Harenberg Kursbuch Bildung
Das erste interaktive Lexikon

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Verlag: Harenberg Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Angesichts der stetig zunehmenden Zahl an wissenschaftlichen Publikationen scheint es ein hoffnungsloses Unterfangen, das ganze Wissen dieser Welt zwischen zwei Buchdeckel pressen zu wollen. Zwei Verlage haben es dennoch gewagt.


2Bildung. Alles was man wissen muss", unter diesem Titel publizierte der emeritierte Anglistikprofessor Dietrich Schwanitz vor vier Jahren ein Buch – und verdiente damit viel Geld. Der Band, den die deutsche Wochenzeitung Die Zeit als "eine Frechheit, ein Vergnügen und eine längst fällige Provokation" bezeichnete, wurde zu einem der bestverkauften der vergangenen Jahre und löste eine publizistische Modewelle aus. Kritisiert wurde am unerreichten Original von Schwanitz vor allem eines: dass die Naturwissenschaften nicht Teil der Bildung sind und er es sich leicht gemacht habe.
Für die Geschichte und die Kunst ist das Aufbereiten des grundlegenden Wissens ja noch vergleichsweise einfach: Da gibt es wichtige Daten, Zahlen und Fakten, die sich nicht weiter ändern. Und in der Literatur gibt es eine Reihe von Klassikern, die man einfach gelesen haben sollte – und zum Glück gibt es auch eine Reihe von Autoritäten, die einem sagen, welche Bücher das sind. Was die Welt der Naturwissenschaften betrifft, kommt man leider mit dem Kompilieren klassischer Primärtexte nicht sehr weit. Denn Aufsätze in einschlägigen Fachmagazinen wenden sich fast immer an einen kleinen Leserkreis von Spezialisten – und sind für Laien kaum verständlich. Um auch den interessierten Normalbürger fesseln zu können, bedarf es daher einer behutsamen Übersetzung der spröden Fachliteratur.
Detlev Ganten hat nun – unter Mitarbeit von Thomas Deichmann und Thilo Spahl – eine durchaus lesenswerte Zusammenfassung naturwissenschaftlicher Grundlagen besorgt: "Leben, Natur, Wissenschaft. Alles, was man wissen muss" ist zwar ein 580 Seiten dicker Wälzer, die aufgelockerte Struktur des Texts lässt einen den Umfang des Buches aber schnell vergessen. Fünf Hauptkapitel widmen sich den Themenbereichen Leben, Lebensraum, Universum, Mensch und Gehirn. Diese bestehen wiederum aus kurzen, einzeln lesbaren Abschnitten, sodass man pro Zwischenüberschrift nur etwa zwei Seiten bewältigen muss, um zum nächsten Themenbereich zu springen. Somit kann man das Buch auch abschnittsweise konsumieren, ohne Gefahr zu laufen, das Ganze aus den Augen zu verlieren.
"In diesem Buch haben wir zusammengestellt, was man über das Leben, die Natur und Wissenschaft wissen sollte", schreiben die Autoren im Vorwort. Das heißt konkret: sehr viel Biologie und Lebenswissenschaften, dazu ein guter Schuss Physik und Kosmologie sowie eine Prise Ökologie, Geologie und Ozeanographie. Chemie kommt in dieser Zusammenstellung so gut wie gar nicht vor. Aber die Auswahl ist durchaus stimmig: Denn die Autoren sind bemüht, alle naturwissenschaftlichen Fakten mit Anbindung an die menschliche Existenz zu präsentieren, was dem Leser immer wieder in Erinnerung ruft, warum man das alles wissen sollte.
Außerdem pflegt man einen ungezwungenen Schreibstil. Im Kapitel Sprache heißt es etwa: "Die Annahme aber, die Sprache von Naturvölkern würde sich zu der Goethes verhalten wie ein Ochsenkarren zu einem S-Klasse Mercedes, ist falsch. Die Analyse zahlreicher Stammessprachen hat ergeben, dass ihre Grammatik ebenso komplex ist wie die deutsche, englische oder französische."
