Der unsichtbare Fluss
Gedichte 1923 bis 1973

von Pablo Neruda

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 50/2001

Um einen guten literarischen Geschmack zu entwickeln, gibt es nur einen Weg - Lyrik zu lesen." Mit der kapriziösen Erklärung des Literaturnobelpreisträgers und Großdichters Joseph Brodsky bewirbt die Sammlung Luchterhand nach diversen Verlagsturbulenzen ihre reanimierte Lyrikreihe. Ob es gerade die folgenden sieben Autoren sind, die Brodsky - entsprechend seiner Vision von billigen Gedichtbänden in Massenauflagen - wie die Bibel in Hotelzimmern hätte verbreiten lassen, sei dahingestellt.

Der irische Nationaldichter William Butler Yeats (1865-1939), der seine spätviktorianische Lyrik in einen keltischen Symbolismus mit allerlei östlichem Mystizismus transformierte, gilt als einer der Ahnherren der Moderne. Seine "Liebesgedichte" an die Schauspielerin und Freiheitskämpferin Maude Gonne sind monströse Klagelieder über die eigene Impotenz, rückblickende Altherrenfantasien über junge Mädchen. "Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, als die Verwirrung meines Lebens begann." Von solchen übermächtigen entmannenden Zweifeln war Pablo Neruda (1904-1983) zeitlebens kaum beleckt. "Leib eines Weibes, weißblanker Hügel, blanke Schenkel / du gleichst der Welt Mein Körper, eines rohen Bauern Körper, durchgräbt dich."

Derartig pubertäre Ergüsse aus dem Band "Der unsichtbare Fluss" hat der Sohn eines chilenischen Lokomotivführers im Lauf eines langen Lebens nicht zuletzt durch politisches Engagement für den Stalinismus kompensiert. Nerudas hochtönende Oden und sein Großer Gesang mögen zu den großen Codes des 20. Jahrhunderts gehören, lesbar sind sie heute kaum mehr. Nerudas Meisterschaft zeigt sich eher in Humoresken, in einer Ode an die Socken etwa, in Tiergedichten, kleinen, unprätentiösen Bildern wie jenem vom "blinden Fisch in der Tiefe der Badewanne". Während der späte Neruda zumindest zögerliche Distanzierungsversuche zum eigenen Stalinismus unternahm, gehörte der russische Dorfdichter Sergej Jessenin (1895-1926) noch zu den eifrigen Sängern des Sowjetkommunismus der ersten Stunde. Nach einem kometenhaften Aufstieg in den Tagen der Oktoberrevolution wurde der Sohn eines Popen nicht nur Liebkind der Moskauer Parteischickeria; seine skandalumwobene Heirat mit der Tänzerin Isadora Duncan und eine Ameriakreise bescherten ihm einen Moment lang Weltberühmtheit. Zugleich wurde der kommunistische Hooligan erstes Opfer des heraufziehenden Stalinismus - von eigener Hand. Das letzte Gedicht schrieb Jessenin mit dem eigenen Blut. Was bleibt, sind Naturgedichte von schillernder Schönheit, und Zeilen wie das Gedicht an die "Bakinsker Kommissare":

"Kommunismus, das heißt:
keinerlei Joch.
Ein Sturm - das Volk ist wach."Einen ironischen Nachklang der polit-literarischen Misere, die das Ende der Institution Dichtung herbeischrieb, findet man in "Letzte Gedichte" von Ernst Jandl.

"müde menschen werden
früher alt
wach auf, genosse!"

Das von Herausgeber Klaus Siblewski eilig zusammengetragene Konvolut aus Gedichten und Textentwürfen aus allen, hauptsächlich aber der letzten Lebens- und Werkphase bietet nicht den besten, zumindest aber einen raschen Zugang zu Jandl. Alles, was man von Jandl kennt, findet sich da: viel Kindheit, Mutter, Vater, Gott, Mann, Frau.

"unterleib o unterleib
immer seh ich dich als weib."

