Die Mauer
Roman

von John Lanchester

€ 24,70
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Übersetzung: Dorothee Merkel
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 348 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein Mann mit Sprengstoff

Nach dem „Wandel“ ist Großbritannien von einer Mauer abgeschottet, die John Lanchester zur Titelheldin seines jüngsten, dystopischen und auf die politische Gegenwart verweisenden Romans gemacht hat

Jede Saison gibt es ihn – und meist gleich mehrfach: den „Roman der Stunde“, den Roman von beklemmender Aktualität, der die heißen Eisen anfasst oder, wie es im vorliegenden Fall in der Verlagsvorschau heißt, nichts weniger als „alle Herausforderungen unserer Zeit angeht“.

Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt, aber die am Buchumschlag vermerkten Stichworte „Migration, Klimawandel, Brexit“ sind in der Tat nicht aus der Luft gegriffen. Dabei ist die nächstliegende zeithistorische Assoziation, die das jüngste Opus des britischen Schriftstellers und Journalisten John Lanchester aufruft, noch gar nicht genannt: Sein Roman „Die Mauer“, der in deutscher Übersetzung zeitgleich mit dem englischen Original („The Wall“) erschienen ist, lässt zuallererst an die Mauer denken, die Donald Trump an der Grenze zu Mexiko errichten lassen möchte.

Titelklarheit ist Titelwahrheit: „Die Mauer“ handelt tatsächlich von einer solchen. Sie schottet die Insel – vermutlich Großbritannien minus Nordirland, aber definitiv nicht bloß „England“, wie der Klappentext irrigerweise anmerkt – zum Meer hin ab. Sie ist zehntausend Kilometer lang, genau drei Meter breit, an der Außenseite im Durchschnitt etwa fünf Meter hoch: „Es gibt Wälle, Treppen, Kasernen, Ausfahrtsschleusen für Boote, Hubschrauberlandeplätze, Lagerräume, Wassertürme, Zugangswege und Gebäude und so weiter. Alles ist aus Beton. Wenn man die nötigen Statistiken und auch die Zeit und genügend Langeweile hätte, dann könnte man genau ausrechnen, wie groß die Menge ist, aber es genügt wohl zu sagen, dass es sehr viel Beton ist.“

Die Mauer ist also ganz konkret und liefert damit schon mal eine erste Pointe, denn das englische Wort „concrete“ bedeutet sowohl „konkret“ als auch „Beton“. Bereits in seinem letzten Roman, dessen deutsche Übersetzung sechsstellige Auflagenhöhe erreichte, nutzte Lanchester eine Doppeldeutigkeit, die nur auf Englisch funktioniert. Der Titel „Capital“ meint die „Hauptstadt“ ebenso wie das „Kapital“, und tatsächlich ging es darin auch um beides: um die rapide steigenden Grundstückspreise in einer Londoner Straße und um rund ein Dutzend Protagonisten, die – vom polnischen Bauarbeiter bis zum pakistanischen Ladenbesitzer und von der Bankiersgattin bis zum ungarischen Kindermädchen – mit sehr unterschiedlichen Strategien ihr Leben in der Metropole bestreiten.

Eins muss man dem Autor zugutehalten: „Die Mauer“ ist ein ganz anderer Roman als „Kapital“. Er ist – fast auf die Seite genau! – halb so umfangreich, das Figurenensemble ist sehr überschaubar und statt Multiperspektive gibt es einen Ich-Erzähler. Dennoch ist das jüngste Opus das wuchtigere, schon allein seines Sujets wegen. Denn auch wenn sie im abschließenden, mit „Das Meer“ überschriebenen Teil des Roman-Triptychons aus dem Blick gerät, bleibt die Titelheldin doch dominant: „Sehr hoch und sehr gerade und sehr dunkel.“

Wuchtig wirkt der Roman aber auch, weil er auf allen Firlefanz verzichtet. Die Handlung ist simpel und wird straight erzählt, die Konstellationen sind elementar: drinnen gegen draußen; wir gegen sie; alle gegen die Macht der Elemente. „Es ist kalt auf der Mauer“, lautet schlicht und eingängig der erste Satz. „Man sucht nach Metaphern“, heißt es einen Absatz später: „Aber bald begreift man, dass sich diese Kälte am meisten dadurch auszeichnet, dass sie eben keine Metapher ist.“

Man könnte diese Sätze auch als heimliches ästhetisches Programm verstehen. Denn im Gegensatz zu dem, was die Promotionprosa des Verlages suggeriert und auch zum vorangegangenen, etwas allabdeckend angelegten „Kapital“ lässt Lanchester in „Die Mauer“ kluge Zurückhaltung walten. Der Roman ist nicht darauf angewiesen, durch Anspielungen, Zitate und Verweise ständig seine politische und zeitaktuelle „Brisanz“ unter Beweis zu stellen, sondern funktioniert für sich: Man kann ihn auch „ganz naiv“ als Abenteuer- und Liebesroman lesen.

