Schundroman
Roman

von Bodo Kirchhoff

€ 20,40
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Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Bodo Kirchhoffs rasanter "Schundroman" stellt den Literaturbetrieb auf elegante Weise bloß.

"Kinds are the very life of art", hatte Henry James verkündet, und wenn uns da jemand einen Roman unter dem Titel "Schundroman" verkaufen will, so möchte er offenkundig der Literatur durch die bizarre Wahl des Genres ein Lebenselixier zuführen. Und das gelingt, auch wenn das Ansinnen, dem Publikum einen "Schundroman" zuzumuten, nicht ganz frei von Chuzpe ist. Alles ist da drinnen, was man sich von einem solchen Titel erwarten darf: Sex and Crime in einer Dosierung, die die Grenzen des guten Geschmacks doch um einiges überschreitet, vor allem aber Spannung, die bis zum Ende nicht nachlassen darf, und dann doch auch ein Ende, das einige der Protagonisten, so sie ihr Leben nicht lassen mussten, in Liebe zusammenführt.

Man kann im Falle von Bodo Kirchhoffs neuestem Buch von einer Übererfüllung dieser Kriterien sprechen, sodass der Verdacht, er wolle damit das Genre parodieren, unabweisbar ist, aber zwischendurch scheint der Autor sein Handwerk so ernst zu nehmen, dass man bei der Lektüre seine eigenen höheren Ansprüche gerne zurückstellt und sich ganz dem Ablauf der Ereignisse unterwirft. Wollte man das Buch ernst nehmen, müsste man es als eine Lovestory betrachten.

"Warum tut lieben mehr weh als töten?", lautet die markige Frage, die als Motto auf dem Schutzumschlag prangt. Diese Sinnzufuhr ist der Hauptfigur des Romans zu verdanken, einem gewissen Willem Hold, einem Sohn der Stadt Frankfurt, der im Herbst des Jahres 2002 (Buchmesse!) nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Manila zurückkehrt, um für eine beträchtliche Summe einen Kapitalisten umzulegen. Eine Edelnutte namens Lou Schultze wird auf ihn angesetzt, die beiden verlieben sich ineinander schon während des Flugs. Willem merkt, dass auch Lou unter Beobachtung steht: Sie hat von einem reichen und alten Kunden, der nicht ganz ohne ihre Schuld den Liebestod starb, einen Picasso geerbt und versilbert, und andere Interessenten wollen begreiflicherweise den Erlös sicherstellen.

Um die Aufmerksamkeit von Lou abzulenken, inszeniert Willem nun auf dem Frankfurter Flughafen ein Attentat und tötet dabei unabsichtlich den deutschen Großkritiker Louis Freytag, der in seiner letzten Lebenssekunde vor einem Zeitungskiosk gerade sein eigenes Konterfei in einem Weltblatt erblickt. Willem entkommt unerkannt, will seinen Tötungsauftrag ausführen, muss aber während der Aktion entdecken, dass seine Auftraggeber einen Killer auf ihn angesetzt haben, den er statt des vorgesehenen Opfers umlegt.

In dieser Tonart geht es bis ans Ende weiter. Auch der Privatdetektiv darf nicht fehlen; dieser erhält ein weibliches Pendant, und beide agieren so, wie das Privatdetektive gerne tun: Ihre oft genialen Kombinationen werden vom Zufall sowohl behindert als auch befördert, und obwohl das Resultat daher gleich null ist, treiben sie die Handlung voran.

Langweilig wird die Lektüre dieses "Schundromans" nie, denn mit überraschenden Pointen und viel Witz gestaltet Kirchhoff die Episoden, und dass am Ende die Vorgänge kaum nachvollziehbar sind und die Psychologie der Figuren sich dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit entzieht - all das verschlägt wenig. Raffiniert spricht Kirchhoff unsere niederen Leseinstinkte an und kompensiert unser schlechtes Gewissen durch gelungene Anspielungen auf den Literaturbetrieb, sodass alles auch zu einem Buch über das Gewerbe gerät, das der Autor selbst betreibt.

Dass allerdings auch in diesem Buch ein Großkritiker sein Leben lassen muss, beginnt mich zu beunruhigen. Sprechen sich da nicht nach Wegfall der Zensur die schriftstellerischen Tagträume etwas zu unverblümt aus? Der "Schundroman" allerdings ist ungleich besser als Martin Walsers unsäglicher "Tod eines Kritikers", zumal Kirchhoff eleganter und treffender, obwohl nur en passant, den Widersinn und die Phraseologie des Betriebs bloßstellt. Entscheidend ist die Verpackung, ein Stück Literatur, das rein und frei ist von jedem ideologischen und didaktischen Anspruch: nicht für die Schule geeignet, reiner Schund - und das ist gut so.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 4)


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