Bei einem der englischen Gedichte Jandls passiert dem flinken Herausgeber nebenbei ein peinlicher Transkriptionsfehler. In "joystick" erfindet der kleine Ernst für seine Eltern eine klassische Wichs-Erklärung: "giving them the story of overwhelming urge to pee and inability to make it to the 100, so my pajamas had got wetted". Die Zahl "100" muss aber wohl "loo" heißen - Häusl.

"wohingehst?
geh zur post.

woher kommst?
von der post.

was hast tan?
hab geschaut
ob sich mir wer schreiben traut."Dem sich jahrelang in die Knappheit hineinschweigenden Jandl trauten sich vor allem junge Autoren immer wieder zu schreiben. Norbert Hummelt (Jahrgang 1962) etwa, oder Ulrike Draesner. Hummelts zwischen Romantik und Experiment changierende "zeichen im schnee" beschwören eine Kindheit in den Sechzigerjahren. Von Treets ist da in gebundener Form die Rede - "wenn durch zungenspiel der schokoladenmantel um die erdnuss schmolz" -, von Tesafilm, Postern, Dosenpfirsichen, Neckermannkatalogen, ersten Küssen: "wiese hinten weit im garten, bis eine / frauenstimme vom balkon her rief / so dass ich hochgeschreckt bin als dein / mund mich küsst, ist erst halb eins."Ulrike Draesner machte vor einigen Jahren mit eigenwilligen Übersetzungen der Shakespeare-Sonette von sich reden. Ihre "für die nacht geheuerte zellen" sind ein etwas manieriert-tiefsinniger Versuch, in stark rhythmisierte, spätexpressionistische Gebilde mehr hineinzugeheimnissen, als sich dort findet. Draesner "zerschreddert handys", ihre Welt ist von "pixeln durchwuchert".

"megasex: petting or pershing
(É) barbie pink an bonanza-jo. sunkist
flippt im känguruh, flipper lassie daktari
enid blyton papagei frißt sperling
auf (da staunt der geier was)."

Wir staunen auch. Um die Sechziger-, Siebzigerjahre und womöglich gleich das ganze unselige 20. Jahrhundert möglichst rasch loszuwerden und dabei seinen literarischen Geschmack zu schärfen, ist es vielleicht doch besser, die Bibel zu lesen - den ganz großen Code. Oder zumindest Brodsky.

Martin Droschke in FALTER 50/2001 vom 14.12.2001 (S. 67)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Letzte Gedichte (Ernst Jandl)
Ein Rest von Freude (Sergej Jessenin)
für die nacht geheuerte zellen (Ulrike Draesner)
Zeichen im Schnee (Norbert Hummelt)
Liebesgedichte (William Butler Yeats)

Rezension aus FALTER 31/2001

Pablo Neruda reagierte einst auf postpubertäre Leser, die seinen "Aufenthalt auf Erden" mit Suizidausbrüchen beantwortet hatten, indem er Oden von Weltformat bastelte, die an Stalin gerichtet waren. Weltformat hat auch Michel "Stumpfsinn der Existenz" Houellebecq. Nur Druck vonseiten der Medien, eventuell eine Indizierung des Todeswerks, kann verhindern, dass der Franzose bald schon auch ein prodiktatorisches Thema in Verse keilt. Der Schrei der Jungen nach Après-Ski jedenfalls verliert mit jedem verkauften Houellebecq-Exemplar seine kindliche Unbekümmertheit. Das Gedicht ist die zivilisatorische Entsprechung des Initiationsritus. "Wie ein in ausgetrockneten Boden gerammtes Kreuz / habe ich durchgehalten, mein Bruder", ächzt der Leser nach zwei Stunden alleine mit Houellebecq. Wenn er hinterher noch den Neruda-Sammelband "Der unsichtbare Fluss" geschluckt hat, ist er Mann genug, und kein Schicksalsschlag kann ihn mehr umfegen.

Martin Droschke in FALTER 31/2001 vom 03.08.2001 (S. 54)


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