Princeton 66
Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

von Jörg Magenau

€ 20,50
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Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 223 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.07.2016


Rezension aus FALTER 11/2016

Das Ende der Stunde Null

„Princeton 66“ erzählt davon, wie Peter Handke auf einem Treffen der Gruppe 47 zum Star wurde und die Nachkriegszeit endete

Als die Mitglieder der Gruppe 47 im April 1966 in die USA fuhren, bestanden ihre Verleger auf getrennten Flügen. Zu groß schien ihnen das Risiko, dass auf einen Schlag die gesamte Nachkriegsliteratur ausgelöscht würde. „Das wäre eine wirkliche Stunde null der deutschen Literatur, gut 20 Jahre nach Kriegsende“, schreibt der schon als Biograf von Christa Wolf und Marin Walser hervorgetretene Literaturkritiker Jörg Magenau in seinem Buch über den Ausflug nach Princeton.
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs vom Autor Hans Werner Richter gegründet, war die Gruppe 47 mehr eine lose Versammlung als ein Verein. Richter lud Kollegen und auch einige wenige Kolleginnen zu Treffen ein. Es wurden Texte vorgetragen und kritisiert, wobei auch Feuilletonisten wie Marcel Reich-Ranicki in der Runde saßen. Es gab sowohl verdienten ­Applaus für aufgehende Sterne wie Ingeborg Bachmann als auch spektakuläre Fehlurteile: Paul Celans „Todesfuge“ fiel durch.

20 Jahre lang hatten die Treffen vor allem in der deutschen Provinz stattgefunden. Nun reiste man zum ersten Mal nach Übersee und stellte den „elektrischen Stuhl“, wie der Sitz des Vortragenden genannt wurde, auf dem Campus der Princeton University auf. In die Literaturgeschichte ging das Wochenende wegen des provokanten Auftritts Peter Handkes ein, der über Nacht zum Medienstar aufstieg.
Jörg Magenau erzählt die Reise mit dem abgeklärten Blick eines Historikers, dem das Quellenstudium Einsicht in die Dynamik der Gruppe verschafft. Er schildert die inneren Konflikte und den Druck von außen, die das Ende der Gruppe 47 bald darauf herbeiführen sollten. Zwischen kommerzialisiertem Literaturbetrieb und politisierter Studentenbewegung war kein Platz mehr für eine lose Institution – heute würde man sie wohl eine Plattform nennen –, die sich auf das Handwerk des Schreibens konzentrierte.

Die Tage in Princeton, New Jersey, verstrichen ohne echte Höhepunkte. Magenau zitiert die Schriftstellerin Gabriele Wohmann, die einmal gefragt wurde, was sich neben den Lesungen in Princeton Wichtiges ereignet habe. „Nichts. Überhaupt nichts. Es hat sich nichts ereignet.“
Das Buch kompensiert diese Ereignislosigkeit mit Exkursen über die Geschichte der Vereinigung, die im Wesentlichen ein Werk von Richter war. Es beschreibt die Gruppe 47 als Trainingsraum für demokratisches Sprechen nach den Jahren der Diktatur. Daher das ungeschriebene Gesetz, dass nur über den vorgetragenen Text gesprochen werden dürfe und Grundsatzdebatten tabu waren.
Autorinnen und Autoren hatten die im Anschluss an ihre Lesung geübte Kritik schweigend zu ertragen. Nach den brutalen Polemiken der Zwischenkriegszeit wollte Richter ein Forum schaffen, das unterschiedliche Meinungen zuließ.
„Princeton 66“ handelt auch davon, wie im Hintergrund Eitelkeit und Eifersucht gediehen und mit verdeckten Karten gespielt wurde. So verlief etwa ein Riss zwischen Kriegsteilnehmern und jüdischen Emigranten. Günter Grass, damals schon berühmt durch seinen 1959 erschienenen Roman „Die Blechtrommel“, agitierte gegen das politische Engagement von Peter Weiss, der die Anti-Vietnam-Bewegung unterstützte. Ästhetische Motive mischten sich mit persönlichen, moralische mit ideologischen.
Mit feiner Klinge redimensioniert Magenau die Revolte Peter Handkes, der den Hang seiner Kollegen zu ­endlosen ­Beschreibungen kritisierte, hätte ­Handke selbiges doch auch von sich und ­seinen ­Prosatext „Hausierer“ sagen können, aus dem er damals vortrug: „Handkes ­Aggression war zugleich eine ­Autoaggression und vielleicht eine verborgene Einsicht ins eigene Ungenügen.“

Es ist keine fußnotenreiche Lektüre für Germanisten, die Jörg Magenau vorlegt. Stattdessen geht es ihm darum, eine Episode der literarischen Öffentlichkeit zu rekonstruieren, was ihm in seiner „realistisch schlichten Tagebuchprosa“ – um ein Urteil der Princeton-Kritiker zu zitieren – auch gelingt. Die Stunde null, als welche der Neustart der Moderne im Jahr 1945 bezeichnet wurde, ging vor 50 Jahren still zu Ende.

Matthias Dusini in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 23)


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