentner zu sein. Erst gegen Ende fällt beim Rezensenten der Groschen: In Großbritannien regieren gerade Elizabeth II. und Margaret Thatcher. Das Original des Buches ist im Jahr 1988 erschienen, da war Barley gerade um die 40.
Nachdem Indonesien aber Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse ist, hat der Verlag beschlossen, das Buch neu aufzulegen. Der gewählte Titel „Auf den Spuren von Mr. Spock“ ist einigermaßen deppert. Angeblich hätten die Kinder aus dem Volk der Toraja spitze Ohren, was sich natürlich als Unsinn herausstellt.

Der Originaltitel ist viel witziger: „Not a Hazardous Sport“, also ein ungefährlicher Sport – gemeint ist die Arbeit des Ethnologen. Barley liebt es, die eigene Disziplin auf deren Widersprüche und Selbstbezogenheit hinzuweisen. Angesichts all der kleinen und großen Missgeschicke, die ihm beständig widerfahren, bemerkt er augenzwinkernd, dass in der Ethnologie „die körperlichen Strapazen, die der Feldforscher auf sich nimmt, ein Maß für den Wert seiner Erhebungen abgeben“.
Barley macht sich auf die Suche nach den „alten Traditionen“ der ­Toraja, die im Bergland von Sulawesi (früher: Celebes), der viertgrößten Insel Indonesiens, heimisch sind. ­Viele dieser Traditionen sind freilich im Verschwinden begriffen. Fast scheint es, als ob sich der weiße Mann – „Mr. Puttymann“, wie Barley genannt wird – mehr für diese interessiert als
die Toraja selbst. Mit Mühe spürt Barley die Weberin Aneka auf, die noch die alten Techniken und Muster beherrscht. Sein Informant Johannis ist in vieler Hinsicht bereits verwestlicht. Dessen Großvater Nenek, in Personalunion Priester einer aus der Mode gekommenen animistischen Religion, Zimmermann und Holzschnitzer, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

„Auf den Spuren von Mr. Spock“ ist eine gelungene Mischung aus kurzweiligem Reisebericht und bewusst unsystematisch betriebener Ethnologie. Beständig arbeitet Barley heraus, wie anders die Toraja sind – und dass man sie dennoch oder vielleicht gerade deshalb lieben muss. Das jahrelange „Aufbewahren“ von Toten in der Wohnung und seltsam anmutende Riten wie das Wiederausgraben der bereits Beerdigten sind jedenfalls gewöhnungsbedürftig. Das Herauspräparieren der eigenen Vorurteile, über die ein professioneller Ethnologe offiziell ja nicht verfügen darf, ist Barley dann fast peinlich.
Der feine Humor indes, der zu Barleys Markenzeichen wurde, ist eben sehr egalitär: Es darf grundsätzlich über alle gelacht werden, nicht zuletzt über den Autor selbst. „Ein Ethnologe ist wahrscheinlich der schlimmste Gast, den man sich vorstellen kann. Ich würde keinen ins Haus lassen. Er kommt ungebeten, nistet sich uneingeladen ein und geht seinen Gastgebern mit dummen Fragen so auf die Nerven, dass sie fast den Verstand verlieren.“
Die Pointe besteht darin, dass Barley genau das widerfährt. Im letzten Teil des Buches kommen vier seiner Toraja-Freunde nach London. Dort sollen sie unter der Anleitung von Nenek im Museum of Mankind einen „Original“-Reisspeicher bauen – gleichsam der Inbegriff der Toraja-Kultur, ein Gebäude voller Symbolik zu Leben und Tod und versehen mit der feinsten Schnitzkunst.
Doch nun werden die Rollen vertauscht: Jetzt ist Barley der Gastgeber, Cicerone und Informant für seine unersättlich wissbegierigen indonesischen Gäste. Er muss nicht nur dreimal täglich Reis kochen, sondern ihnen auch beständig die eigenartigen britischen Sitten erklären: dass man auf Matratzen schläft, im Museum keine Schweine schlachten darf und an der Themse offensichtlich ein Doppelmatriarchat herrscht.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 7)


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