Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren
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Kurzbeschreibung des Verlags:


»Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Im Kampf um Anerkennung unterdrückter Gruppen spielt sie eine wichtige Rolle. Aber sie kann auch vom Progressiven ins Regressive kippen. Über diese Dialektik müssen wir nachdenken, um die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.«Svenja Flaßpöhler
Mehr denn je sind wir damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Wo liegt die Grenze des Sagbaren? Ab wann ist eine Berührung eine Belästigung? Svenja Flaßpöhler tritt einen Schritt zurück und beleuchtet den Glutkern des Konflikts: die zunehmende Sensibilisierung des Selbst und der Gesellschaft.
Menschheitsgeschichtlich steht die Sensibilisierung für Fortschritt: Menschen schützen sich wechselseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für eigene und fremde Gefühle, lernen, sich in fremde Schicksale hineinzuversetzen und mit anderen zu solidarisieren. Doch diese Entwicklung hat eine Kehrseite: Anstatt uns zu verbinden, zersplittert die Sensibilität die Gesellschaft. Erleben wir gerade den Kipppunkt fortschreitender Sensibilisierung? Svenja Flaßpöhler erzählt die Geschichte des sensiblen Selbst aus philosophischer Perspektive, beleuchtet die zentralen Streitfragen der Zeit und arbeitet den Grund für die prekäre Schieflage heraus: Weil die Widerstandskraft bis heute mit kalter Verpanzerung assoziiert wird, gilt sie als Feindin der Sensibilität. Aber stimmt das? »Sensibel« ist ein hochaktuelles, philosophisches und gleichzeitig unterhaltsames Buch, das die Sensibilität dialektisch durchleuchtet und zu dem Schluss kommt: Die Resilienz ist die Schwester der Sensibilität. Die Zukunft meistern können sie nur gemeinsam.  

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FALTER-Rezension

Verurteilen oder Zuhören?

Debattenkultur: Svenja Flaßpöhler und Lukas Meschik legen kluge Überlegungen zum aktuellen Diskurs vor

Sensibilität ist gefragt. Um nach Jahrhunderten brutaler patriarchalischer Prinzipien zu einem menschenwürdigen Miteinander zu gelangen, braucht es ein feines Gespür dafür, was geht und was sich nicht mehr ausgeht: vom Vereinnahmen präjudizierter Personengruppen über anlassiges Anbandeln bis zum N-Wort. Oder brauchen wir mehr Widerstandskraft? Sollten wir gerade in Zeiten, wo von Pandemie bis Klimawandel gesellschaftlicher Zusammenhalt gefragt ist, ein Stück weit auf die eigenen Befindlichkeiten verzichten und uns mit Resilienz stärken, um all die Krisen zu bewältigen?

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler stellt beide Thesen einander gegenüber. Das beginnt plastisch mit einem Tag im Leben des Ritters Johan im 11. Jahrhundert, der mit den Fingern isst, auf den Boden kackt, Frauen nach Bedarf missbraucht, seine Gefolgschaft quält und durch kaum etwas zu erschüttern ist, das nicht unmittelbar sein Leben bedroht. Dem gegenüber stellt sie einen Tag im Leben des Pädagogen Jan, 21. Jahrhundert, der Wert auf gesunde Ernährung und ein gepflegtes Äußeres legt, achtsam mit den Bedürfnissen seiner Lebensgefährtin und seiner Kinder umgeht. Ökologie und Gender-Gerechtigkeit beschäftigen ihn sehr. Anfangs sieht es recht unversöhnlich aus zwischen dem Groben und dem Feinen: „Während die einen sagen: Ihr stellt euch an, seid hypersensible ,Schneeflocken‘!, entgegnen die anderen: Ihr seid verletzend und beleidigend, an eurer Sprache klebt Blut!“

Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazin und leitet das Programm des Kölner Philosophie Festivals ­phil.­COLOGNE. Sie hat zu kontroversiellen sozialpolitischen Themen publiziert, etwa mit „Mein Tod gehört mir“ (2013) über Sterbehilfe und „Die potente Frau“ (2018), in dem sie meinte, dass die #MeToo-Kampagne zwar gut gemeint sei, aber die Frauen in einer passiven Rolle festhalte.

