Die Pflanzen und ihre Rechte
Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

von Stefano Mancuso

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Andreas Thomsen
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Ratgeber/Natur
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.02.2021


Rezension aus FALTER 11/2021

Die Ausrufung der Nation der Pflanzen

Was erwartet man von einem Buch mit dem Titel „Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“? Ein moralphilosophisches Traktat wie die im letzten Herbst erschienene Publikation von Corine Pelluchon „Manifest für die Tiere“? Oder eher Ausführungen eines Juristen über die formalen Grundlagen unserer Beziehungen zur Pflanzenwelt? Vermutet man sogar, dass sich die Veganismus-Bewegung nun auch auf diese Gruppe von Lebewesen ausweitet und wir dazu angehalten werden, nur mehr synthetische, aus unbelebten Stoffen hergestellte Nahrung aufzunehmen?

Alles falsch. Der Autor, Stefan Mancuso, ist ein weltweit führender Botaniker, Professor an der Universität Florenz und Leiter des Internationalen Instituts für pflanzliche Neurobiologie. Sein 2015 erschienenes Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ war ein Bestseller, in dem er über die im Vergleich zu uns Menschen erweiterten Sinneswahrnehmungen der Chlorophyllträger schrieb.

Sie können elektromagnetische Felder spüren, die Schwerkraft berechnen und zahlreiche chemische Stoffe ihrer Umwelt analysieren. Mit Duftstoffen warnen sie sich vor Fressfeinden oder locken Tiere an, die sie davon befreien, ihre Wurzeln bilden riesige Netzwerke, in denen Informationen über den Zustand der Umwelt weitergegeben werden. Auch ohne zelluläres Nervensystem zeigen sie eine Form von Schwarmintelligenz, mit der sie Strategien zum Überleben entwickeln.

Mit typisch menschlicher Hybris betrachten wir Pflanzen aber nur als die geringste Form von Leben. Dagegen erhebt Mancuso Einspruch. Mit seinem neuen Buch schreibt Mancuso eine Charta der Pflanzenrechte, die eigentlich eher acht Prinzipien pflanzlichen Zusammenlebens darstellen. Diese „Verfassung“ ist ein elegantes Gedankenspiel, wie man die belebte Sphäre unseres Planeten auch wahrnehmen könnte.

Von den 550 Gigatonnen (eine Gigatonne entspricht einer Milliarde Tonnen) kohlenstoffhaltiger Biomasse auf der Erde entfallen nur etwa zwei Gigatonnen auf tierisches Leben. Etwa die Hälfte davon machen Insekten aus und Fische tragen weitere 0,7 Gigatonnen bei. Alle Übrigen, also Säugetiere, Vögel, Reptilien etc., legen gerade einmal 0,3 Gigatonnen auf die Waagschale.

Pflanzen dominieren unsere Welt mit 450 Gigatonnen und über 80 Prozent der irdischen Biomasse. Menschen sind mit 0,06 Gigatonnen eher eine globale Randerscheinung. Dennoch erheben wir – quasi undemokratisch, weil in der Unterzahl – den Anspruch auf Vorherrschaft auf der Erde.

Mancuso nennt es ein „aristokratisches“ Argument, dass wir aufgrund unseres Geburtsrechts den Anspruch erheben, besser als alle anderen existierenden Arten zu sein und daher diese auch dominieren zu dürfen. In acht Kapiteln stellt er seine „Verfassungsartikel“ vor und erläutert diese in einer wunderbar klaren Sprache, die ohne jedes Fachvokabular auskommt. Für Leser mit biologischem Vorwissen bietet es keine botanisch-wissenschaftlichen Überraschungen, doch es war auch nicht die Absicht des Autors, ein weiteres Fachbuch zu verfassen. Faszinierend und erhellend sind vielmehr die Zusammenhänge, die er mit seinen Thesen aufzeigt.

So lautet zum Beispiel Artikel 3 seiner Charta: „Die Nation der Pflanzen erkennt die tierischen Hierarchien mit ihren Kommandozentren und konzentrierten Funktionen nicht an, sondern unterstützt dezentrale Pflanzendemokratien mit verteilten Funktionen.“ Das mag – und will wohl auch – den Leser zuerst irritieren und dahinter eher eine ironische Brechung vermuten lassen. Aber genau diese Gratwanderung zwischen scheinbarer Provokation und einer darauf folgenden Auflösung mit klarer, nachvollziehbarer Argumentation macht einen Reiz dieses Buchs aus.

In diesem Fall erklärt Mancuso seine These auf diese Weise: Dank ihrer Fähigkeit zur Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie sind Pflanzen nicht gezwungen, dauernd ihren Standort zu verändern. Tiere hingegen ernähren sich von anderen Organismen und sind stets unterwegs, um ihre Beute zu finden. Diese grundsätzlich unterschiedlichen Wege der Energiegewinnung haben Folgen für die Organisation und Funktionsweise dieser Lebensformen.

Tiere lösen fast jedes Problem durch Bewegung und brauchen dafür spezialisierte Organe. Sie sehen mit Augen, hören mit Ohren, atmen mit einer Lunge und denken mit dem Gehirn.

Pflanzen hingegen haben alle Funktionen dezentral verteilt und sehen, fühlen, atmen und denken mit dem gesamten Körper. Dadurch kann man sie viel schwerer außer Funktion setzen, also töten. Pflanzen leben oft dann noch weiter, wenn man sie umschneidet und aus den Wurzeln neue Triebe entstehen, bei tierischen Organismen kann man mit einer kleinen Pistolenkugel das Leben beenden.

Unser auf Zentralisierung und Führung ausgelegtes Prinzip replizieren wir überall und bauen auch unsere Gesellschaften nach diesem Schema auf. Mancusos Ausführungen führen ohne logischen Bruch bis zu Max Weber, der über unsere Verwaltungsbürokratien sagt, dass diese nicht mehr der Gesellschaft dienen, die sie erschaffen hat, sondern zu wuchernden Fremdkörpern werden, die dysfunktionale Regeln schaffen müssen, um ihre Ausmaße zu rechtfertigen. Dem gegenüber stellt er seine „Nation der Pflanzen“, deren modularer Aufbau ohne hierarchisches Zentrum komplexe Strukturen bildet, die sich mit unseren neuronalen Netzwerken messen können – und die sich „mit dieser Organisationsform von den Problemen befreit, die mit der Fragilität, Bürokratie, Entscheidungsferne, Erstarrung und Ineffizienz hierarchisch oder zentral strukturierter Tierorganisationen einhergehen“.

Mancuso hilft uns, die anthropozentrische Sichtweise auf den Globus abzulegen und einen anderen Blick auf die allem zugrundeliegenden Verhältnisse des Lebens zu werfen. Alle seine Ausführungen sind gut belegt und trotz komplexer Themen in bewundernswert verständlicher Sprache geschrieben.

Am Ende dieses mit 140 Seiten im Kern eher kompakten Buchs beginnt man zu verstehen, dass die bereits seit hunderten Millionen Jahren existierende Nation der Pflanzen allen Lebewesen gemeinsam das Leben auf dem sonst toten Gesteinsplaneten Erde ermöglicht. Nur wenn wir das begreifen, lässt es sich verhindern, dass einzelne anmaßende Arten vorzeitig aussterben – sprich: wir selbst, aber vor und durch uns unzählige weitere Arten – und auf diese Weise deutlich machen, dass ein besonders großes Gehirn keineswegs ein Vorteil, sondern vielmehr ein evolutionärer Nachteil ist. Imperative Leseempfehlung!

Peter Iwaniewicz in FALTER 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 44)


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