Gespräche mit António Lobo Antunes

von María Luisa Blanco, Maralde Meyer-Minnemann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Warum man schreibt? Fragen Sie einen Apfelbaum, warum er Äpfel hervorbringt." António Lobo Antunes in einem Gespräch mit der spanischen Journalistin María Luisa Blanco. Wie ein Baum, der Blüten treibt, bringt auch der mittlerweile 61-jährige Portugiese jedes Jahr einen neuen Roman heraus. Er ist ein Getriebener. Wenn er nicht schreibt, quält ihn das Gewissen, ist er besessen von dem Gedanken, dass ihn der Tod ereilen und ihm das Schreiben nehmen könnte. Jeden Tag geht er in jene Lissaboner Klinik, wo er früher als Psychiater arbeitete, um in kleiner Schrift ein paar Quartseiten vollzukritzeln.
"Man hat so viele Pläne, und am Ende bleibt einem keine Zeit. Ich denke oft an Mozart, als er das Requiem komponierte. Seine Briefe waren dramatisch, weil er schon sehr krank war und ständig schrieb: ,Mir bleibt keine Zeit mehr, mir bleibt keine Zeit.' Und genau dieses Gefühl verfolgt mich schon seit frühester Jugend."
Die Erkenntnis, dass ihm immer weniger Zeit zum Schreiben bleibt, ist wie die Unruh einer Uhr, die Triebfeder, die auch Antunes' jüngstes Werk "Was werd ich tun, wenn alles brennt?" antreibt.
António Lobo Antunes steht unter Schreibzwang: Sein jüngster Roman handelt von einem Lissaboner Transvestiten und bringt es auf 704 Seiten.


Zu Beginn des Romans steht Paulo am Sarg seines post-letal mit Hemd, Krawatte und Weste herausgeputzten Vaters Carlos. Wahrscheinlich deshalb beginnt Paulo hysterisch zu lachen, trug sein Vater – der möglicherweise gar nicht seiner ist, aber das ist eine andere Geschichte in der Geschichte – zu Lebzeiten doch lieber Federn am Gesäß, Polster an den Hüften, eine Stola, falsche Wimpern, Pailletten und Perücke. Lissabon kannte Carlos jahrelang als Drag-Queen der Nachtclubszene.
Auch er ein Getriebener, beginnt Paulo eine Hochschaubahnfahrt ins Ich, reminisziert in halluzinatorischem Wahn sein eigenes Dasein, das Scheitern seiner Eltern, deren und seine eigene zweilichtige Existenz am Rande des sozialen Abgrunds, seine Drogensucht samt (abgeschlossener?) Therapie, seine Beziehung zum Junkie Rui, der auch des Vaters bester Freund war und mit diesem begraben wird. Die Geschichte des Transvestiten aus der Sicht seines (vermeintlichen) Sohnes ist auch die Geschichte einer Familie, die nach und nach zerfleddert, ehe sie sich völlig auflöst.
"Sintflutartig werde ich, glaube ich, immer sein." Wie wahr. Auch "Was werd ich tun, wenn alles brennt?" ist ein Maelstrom an Gedanken, der sich über 704 Seiten oft aufstaut, dann wieder reißend schnell wird, Erinnerungsfetzen an Land spült und oft nur mit höchster Konzentration und einer gewissen Assoziationsgabe zu bewältigen ist.
Er wolle "die Kunst des Romans verändern", gesteht Antunes in dem bereits zitierten Gespräch mit María Luisa Blanco, und damit erreichen, "dass man mich nicht liest, sondern dass man das Buch erlebt".

Erleben? Aus welcher Perspektive? Lobo Antunes wäre nicht er selbst, überlagerte er nicht die Stimme des Protagonisten mit jenen anderer Personen – allesamt traumatisiert, melancholisch und ohne Hoffnung. Es sind aber nicht nur die Figuren, die ineinander übergehen und dadurch die Brüchigkeit ihrer Profile erahnen lassen, es verschwimmen auch die Grenzen zwischen Menschen, Tieren und Dingen. Letztlich kommt alles zu einem Ende, das alles davor Gelesene infrage stellt. Aber so ist António Lobo Antunes eben: Antunes' Vater (Jahrgang 1915): "Ich schaffe es nicht, Antónios Bücher zu lesen, ich bringe nicht die Geduld dazu auf. Das Leben ist zu kurz, um António zu lesen." Die Mutter: "Sie sollten Kontakt zu Sampaio aufnehmen, weil er Ihnen interessante Sachen sagen kann." Vater: "Er ist Psychiater." María Luisa Blanco: "Er war auch sein Psychiater, nicht wahr?" Vater: "Ja."

Edgar Schütz in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Was werd ich tun, wenn alles brennt? (António Lobo Antunes, Maralde Meyer-Minnemann)

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