Nikolski
Roman

von Nicolas Dickner

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Andreas Jandl
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.08.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Immer knapp am Nordpol vorbei

Zugemüllte Zimmer, so könnte man annehmen, geben Einblick in die ungeordnete Seele ihrer Bewohner. Deren Unvermögen, sich von Dingen zu trennen, mag Folge einer frühkindlichen Störung sein. Doch wie ist das nun genau: Ziehen "Messies" die Gegenstände magisch an? Oder verhält es sich umgekehrt? Tatsache ist, dass in den entsprechenden Räumen merkwürdig unsichtbare Kräfte walten und es durchaus hilfreich wäre, das Chaos wenigstens zu kartografieren.
Diese Gedanken über Chaos und Ordnung führen ins Zentrum eines sehr ungewöhnlichen Romans: "Nikolski", 2005 der kanadische Überraschungserfolg des in Montréal lebenden, 1972 geborenen Autors Nicolas Dickner, überzeugte in seiner Heimat vor allem jüngere Leser. Vermutlich fühlten sie sich den provisorisch lebenden Figuren spontan verbunden. Das Buch in der Hand, den Blick auf ungespülte Geschirrhaufen und abenteuerliche Reiseziele – so ließe sich dieser flotte Roman durchaus genießen. Denn Nicolas Dickner wirft einen fast schon subversiven Blick auf die Welt.

Strampeln und Zaudern Es geht um zwei Halbbrüder, die ein landkranker Matrose einst im Vorübergehen im kanadischen Nirgendwo der Nadelwälder gezeugt hatte, und um Joyce, eine Nichte desselben Matrosen. Alle drei wohnen eine Zeitlang im gleichen Viertel Montréals. Aber nur der Leser weiß um die Familienbande. Kreuzen sich die Wege der Verwandten zufällig, spüren sie zunächst nur eine ungewöhnliche Nähe zum anderen.
Den Autor interessiert das Strampeln und Zaudern seiner Figuren im Magnetfeld der gemeinsamen Ahnen: Piraten, Indianerinnen, unruhigen Nomaden, landlosen Inuits. Ihre Geschichten überziehen den Roman mit schicksalsmächtigen Linien, die sich von Alaska über Kanada bis nach Venezuela ziehen.
Die drei Hauptfiguren verbindet die Ruhelosigkeit der Vorfahren. Zunächst ist da der Ich-Erzähler, der in einer verstaubten Buchhandlung arbeitet und "Psychoanalyse" zwischen den Regalen betreibt, indem er sich tapfer Wege durch die Papierberge bahnt. Dann gibt es Noah, der die ersten 18 Jahre seines Lebens mit der Hippiemutter im Wohnwagen durch die Lande tingelte, bis er "aus dem Handschuhfach" heraus wollte – und nach Montréal hinein. Auch seine Biografie erfordert ungewöhnliche Navigationsfähigkeiten. Straßenkarten haben ihm einst das Lesen erschlossen. Jetzt muss er sich erneut Orientierung verschaffen – als Auslieferer im neuen Viertel und als Archäologiestudent unter der Erde. Zwischendurch versucht er, mit den Fingern über Karten kreisend, seine verschollene Mutter zu orten. Doch die Briefe kommen alle zurück. Dafür bahnt sich eine Beziehung zu Arizna an, die in ihrem Akzent alle Kontinente vereint und enthusiastisch für die Rechte der im hohen Norden angesiedelten Inuit eintritt. Ein Gebiet hat weniger mit Quadratkilometern zu tun als mit Überlieferungen, Lachsfang oder Flechtenarten.
Kurzum: Es geht um Identität. Eben darum ringen hier alle im Schmelzpott Montréals. Auch Joyce, die tagsüber unauffällig Fische in einem Geschäft filetiert und nachts aus Containern alte Computer klaut, um sie in ihrem zusehends zugeräumteren Zimmer auszuschlachten und als Internetpiratin das kapitalistische System zu unterwandern – schließlich gilt es, die Ehre einer Piratenfamilie zu retten. Nebenbei klaut sie auch Programmierbücher in der Buchhandlung des Ich-Erzählers, mit dem sie später eine spannende Nacht über Landkarten verbringt und dem sie aus Versehen den wichtigsten Gegenstand dieses Romans zerbricht: einen Kompass, den der ruhelose Matrose, der unsichtbare Leitstern der Protagonisten, einst liegen ließ. Die Nadel zeigt immer knapp am Nordpol vorbei, geradewegs auf einen kleinen Ort namens Nikolski, der hinter Alaska auf den Aleuten liegt – also gewissermaßen im Nichts.

Nur nicht festwachsen "Nikolski" kreist leicht irre um eine unbestimmbare Mitte – so lange, bis alle wissen, dass sie ihre Zimmer wieder verlassen müssen, um nicht festzuwachsen und zwischen den Gegenständen zu verschwinden. Dieser Bewegungsmodus ist mitunter das Problem dieses zerfaserten Romans, macht aber zugleich auch dessen Reiz aus. Dickner schreibt gegenwärtig und zerrissen, lebhaft und leicht und unterfüttert sein Romandebüt liebevoll mit Details über Fische, Bücher, Abfall, Orte und politische Krisen: informative Ordnungsregister gegen das Chaos. Und gerade in diesem diskursiven Wuchern liegt der Reiz von "Nikolski".

Anja Hirsch in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 12)


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