Grand Hotel
Roman

von Jaroslav Rudiš

€ 9,30
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Übersetzung: Eva Profousová
Verlag: Sammlung Luchterhand
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.11.2008

Rezension aus FALTER 11/2009

Völkerverständigung mit špás , šlágr und šnicl

Fleischman hat den Absprung nie geschafft. In seiner Heimatstadt Liberec, dem dauerverregneten "Pisspott Europas" unweit der tschechisch-deutschen Grenze, arbeitet er als Faktotum im einst futuristischen, nun völlig abgewrackten Grandhotel seines jähzornigen Vetters Winnetou Jégr.

Das Hotel ist eine altersschwache Rakete auf der Spitze des Bergs Ještêd, das im Winter bedrohlich im Sturm schwankt und bevölkert wird von den Geistern der Vergangenheit und einer Rotte moderner Universalversager.
Vom Leben erwartet Fleischman nicht viel: Er will die Wolken studieren, der hübschen Wetteransagerin im Fernsehen zuschauen und seine Ruhe. Die ist ihm allerdings nicht lange vergönnt. Erst taucht der alte Sudetendeutsche Franz auf, den der Krieg aus Liberec vertrieben hat, als es noch Reichenberg hieß. Nun muss ihm Fleischman bei der unorthodoxen Beisetzung seiner toten Kumpel helfen. Dann taucht auch noch die neue Kellnerin Ilja auf, eine Art Mensch gewordenes Wärmegewitter. Und über all dem darf Fleischman nicht sein Vorhaben vergessen, endlich Liberec zu verlassen.
"Grandhotel" ist ein durch und durch tschechisches Buch. Die Geschichte von Fleischman ist so tragikomisch, mit so viel Selbstironie und unverschämtem Pathos geschrieben, dass an der Erzähltradition, in welcher der Autor steht, keinerlei Zweifel aufkommt. Im "Grandhotel" wimmelt es von Maulhelden, ob Jégr mit seinen Fraueneskapaden hinter dem Eisernen Vorhang oder Patka, der "Happy Life" verkauft, ein Gebräu mit obskurem Heilsversprechen. Wie sich schließlich herausstellt, ist auch Fleischman ein Fabulierer, jedoch aus Not. Und das "Grandhotel" ist aber nicht nur tschechisch – es steht unverkennbar im Sudetenland: Das Leben ist trister, Landschaft und Umgangsformen rauer, als der Durchreisende das etwa aus dem vergnügt turbokapitalistischen Prag kennt.
Man schlägt und beschimpft sich. Durchs Schlüsselloch bespannt Fleischman Liebespaare auf ihren Zimmern. Kellner gehen zum Sterben in den Keller, Schutzgelderpresser und angehende Selbstmörder geben sich die schäbige Hotelklinke in die Hand. In Sichtweite der Hotelterrasse verbiegt sich das Gipfelkreuz immer hoffnungsloser.
In diesem kargen Landstrich zeigt sich das spezielle Verhältnis von Tschechen und Deutschen, ihre jahrhundertealte Hassliebe, an vielen Stellen: nicht nur am Beispiel von Franz, dem Vertriebenen mit Kaffeedosen voller Asche. Auch an Fleischmans beherzten Rückgriffen auf die deutsche Sprache und seinen Exkursen in die unruhige Vergangenheit Liberecs (Jaroslav Rudiš weiß, was er tut: Er hat Germanistik und Geschichte studiert – in Liberec.). Oder auch an den jämmerlichen Kuppelnachmittagen, die sich der halbseidene Jégr einfallen lässt. Wenn Busladungen einsamer Deutscher mit Schnauzbart und Bäuchlein und unglückliche Tschechinnen, zum Letzten bereit, aufeinanderprallen und die Germanismen špás (Spaß), šlágr (Schlager) und šnicl (Schnitzel) provisorische Brücken zwischen den Herzen schlagen. Am Ende lösen sich alle Unklarheiten vielleicht ein wenig zu schnell und zu gründlich auf. Fleischmans allertraurigste Geschichte entpuppt sich als ein noch traurigerer Koloss von Lüge, und die letzten gut gehüteten Geheimnisse werden eilig unter seinem Bett hervorgezerrt. Doch trotzdem oder gerade deshalb ist "Grandhotel" so unbedingt liebenswert wie sein Protagonist, der Wolkenliebhaber, das ewige Kind Fleischman, das irgendwann eines der vielleicht anrührendsten Bilder für den Tod findet: "Jeder von uns hat einen kleinen Schmetterling im Mund, der bei dem letzten Atemzug hinausfliegt und einen leisen Luftzug entfacht, der allmählich an Kraft gewinnt, bis er sich in einen Orkan verwandelt und alles wegträgt. Den Schmetterling und auch den Menschen." Ein Roman, leicht und schön wie eine Zirruswolke.

Tabea Soergel in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 13)


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