Eine kurze Geschichte der Trunkenheit
Der Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute

von Mark Forsyth

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Dieter Fuchs
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Allgemeines, Nachschlagewerke
Umfang: 271 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die rituellen Trinkgelage des Homo alcoholicus

Kulturgeschichte: Mark Forsyth zeigt die Trunkenheit witzig und geistreich als Konstante der Menschheitsgeschichte

Die Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“ bereitet einen nur unzureichend auf das vor, was man in Mark Forsyths „Kurzer Geschichte der Trunkenheit“ über die historischen Wikinger zu lesen bekommt. Das beginnt damit, dass Odin, der Chefgott der Wikinger, dessen Name wörtlich übersetzt „der Rasende“ bedeutet, sich von Wein ernährte. Und zwar ausschließlich.

In der Vorstellungswelt der Wikinger entstanden zudem Ebbe und Flut aus einem göttlichen Trinkspiel, erwartete einen in Walhalla die Ziege Heidrun, aus deren Euter unablässig Bier floss, fand sich der Ursprung der Dichtkunst in göttlichem Met-Erbrochenem oder definierte sich die Macht eines Fürsten über die Größe der Met-Halle, in der er sich und seine Krieger mit Strömen von Alkohol versorgen konnte.

Wikinger-Ehrensache war es auch, dass man das, was man im Vollsuff auf einen Kelch geschworen hatte, ausgenüchtert in die Tat umsetzen musste. Die kreuzfidelen, gewaltbereiten Männerrunden der Wikinger hatten auch für ihre Frauen Toprollen vorgesehen. Man könnte diese tragend nennen, und das wäre eigentlich nur dann missverständlich, wenn man irrtümlich an die abstrakte Bedeutung des Worts denken würde. Nein, die Wikingerkrieger dachten ganz konkret und bezeichneten ihre Frauen, je nach Alkoholart, am liebsten als „Bier-Geberin oder Met-Maid oder Trunk-Verteilerin“.

Hören wir dazu einen Auszug aus einem Handbuch der Dichtkunst des 13. Jahrhunderts, in welchem dem aufstrebenden Wikingerpoeten als rechter Ton für die Darstellung weiblicher Figuren Folgendes empfohlen wird: „Eine Frau soll mit allen Arten weiblichen Beiwerks beschrieben werden, also Gold und edlen Steinen sowie Bier, Wein und allem anderen, was sie einschenkt oder serviert; ebenso mit den Gefäßen für Bier und all den Dingen, die sie zu tun oder beizubringen hat.“

Was ein echter Wikinger war, hatte sich jedenfalls so oft und so heftig wie möglich bei rituellen Trinkgelagen volllaufen zu lassen. Beredtes archäologisches Zeugnis davon geben auch Trinkkelche ab, die so geformt sind, dass man sie gar nicht erst abstellen konnte. Ex und hopp!

Die Sauferei ist eine unausrottbare Menschheitskonstante. So kann man Mark Forsyths Kulturgeschichte der Trunkenheit getrost zusammenfassen. Das schreit nach ironischer Betrachtung, und Forsyth ist dieser Erwartung an den Erzählton mehr als gewachsen. Die Mitteilungen des Oxford-geschulten britischen Literatur- und Sprachforschers über den „Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute“ – so der Untertitel – sind eine ebenso unterhaltsame wie sorgsam recherchierte Lektüre.

Sein Buch erzählt von der Entstehung des Pubs über die Gin-Epidemie im London um 1700, vom Ursprung der mexikanischen Redensart „besoffen wie 400 Kaninchen“ bis zu Stalins grausamen Zwangstrinkabenden zum Zweck der Demütigung des Politbüros, von Alexanders des Großen Welteroberung im Dauersuff bis zu Schöpfungsmythen, in denen der Mensch just dadurch zum Menschen wird, dass er beginnt, Alkohol zu trinken, und „von noch eintausend anderen merkwürdigen Praktiken“ im Zusammenhang mit Alkohol.

Wir lernen: Regeln, wie, wann und wo das Trinken zu erfolgen hat, gab und gibt es überall – ob beim römischen Convivum, dem griechischen Symposium oder den Bierorgien der alten Ägypter. Die Germanen pflegten die doppelte Entscheidungsfindung: einmal mit und einmal ohne Alkoholeinfluss. Kann man sich merken. Bestrebungen, den per definitionem zur Entfesselung führenden Alkoholkonsum einzubremsen, gab es auch genug, vor allem religiös motivierte. Doch, so Forsyth, wird „der menschliche Erfindungsgeist im Labyrinth der Religionen einfach nie Probleme haben, solange nur der Durst ihn antreibt“. War Wein verboten, trank man etwa im gottesfürchtigen osmanischen Bosnien einfach Raki. Das „Paradox des muslimischen Wein-Konsums“ sieht Mark Forsyth aber auch in einem musealen Weinkrug mit der Aufschrift „Allahu Akbar“ aus dem Besitz des muslimischen Mogulreichherrschers Jahangir (um 1600).

Bald schon kann man sich bei der Lektüre von Forsyths Trinkkulturen-Panorama des Eindrucks nicht erwehren, dass jedweder Kampf gegen die Sauferei erst gar nicht groß begonnen werden muss. Er ist nämlich ohnehin zum Scheitern verurteilt. Oder wie Forsyth es ausdrückt: Der Wikinger, „der sich einen Orangensaft bestellt“, wäre man nur äußerst ungern gewesen.

Julia Kospach in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 46)


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