Selbst die Lovestory besticht durch ihren Reduktionismus und lässiges britisches Understatement. Ihren Auftakt hat sie im Schlafsaal auf der Mauer, wo der Ich-Erzähler Joseph Kavanagh – so wie jeder Bürger und jede Bürgerin des Landes – seinen zweijährigen Wachdienst ableisten muss: „Neben der letzten Schlafnische vor dem Waschraum blieb ich stehen. Ich schaute nach unten und sah, wonach ich gesucht hatte: karamellfarbene Haut, kurze, gewellte Haare und eine Knopfnase […]. Ich dachte schon, ich wäre unbemerkt davongekommen, aber gerade in dem Moment, als ich mich abwandte, sah ich, dass Hifas Augen offen standen und mir daraus ein scharfer, amüsierter Blick entgegenfunkelte. Dennoch, ich hatte bekommen, was ich wollte. Hifa war eine Frau.“

Die geschlechtliche Identität Hifas war Joseph auf der Mauer entgangen, weil dort alle in die Schichten ihrer Uniform eingemümmelt Wache schieben – zwölf Stunden am Stück. Neben der Kälte, von der es zwei Arten gibt – Typ 1, „die Kälte, die immer vorhanden ist“; Typ 2, „eine Vorahnung des Todes“ –, ist der zweite große Gegner ebenfalls von elementarer Natur: „Die Zeit auf der Mauer ist ein Sirup. Irgendwann, wenn du genug Stunden auf der Mauer verbracht hast, lernst du, mit der Zeit umzugehen. Du trainierst es dir an, nicht auf die Uhr zu schauen, weil es nämlich niemals, nie, nie, nie so spät ist, wie du denkst oder hoffst […]. Du wirst vollkommen passiv, du lässt den Tag durch dich hindurchgehen, du hörst auf zu versuchen, ihn deinerseits hinter dich zu bringen. Aber es dauert Monate, bis du das schaffst.“

„Was wäre, wenn?“ lautet die von Philip K. Dick formulierte Formel für Science-Fiction, die auch für alle dystopischen Entwürfe Geltung hat. Auch in dieser Hinsicht hat Lanchester auf allen Ballast und alles überflüssige Beiwerk verzichtet. Warum gibt es die Mauer überhaupt? Darum. Es gibt die Zeit vor und nach dem „Wandel“ (bei dem man selbstverständlich an den immer noch gern geleugneten des Klimas denken darf). Der „Wandel“ aber bringt nicht nur die Mauer hervor, er errichtet auch eine Mauer des Schweigens zwischen den Generationen: „Du willst mir die Augen darüber öffnen, was ich in meinem Leben falsch mache, Opa? Nein, danke. Warum reist du nicht in die Zeit zurück und rettest die Welt vor der Wand, gegen die du sie gefahren hast, und kommst dann wieder her?“

So wenig sich der Roman in Details verliert oder dabei aufhielte, das dystopische Szenario detailreich auszupinseln, eines wird klar: Die Welt ist nach ihrem Auffahrunfall dermaßen ramponiert, dass kaum noch jemand Lust hat, Kinder in diese zu setzen. Diejenigen, die es dennoch tun wollen, deklarieren sich als „Fortpflanzler“ und haben Privilegien zu gewärtigen – zum Beispiel ein eigenes Doppelzimmer auf der Mauer.

Die eigentliche, von der Mauer markierte Frontlinie aber verläuft zwischen „uns“ und „den Anderen“. Auch hier sind die aktuellen Bezüge mit Händen zu greifen, auch hier macht Lanchester kaum mehr Worte als unbedingt nötig. Die einen wollen rein, die anderen wollen das verhindern. Schaffen es die einen tatsächlich rein, müssen die anderen – strafweise – raus aufs offene Meer, quasi Rollentausch. Integration ist keine Option, es bleiben nur Auslöschung oder Unterwerfung. Die Anderen, die es tatsächlich über die Mauer schaffen, werden mit ziemlicher Sicherheit dennoch geschnappt – schon allein deshalb, weil sie keinen Chip eingepflanzt haben, der sie als legale Bürger des Landes ausweist; und wenn das passiert, bleibt ihnen lediglich die Wahl, „ob sie eingeschläfert oder zu Dienstlingen gemacht oder zurück aufs Meer geschickt werden wollen“.

Man kann über den Handlungsverlauf und den Inhalt des Romans nicht allzu viel verraten, ohne diesen komplett zu spoilern. Daher nur so viel: Die Konvention, derzufolge Ich-Erzähler ihren eigenen Roman überleben, wird auch hier eingehalten. Dass es Lanchester seinem Protagonisten dabei nicht ganz leicht macht, wird nach dem bisher Gesagten auch niemanden allzu sehr überraschen.

Ob man nach der Lektüre der „Mauer“ besser gewappnet ist, den Herausforderungen der Zeit zu begegnen, sei dahingestellt. Die zum Glück seltenen Stellen, an denen der Roman ins Sentenzenhafte kippt, tragen jedenfalls wenig dazu bei: „Wenn ich ein Anderer war und sie Andere waren, dann war vielleicht keiner von uns mehr ein Anderer, sondern wir waren stattdessen einfach nur ein neues Wir.“

Dergleichen Kirchentagsprosa hilft uns auch nicht weiter. Am stärksten ist der Roman meist dort, wo er nicht meta- wird, sondern ganz physisch bleibt. Kälte, Hunger, Müdigkeit, Erschöpfung vermag Lanchester sehr plastisch zu schildern, und es ist bezeichnend, dass Joseph seiner Zuneigung zu Hifa just in einem Moment inne wird, als diese eine kleine, aber intensive Körperkrise durchmacht: „Hifa wurde es auf dem Heimweg im Laster schlecht, und als wir an der Kaserne ankamen, ging sie in unser Klo, und ich hielt ihr die Haare aus dem Gesicht, während sie sich übergab, und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich sie liebte und dass ich noch niemals zuvor so glücklich gewesen war.“

Liebe ist, jemandem beim Kotzen beizustehen. Vermutlich ist damit ohnedies mehr gesagt als mit all den Phrasen von Empathie, Mitmenschlichkeit und Inklusion, die so leicht von den Lippen gehen und so schwierig in die Praxis umzusetzen sind. Aber auch das hat man eventuell schon länger geahnt. Im Zweifelsfalle lese man „Die Mauer“ also einfach, weil es ein packender Roman ist, spannend, actionreich, handfest und konkret – so konkret wie Beton.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 4)


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