Mythos Geschlecht

Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Seit jeher erzählen sich die Menschen Geschichten, über Götter, das Leben, den Ursprung der Welt und ihre Körper. Mineke Schipper zeigt, wie sich Mythen und Legenden, Kunst und Wissenschaftstraditionen auf den weiblichen Körper ausgewirkt haben und was sie über die Jahrtausende aus ihm gemacht haben. Ein ebenso aufschlussreicher wie unterhaltsamer Einblick in die Vorbedingungen der Gender-Debatte.
- globaler Einblick in die Ursprünge der Geschlechterverhältnisse- der weibliche Körper in Wissenschaft, Religion, Kunst und Popkultur- Schöpfungsmythen und Legenden
Wir teilen die gleichen Körper und sind doch nicht gleich. Die Vormachtstellung des Mannes geht auf Kosten des weiblichen Körpers, der zugleich begehrt, gefürchtet und missbraucht wird. Mineke Schipper ergründet den Ursprung der Ungleichheit; der sexualisierte Körper der Frau wird dabei in einem spannungsreichen Gefüge von Macht, Ohnmacht und Gewalt verortet. Die Gebärmutter, die Vulva, Brüste und Brustwarzen sind Thema in unzähligen Mythen aus aller Welt ebenso wie den großen Weltreligionen, Kunst, Wissenschaft und Popkultur: von der jungfräulichen Empfängnis über magische Brüste bis hin zur allseits gefürchteten bezahnten Vagina.
Das Erbe jener – meist männlichen – Erzählungen und Zuschreibungen, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen, hat sich ebenso unmerklich wie unhinterfragt im kulturellen Gedächtnis verankert. Schipper untersucht diese erzählerische Tradition und zieht verblüffende Schlüsse für die modernen Geschlechterverhältnisse. Eine bisher nicht dagewesene globale Vernetzung faszinierender kulturgeschichtlicher Phänomene, die uns alle weltweit bis heute prägen und die Lebensrealität jedes Einzelnen bestimmen.

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FALTER-Rezension

Die Ursprünge der Ungleichbehandlung

Als die achtjährige Susan Arndt einmal mit ihrem Großvater und ihrem siebenjährigen Cousin fernsah, fragte der Opa plötzlich nach den Namen der Mainzelmännchen. Der Cousin kannte sie alle, Susan keinen. Der Opa lachte und sagte, Jungen seien eben klüger als Mädchen. Von da an rackerte Susan sich ab, den Großvater vom Gegenteil zu überzeugen, und lernte: Es war egal, wie gut sie in der Schule war, ihr Opa änderte seine Meinung nicht. In dem kleinen Mädchen aber war der Keim zur späteren Feministin gelegt. „Mein Leben“, schreibt sie, „hat mich auf dieses Buch vorbereitet.“ „Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung“ nennt die deutsche Literaturprofessorin Susan Arndt ihr neues Buch. Fast gleichzeitig ist jenes ihrer niederländischen Berufskollegin Mineke Schipper auf Deutsch erschienen: „Mythos Geschlecht. Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht“.

Beide Autorinnen machen sich auf die Suche nach Ursachen und Wirkmechanismen dieses so allumfassenden Phänomens, beide bleiben dabei keineswegs in Mitteleuropa stecken: Die heute 81-jährige Schipper hat an der Universität Kongo gelehrt und über afrikanische Literatur promoviert. Auch Arndt, 52, hat sich intensiv mit westafrikanischer Literatur befasst und 2015 ein Buch über Rassismus veröffentlicht. Beide Bücher sind enorm dicht, beide Autorinnen schöpfen aus dem Reichtum jahrzehntelangen Lesens, Forschens und Nachdenkens. Die Schwerpunkte aber haben sie unterschiedlich gelegt.

„Mythos Geschlecht“ ist eine reich bebilderte Sammlung an Geschichten und Legenden, die die Kulturen prägten. Manchmal lacht man laut auf, dann wieder wünschte man sich, das Gesehene wieder aus dem Hirn zu kriegen. Schippers Hauptthese: Ein Gutteil männlicher Übermacht wurzelt darin, dass Männer ihrerseits die Macht von Frauen und deren Sexualität fürchte(te)n. Sie seien einfach nicht damit klargekommen, dass Frauen Kinder gebären und nähren können und sie nicht. Und dass sie nie sicher sein konnten, dass der Nachwuchs ihr eigener ist. Jedenfalls bis zur Erfindung des DNA-Tests. Daher entwickelten sich gegenüber Vulva, Gebärmutter und Busen sowohl Neid als auch Verachtung, daher versuchte man diese unbedingt zu kontrollieren. Daraus, so Schipper, entstand auch der Drang, die Leben spendenden Frauen wenigstens von anderem schöpferischen Tun auszuschließen.

Was sie dazu an Belegmaterial ausgegraben hat, ist beeindruckend. Zu Beginn der Menschheitsgeschichte kann unterschiedlichste Kulturen von Schöpfergöttinnen, die ganz autonom alles Lebendige in die Welt brachten. Nach und nach wurden diese von männlichen Göttern verdrängt, die ohne weibliches Zutun Menschen erschufen: wie der kongolesische Gott Bumba, der kleine Menschen erbricht, oder der griechische Gott Zeus, der Athene aus seinem Kopf gebiert. En passant seziert Schipper die Ursprungsmythen der drei monotheistischen Religionen, die Geschichte des Stammelternpaars Adam und Eva.

