Der schöne Hauptmann

von Menis Koumandares, Luna Gertrud Steiner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Menis Koumandares erzählt vom Fortschritt der Geschichte, der nicht allen in gleicher Weise zugute kommt.

Menis Koumandares' Roman "Der schöne Hauptmann", an dem der Autor von 1972 bis 1982 geschrieben hatte, spielt zu größten Teilen in den Jahren von 1959 bis 1968 und damit in politisch bewegten Zeiten, deren wichtigste Ereignisse der Icherzähler eher beiläufig erwähnt (knappe Fußnoten versorgen den Leser mit der notwendigsten Information). Das Buch besteht zum überwiegenden Teil aus einer Binnenerzählung, in der sich der Erzähler an den Titelhelden erinnert. Atmosphäre und Erzählgestus des für die Übersetzung ins Deutsche mit dem Blue-Book-Preis ausgezeichneten Werkes sind von einer gewissen Viskosität geprägt: Das liegt zum einen daran, dass sich der Fall des "schönen Hauptmanns", dessen sich der Icherzähler seinerzeit angenommen hat, über all diese Jahre hinzieht. Wiederholt wird der Berufsoffizier wegen seiner angeblichen Charakterdefizite (unbeherrschtes Wesen, Neigung zum Kartenspiel) vom Militär als "nicht beförderungswürdig" eingestuft; wiederholt wird dem Beschwerdeführenden vom Staatsrat Recht gegeben, ohne dass seine Situation dadurch verbessert würde. Während der Icherzähler eine plangemäße Karriere absolviert und vom Beisitzer zum Rat avanciert, ansonsten ein zurückgezogenes Leben bei klassischer Musik und Literatur führt und schließlich in Pension geht, tritt der schöne Leutnant auf der Stelle. Als sein Kampf völlig aussichtslos geworden ist und er selbst zusehends als verbitterter Querulant dasteht, verfällt er in kürzester Zeit – und mit ihm auch seine stattliche Erscheinung, der er seinen Beinamen verdankt. Koumandares' Roman ist keine Fallstudie und alles andere als ein Politthriller (auch wenn Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politisch extremen Geheimzirkeln innerhalb des Heeres angesprochen werden). Es tut sich wenig, und auch das altmodische und manierierte Idiom, dessen sich der Erzähler bedient, verstärkt den Eindruck, dass der Strom der Zeit an den beiden Protagonisten vorbeirauscht. Seine Pointe aber erhält das Buch durch den jungen Mann, der nur in der überaus knappen Rahmenerzählung zu Wort kommt und am Ende den Fall des schönen Leutnants kommentiert: "Sosehr die Geschichte (...) mich in ihren Bann geschlagen hatte, für mich gehörte sie der Vergangenheit an. Das Parlament funktionierte, und wir hatten wieder eine zivile Regierung. Schon dämmerten die Achtziger herauf." So betrachtet ist der Roman vor allem eine melancholische Reflexion über die ungerührte Mechanik der Geschichte, die die einen gelassen zer-stört und die anderen als Fortschrittsgewinnler gnädig entlässt. Dankbarkeit ist weder eine politische noch eine historische Kategorie.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 4)


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