Fernsehen

von Jean-Philippe Toussaint

€ 20,39
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Übersetzung: Bernd Schwibs
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Ein Scrabble-Weltmeister im Badezimmer

Jean-Philippe Toussaint ist der Juniorweltmeister des Jahres 1973 im Scrab­ble. Das ist nicht nur als sportliche Leistung bemerkenswert, das sollte man sich auch dringend vor Augen führen, bevor man eines seiner Bücher aufschlägt. Denn in ihnen wird der Leser mit allem konfrontiert, was einen verdienten Scrabble-Weltmeister ausmacht. Melancholie und Peinlichkeit, bizarre Komik und Akkuratesse, Analytik und zärtliche Hingabe.
Mit seinen frühen Romanen hat Toussaint absurde, hochkomische Kleinode in der Tradition des Nouveau Roman vorgelegt, die von der Kritik völlig zu Recht irgendwo zwischen Kafka und Beckett eingeordnet werden. Das Ende dieser Frühphase markiert "Fernsehen", das nun in der Frankfurter Verlagsanstalt wiederaufgelegt worden ist. Ein Kunsthistoriker mit Berlin-Stipendium und ernstem Motivationsproblem trifft eine folgenschwere Entscheidung: ein für allemal mit dem Fernsehen aufzuhören und sich endlich seinem geplanten Tizian-Aufsatz zu widmen, dem eigentlichen Grund seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt.

Eine Orgie der Peinlichkeit
Doch mit dem kalten Entzug beginnt erst das eigentliche Elend. Nunmehr völlig arbeitsunfähig, geplagt von einem unstillbaren, zermürbenden Verlangen, betreibt er Prokrastination aus Liebesschmerz. Es verschlägt ihn ans Seeufer, in schlecht sortierte Schreibwarenläden, ­Schwimmbäder und den Heizkeller einer Dahlemer Gemäldegalerie, ins legendäre Café Einstein, auf den Straßenstrich an der Kurfürstenstraße und ins Cockpit eines Segelflugzeugs. Ähnlich mäandernd wie sein Protagonist auf der trägen Flucht vor seiner Arbeit verhält sich der ganze Roman: Scheinbar unzusammenhängend und sprunghaft folgt er dem Helden durch den Berliner Sommer.
Es gibt allerdings etwas, das all diese Episoden zusammenhält, ein filigranes, aber fest geknüpftes Netz aus wiederkehrenden Motiven, Gedanken und Figuren. Es geht um Wahrnehmung und Meta-Wahrnehmung in allen möglichen Facetten, freilich beiläufig, spielerisch und – zum Glück – unter Verzicht auf alles Diskursive. Es geht immer und immer wieder um Berlin. Und nicht zuletzt eint die einzelnen Teile, in die "Fernsehen" zerfällt, ein sehr konkretes Gefühl: blutheiße Scham. Peinlichkeit in immer absurderen Wendungen. Nachdem sich etwa der Erzähler zu seinem eigenen grenzenlosen Erstaunen nackt ausgezogen hat, um an einem unerträglich schwülen Tag im Halensee Abkühlung zu finden, trifft er auf dem Weg ins Wasser den Präsidenten der Stiftung, der er sein Stipendium verdankt. Angetan mit Schurwollpullover und Jacke, verwickelt der ihn sogleich in ein Gespräch über die Fortschritte seiner Tizian-Studien, während sein Begleiter, niemand Geringeres als Cees Nooteboom, pikiert die Enten betrachtet.

An den wuchernden Rändern Berlins
Auch sonst benimmt sich der Protagonist ständig daneben – bis an die Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit; lässt mutwillig die ihm anvertrauten Blumen seiner überkorrekten Nachbarn verdursten; springt mitten im Gespräch – übrigens erneut mit dem Stiftungspräsidenten, den er zufällig im Hallenbad wiedertrifft – und ohne Ankündigung ins Schwimmbecken; klettert aus dem Badezimmerfenster seiner Nachbarn und hangelt sich an der Hausfassade entlang in die Küche oder kleidet sich für einen Abend wie ein Deutscher ("Nazi-Socken").
Andererseits wartet der Roman mit tiefsinnigen, genauen und poetischen Beschreibungen Berlins auf, gerade der ins Ländliche wuchernden Ränder der Stadt. Er zeigt die Trostlosigkeit der Wohnsilos an der Ostperipherie; die Spuren der Geschichte auf einem erst von den Nazis, dann von den sowjetischen Besatzern genutzten, jetzt verwahrlosten Militärflugplatz; die ausufernde Struktur der zweigeteilten und wiedervereinten Stadt, vom Himmel aus betrachtet. Die anrührendsten Passagen sind jedoch allein der Familie des Erzählers vorbehalten: seiner hochschwangeren Frau und seinem kleinen, rätselhaften Sohn, die im Spätsommer zu ihm nach Berlin kommen und für die er am Ende, streng nach den Regeln Toussaint'scher Logik, einen zweiten Fernseher anschafft.