„Das Fehlen weiblicher Gottessymbole im Judentum, Christentum und Islam steht in auffallendem Gegensatz zu religiösen Traditionen in anderen Teilen der Welt“, schreibt sie. Nur noch männliche Schöpfer tauchen darin auf, Gott erschafft die Welt und hilft Adam beim „Gebären“ von Eva aus dessen Rippe. Seit Jahrtausenden wird aus dieser Geschichte männlicher Herrschaftsanspruch abgeleitet, mit abenteuerlichen geistigen Verrenkungen. Das islamische „Buch der Tausend Fragen“ liefert folgende Argumentation, warum klarerweise „Eva aus Adam genommen wurde“ und nicht umgekehrt: „Wenn Adam aus (...) Eva genommen worden wäre, würden gewiss alle Männer den Frauen gehorchen.“

Aus alledem folgten nicht nur medizinische Irrtümer: Weil der männliche Samen als das Entscheidende gedeutet wurde und die Frau bloß als austauschbares Gefäß, behaupteten Gelehrte noch im 18. Jahrhundert steif und fest, sie hätten im Gewimmel des Spermas unter dem Mikroskop winzige, fix-fertige Menschlein gesehen. Schipper beschreibt aber auch die unvorstellbaren Grausamkeiten, die Frauen angetan wurden und werden: Das Bild der Frau, die lebendig gehäutet wird, weil sie vor ihrem Haremsherrn fliehen wollte, vergisst man nicht mehr. Erschreckend auch die aktuellen Weltkarten zu Bewegungsfreiheit und körperlicher Sicherheit von Frauen. Man denke nur an all jene, die nach wie vor von ihren Männern oder Brüdern ermordet werden, wenn sie sich deren Kontrolle entziehen wollen.

Machtmechanismen, Kultur- und Rechtsgeschichte zeichnet auch Susan Arndt nach. Ähnlich wie Schipper wirft sie männlichen Vorbilder wie den Philosophen Immanuel Kant vom Sockel, der als Deutschlands klügster Denker gefeiert werde, obwohl er Frauen ganz unverblümt „Dummheit und Vernunftferne“ unterstellt habe. Arndt beleuchtet auch die Geschichte des Widerstands gegen patriarchale Übermacht und die Phasen feministischer Strömungen. Das Grundübel liegt für die Professorin der Universität Bayreuth im Konzept der Zweigeschlechtlichkeit à la „Frau ist nicht Mann“. Weil es die Fortpflanzung in den Mittelpunkt stellt, diskriminiert es nicht nur Frauen, sondern auch alle nichtheterosexuellen, inter- und transgeschlechtlichen Menschen. „Diese Zweigeschlechtlichkeit aber wurde erfunden, biologisch wie sozial“, schreibt Arndt, tatsächlich gebe es „eine Vielzahl biologischer und sozialer Geschlechter“.

Damit positioniert sie sich in der Nähe der dekonstruktivistischen US-Philosophin Judith Butler, die gar nicht mehr über Frauen und Männer sprechen will, weil es diese gar nicht wirklich gebe. Dass soziales Geschlecht „gemacht“ ist, ist in feministischen Zirkeln längst common sense. Dass aber auch das biologische Geschlecht rein konstruiert sein soll, finden viele zu abgehoben und für den Alltag wenig hilfreich.

Vorüber sei Sexismus jedenfalls nicht, konstatiert Arndt und greift zur Untermauerung ihrer Argumente – Betroffenheit von Gewalt, mangelnde Bildung und Armut – doch wieder auf die Kategorien Frauen und Männer zurück. Was tun? Feminismus müsse vor allem weg von der ­single story, der dominanten weißen Perspektive. Er müsse sich auch den People of Color öffnen sowie muslimischen Frauen, die Arndt auch von westlicher feministischer Seite einer „Wut“ ausgesetzt sieht. „Feminismus hat nur dann eine Zukunft, wenn er sich dazu befähigt, über den weißen westlichen Tellerrand hinauszudenken.“ Doch Bewusstseinsbildung sei das eine, daneben brauche es auch mehr wirksame Gesetze.

Am Ende bemühen sich beide Autorinnen um einen optimistischen, ja versöhnlichen Ausblick. Arndt betont, dass Sexismus ja auch den Männern schade, weil er auch sie in ein Korsett aus Erwartungen stecke. In Interviews erklärt sie, ihrem Großvater jetzt nähergekommen zu sein. Er habe es halt nicht besser gewusst. „Die gute Nachricht ist, dass sich die einstmals streng abgesteckten Grenzen zwischen Männern und Frauen heute aufzulösen beginnen“, schreibt auch Schipper. Beide setzen darauf, dass profundes Wissen über die Ursprünge der Macht­ungleichheit hilft, diese zu überwinden. Wenn Wissen hilft, dann sind ihre Bücher jedenfalls hochdosierte Medizin.

Gerlinde Pölsler in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 34)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608983166
Ausgabe 2. Druckaufl., 2022
Erscheinungsdatum 15.08.2020
Umfang 352 Seiten
Genre Sachbücher/Angewandte Psychologie
Format Hardcover
Verlag Klett-Cotta
Übersetzung Bärbel Jänicke
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