In „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“ liefert sie eine kleine Ideengeschichte zu den Themen Feinfühligkeit und Resilienz. Sie zitiert ausführlich Norbert Elias zur Verfeinerung unseres Sozialverhaltens im Zuge unserer Zivilisierung. Sie lässt Jean-Jacques Rousseau als Entdecker unserer Sensibilität auftreten. Friedrich Nietzsche darf im fiktiven Streitgespräch mit Emmanuel Lévinas die Robustheit gegen die Verletzlichkeit verteidigen.

Bei der anschließenden Gegenüberstellung zeigt sich Argument für Argument eine Schnittmenge, ein gemeinsamer Raum, in dem etwas Neues entsteht. Am Ende gelangt Flaßpöhler etwas überraschend zu einer Synthese, zur Vereinigung der beiden Standpunkte. Was der Autorin hier gelingt, besteht nicht darin, nur Meinungen und Erkenntnisse zu sammeln, sondern für den Leser anschaulich und nachvollziehbar selbst Philosophie zu betreiben.

Der junge Wiener Autor Lukas Meschik hat eine „Einladung zur Anstrengung“ geschrieben. Darin zeigt er, wie er denkt: Konsequent und mit absoluter Ehrlichkeit verarbeitet er Selbstbeobachtungen zu treffenden Sätzen. Wie bei einem Selbstexperiment beschreibt der Autor, was sich in ihm abspielt, wenn er Ereignisse der Außenwelt bis zum Ende mitfühlt: etwa wenn eine bekannte Politikerin sich berechtigterweise gegen die obszöne Meldung eines Lokalbesitzers zur Wehr setzt, dann aber alle ihr zu Gebote stehenden Mittel ausnützt, um den Wirt anzuprangern. „Bin ich hier unfair oder gar selbstgerecht? (…) Ich weiß es nicht“, fragt sich Meschik. Der letzte Satz ist einer, den der Autor gerne öfter hören würde zwischen all den Gewissheiten, die wir einander entgegenschleudern.

Meschik plädiert für eine Balance zwischen dem Robusten und dem Feinfühligen, auch was den Umgang mit gendergerechter Sprache betrifft. Wie wir miteinander und mit uns selbst sprechen, steht am Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Sein Anliegen ist es, sich mit den Inhalten des Gegenübers wirklich auseinanderzusetzen, in Beziehung zu gehen, nicht bloß „in zugespitzten Happen und launigen Statements“ zu kommunizieren.

Lukas Meschik, Jahrgang 1988, singt und textet, vormals für die Band Filou, jetzt für Moll. Er schreibt Lyrik, Erzählungen und Romane. Zuletzt erschien sein Gedichtband „Planeten“ (2020). Mit seinem Prosa-Stück „Vaterbuch“ war er 2019 zum Wettlesen um den Bachmannpreis eingeladen. Auch die vorliegende „Einladung“ zeichnet sich durch eine dichte, präzise Sprache aus, die einen von Anfang bis zum Ende in das schmale Buch hineinzieht.

Was an den vorgestellten Gedanken überrascht, ist, dass sie nicht schon längst jemand ausgesprochen hat. Faul seien wir geworden, meint Meschik. In Wahrheit hätten wir keine Lust mehr, miteinander zu sprechen, weil es anstrengend ist. Genau dazu ermutigt er: „Ich lade ein zu einer neuen Offenheit, gesprächsbereit und durchlässig zu sein.“ Dazu gehöre es auch, über Konfliktthemen zu streiten, statt gegeneinander zu hetzen – und sich zu mäßigen, wo man den Fehltritt eines anderen bewertet.

Meschiks Einladung funktioniert. Man denkt. Man will mit dem Autor sprechen. Die Bereitschaft für einen echten Dialog wächst, in dem man sich die Mühe macht, die Argumente des Gegenübers wirklich zu verstehen und sich von ihnen auf Kosten der sorgsam behüteten eigenen Meinung auch einmal überzeugen lässt. Man versteht, warum Meschik eine Anstrengung fordert. Sein Buch zu lesen bereitet hingegen ein müheloses Vergnügen.

Eines haben beide Werke gemeinsam: Sie machen Hoffnung auf einen echten gesellschaftlichen Diskurs – und stellen selbst einen Beitrag dazu dar.

Andreas Kremla in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 36)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608983357
Ausgabe 4. Druckaufl., 2021
Erscheinungsdatum 20.10.2021
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Klett-Cotta
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