Cliehms Begabung

von Michael Wallner

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Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 44/2000

Wallners Erstling "Manhattan fliegt" greift tief in die Wundertüte dessen, was der Spiegel Reporter unter "Magischem Realismus" versteht, und holt daraus unter anderem einen übergewichtigen Icherzähler, eine New Yorker Schönheit mit missgebildetem Sohn, einen neurodermitischen Zwerg mit stromgenerierenden Fähigkeiten, einen schwedischen Stummfilmstar mit doppelter Existenz und extrem beschränktem Kurzzeitgedächtnis, eine Delphin-Trainerin und natürlich einen mächtigen Magier hervor. Zu erklären, wie all die genannten und ungenannten Personen miteinander verbunden sind, ist ein fruchtloses Unterfangen, der Hinweis darauf, dass das Ganze "zuweilen ein bisschen wirr" ist (Spiegel Reporter), eine haltlose Untertreibung.
Die überbordende Fantasie, wie man den Mangel an erzählerischer Disziplin auch nennen könnte, ist freilich ein Problem: Wenn alles möglich ist, mag das vielleicht zum Lottospielen anregen, die Leselust aber wird mit fortschreitender Lektüre empfindlich gebremst. Erschwerend kommt hinzu, dass der Verlag bei diesem Debüt offensichtlich auf einen Lektor verzichtet hat. Der hätte nämlich nicht nur die auf drei Zeitebenen spielende und alles mit jedem verbindendeHandlung etwas bändigen, sondern vor allem sprachlich eingreifen müssen. Auch wenn man die manierierten Vergleiche als persönlichen Stil durchgehen lassen mag, wäre zu verhindern gewesen, dass der Icherzähler "wie ein jungfräulicher Indianer" in der Disco hopst, Undine "schnell wie eine Viper" ist, ein Taxi den beiden "wie ein Hündchen" folgt, worauf wieder Undine einem grünen Sack hinterher trabt "wie ein Hund der Wurst" - all das innerhalb von fünf Buchseiten.
Der Schlaf des Lektors gebiert auch Stilblüten, die körperlich schmerzen - etwa, wenn Leute "ihre Lachmuskeln erwartungsvoll ausgerollt haben". Nachsichtig muss man - angesichts eines in Leipzig ansässigen Verlages - wohl im Falle des Pseudo-Wienerischen sein, das Wallner einem Film-Magnaten in den Mund gelegt hat: "Ich werde sie rausschmeißen, die sinkende Schaluppe!", brüllt der und findet die "Schaluppe" etwas später "lahmarschig wie eingeschlafene Füß". Der stilistischen folgt die körperliche Entgleisung auf dem Fuße: "Ihre Hand ruhte zwischen den Beinen des polnischen Geigenvirtuosen, der in aller Munde war."Um einiges disziplinierter geraten ist Wallners Nachfolge-Roman "Cliehms Begabung". Gelang es in "Manhattan fliegt" einigen Figuren, die Jahrzehnte mehr oder weniger unbeschadet zu überstehen, so vermag der Titelheld des jüngsten Buches im Zeitrahmen eines halben Jahres zwischen verschiedenen Gegenwarten hin und her zu springen. Er braucht sich nur ordentlich weh zu tun, schon katapultiert es ihn etwa nach Portugal, in "die feuchte Scham der Roten" oder eben ins Opernhaus, wo seine Frau mit dem zweigestrichenen A kämpft.
Zeitreisen sind ein alter Topos und ermöglichen es, den Lauf der Dinge zu verändern, was auch Cliehm nutzt. Leider ist er ein berühmter Physiker, der über einer fehlerhaften Superformel brütet. Anstatt uns mit Erklärungen über ausgeprägte thermodynamische Zeitpfeile zu quälen, hätte der Autor noch mehr Fantasie in das erzählerische Potenzial seiner Geschichte investieren sollen. Ein alternder Mann zwischen Ehefrau (die ihn im Lastenaufzug der Oper mit einem sadomasochistisch interessierten Kollegen betrügt) und einer jugendlichen Nicht-wirklich-Geliebten, die sich von ihm schwängern lässt - das gibt doch, weiß Gott, genug her. Alle Lust, wir wissen es, will Ewigkeit, und auf Seite 215 gelingt Cliehm dank geschickter Ausnutzung der Zeitweiche dann immerhin der Doppelfick mit Gattin und Geliebter. Letztere heißt übrigens Gredkulla und schickt sich an, "Köttgrotta" zu kochen. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, braucht nur ins Jahr 1921 und in Wallners Debüt zurückzuswitchen. Dort kocht Undine. ",Köttgrotta!', rief sie aus der Küche. - ,Kött- was?' - ,So was Ähnliches wie falscher Hase!' - ,Es riecht aber nach Fisch!'" Es riecht also nicht wirklich gut. Vielleicht sollte es Michael Wallner in seinem nächsten Roman einfach einmal weglassen.

Klaus Nüchtern in FALTER 44/2000 vom 03.11.2000 (S. 69)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Manhattan fliegt (Michael Wallner)

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