Sätze zum Niederknien
Jean-Philippe Toussaint ist ein Meister im Vertuschen seiner Meisterschaft. Mit Selbstironie, sanftem bis garstigem Spott oder schlicht Irrsinn lässt er Leichtes schwer und Schweres leicht erscheinen. Er ist darüber hinaus auch ein makelloser Stilist. In ihrer präzisen und lebendigen Schönheit sind viele seiner Sätze schlicht zum Niederknien. In Toussaints Debüt aus dem Jahr 1985, "Das Badezimmer", beschließt ein junger Mann, nie mehr das Badezimmer zu verlassen. In "Monsieur" reagiert ein namenloser, willensschwacher Angestellter auf die Bitte seines Nachbarn, ein wissenschaftliches Manuskript für ihn zu transkribieren, kurzerhand mit einem Umzug. Und in "Der Photoapparat" möchte ein Mann den Führerschein machen, scheitert aber an der dauerschläfrigen Fahrlehrerin ebenso wie am benötigten Passbild.
Danach erschienen "Der Köder", eine Art Kriminalgeschichte, in der ein Katzenkadaver im Hafenbecken eines fiktiven italienischen Dorfs beim Protagonisten handfeste Paranoia auslöst, "Fernsehen" und ein Band mit kurzen, sarkastischen Reisetexten, "Selbstporträt in der Fremde". Gemeinsam sind ihnen allen die aus heilloser Überforderung phlegmatischen, diffus liebestollen Protagonisten, allesamt nicht ganz dicht, die zu plötzlichen Reisen aufbrechen, sowie die lakonische, fragmentierte Erzählform.

Eine Frau namens Schweinfurth
Anlässlich der Neuauflage der frühen Romane (bis dato wiedererschienen: "Das Badezimmer" und "Der Photoapparat") beschleicht den Toussaint-Aficionado aber womöglich leise Wehmut. Seine beiden letzten Romane, "Sich lieben" und "Fliehen", Teil eins und zwei einer in China und Japan spielenden Romantrilogie, waren zwar veritable Kritiker- und Publikumserfolge. Kennt man allerdings die Vorgänger wie "Fernsehen", vermisst man etwas. Natürlich sind auch die bislang erschienenen zwei Drittel der Trilogie sprachlich brillant, turbulent, witzig und sophisticated. Allein, ihnen fehlt das Anarchische, das die ersten Bücher auszeichnet.
Toussaint, Jahrgang 1957, ist auf seine alten Tage elegischer und, damit einhergehend, sentimental geworden. Während er in seinen frühen Romanen aus, wie's scheint, reinem Übermut erotische Spannung aufbaut, um sie dann mir nichts, dir nichts verpuffen zu lassen, findet Sex nun sehr explizit statt. Abgesehen davon benimmt sich sein jüngster Held fast schon enttäuschend gesellschaftsfähig.
Weit mehr als die banale Umwelt, mit der alle früheren Hauptfiguren rangen, setzt ihm nun eine Frau zu, genauer: seine angehende Exfrau. Früher hießen Frauen bei Toussaint Edmondsson, Delon oder, waren sie deutsch, Ursula Schweinfurth. Nun heißt sie Marie. Um es auf eine Formel zu bringen: Toussaint, das ist neuerdings "Lost in Translation" statt Kafka.
Nach seinem jugendlichen Scrabble-Triumph hat Jean-Philippe Toussaint Politik und Neuere Geschichte studiert und ein paar seiner Bücher verfilmt. In den letzten Jahren ist er, wie man hört, zum erfolgreichsten französischsprachigen Autor in Japan avanciert; nebenher hat er sein fotografisches Werk erfolgreich in Europa und Asien ausgestellt. Ein Band der fernöstlichen Romantrilogie steht noch aus. Auch er wird mit Sicherheit virtuos geschrieben und mitreißend erzählt sein. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass nach dieser Veröffentlichung der Scrabble-Weltmeister von Cannes 73 den Kunstfotografen im Badezimmer einsperrt.

Tabea Soergel in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 25)


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