Wie die Autoren weiter ausführen, gilt dasselbe für den "vermeintlich grauenvollen Jargon der Jugendlichen" im Vergleich zu jenem der "kultivierten Bildungsbürger". Womit spätestens auf Seite 499 klar geworden sein sollte, dass sich dieses Lexikon vom dozierenden Tonfall der Bildungsschinken alter Schule bewusst abhebt – und auch ein jugendliches Publikum ansprechen will. Da der Text trotz seiner leichten Verdaulichkeit erstaunlich nah an den jüngsten Entwicklungen der jeweiligen Fachgebiete bleibt, muss man anerkennen, dass das Buch tatsächlich einlöst, was sein vollmundiger Titel verspricht. Ähnlich zeitgemäß versucht sich auch das "Harenberg Kursbuch Bildung" zu positionieren. Das laut Eigendefinition "erste interaktive Lexikon" hat offensichtlich die Herausforderung der elektronischen Medien angenommen und präsentiert sich als Nachschlagewerk, das auch die Spiellaune der Leser ansprechen soll. Der gewichtige Band (2,8 kg) beinhaltet nämlich neben den 2000 reich bebilderten lexikalischen Einträgen auch 5000 Fragen und 15.000 Antworten.
Beim Eintrag "Kyffhäuser" erfährt man zum Beispiel, dass es sich dabei nicht etwa um Cafés im liberalen Amsterdam, sondern vielmehr um ein Laubwaldgebirge im Norden Thüringens handelt. Zusätzlich steht bei jedem Eintrag mindestens eine Multiple-Choice-Frage, deren Antwort im zweiten Teil des Buches nachgeschlagen werden kann. Erfreulicherweise wird dort auch begründet, warum die alternativen Antworten falsch sind. Ein gewisser Lerneffekt sollte sich daher einstellen.
Puristen werden vermutlich bekritteln, dass es sich bei diesem neuen Lexikontypus um eine Anbiederung an die Frage-Antwort-Struktur diverser Quizsendungen im TV handelt. Anhänger des klassisch Humboldt'schen Bildungsbegriffs werden sich vermutlich in ihrer kritischen Haltung bestärkt fühlen, wenn sie entdecken, dass nur Alexander, aber nicht Wilhelm von Humboldt Aufnahme ins Harenberg-Lexikon gefunden hat. Greift also tatsächlich eine Millionenshowisierung der Bildung um sich? Wohl nicht ganz: Zumindest findet sich unter den Stichworten "Assinger" und "Jauch" kein Eintrag im neuen Harenberg.Wenn eine Kulturzeitschrift wie das Schweizer du eine Sondernummer veröffentlicht, in der alles steht, "was Zeitgenossen wissen müssen" - und zwar "von A-Z", dann kann dabei kein Lexikon klassischen Zuschnitts herauskommen. Zum einen, weil auf 106 Seiten dafür viel zu wenig Platz ist. Zum anderen, weil sich eine Kulturzeitschrift schon per definitionem nicht um die traditionelle Sicht dieser Welt schert. Dementsprechend erfährt das, was man gemeinhin unter dem Begriff "Wissen" subsumiert, die eine oder andere ironische Brechung. Das Cover zeigt im Wesentlichen, worauf man sich einlässt: Popikone Madonna, nackt, hat einen einigermaßen paralysierten Tele-Tubby auf dem Schoß sitzen. Im Hintergrund sind die Petronas Towers auszumachen, allerdings am Ufer eines malerischen Gebirgssees. Drinnen gibt es einen bunten Strauß mehr oder weniger klassischer ("Chirurgie, minimal invasive", "Rechtschreibreform") und trashiger Lexikoneinträge ("Herrensandale, Untergattung Flip-Flop"). Verfasst wurden sie von einem 147 Personen umfassenden Autorenkollektiv, dem immerhin Größen wie Klaus Theweleit, Paul Davies oder Hans Magnus Enzensberger angehören. Zudem beeindruckt die Nummer mit ausklappbaren Farbtafeln, auf denen etwa die Lieblingsspeisen der Hollywoodstars ("Leonardo DiCaprio: Eier mit Speck") oder auch T-Shirts mit brauchbaren Aufdrucken ("Urologentreff Darmstadt") abgebildet sind.

Robert Czepel in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Leben, Natur, Wissenschaft. (Detlev Ganten)
Was Zeitgenossen wissen müssen. Von A-Z. (Christian Seiler)

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