Figuren
Erzählungen

von Melitta Breznik

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

In acht knappen Erzählungen und mit chirurgischem Blick spürt Melitta Breznik den Fragen existenziellen Scheiterns nach.

Nicht das gelungene, sondern das gescheiterte Leben steht im Zentrum der Gegenwartsliteratur. Aber vermutlich ist es wirklich so, dass sich über das Unglück mehr und Substanzielleres sagen lässt als über das schlackenlose Glück, das sich selbst genügt und keiner Rechtfertigung bedarf. Auch in Melitta Brezniks Erzählband "Figuren" verfangen sich die Erinnerungen der Protagonisten in Situationen und Erlebnissen, in denen sie Schiffbruch erlitten haben. Wie in ihrem viel beachteten Debüt, der Erzählung "Nachtdienst" (1995), die für ihre äußerste Verdichtung gerühmt wurde, hat die 1961 im steirischen Kapfenberg geborene Autorin auch hier alles Überflüssige weggelassen. Übrig blieben 120 Seiten mit acht Miniaturen, die von den Momenten des Scheiterns und von der Frage nach der Schuld handeln.
"Vielleicht hätten wir öfter hingehen sollen", fragt sich die Erzählerin angesichts der Klinikaufenthalte ihrer Mitbewohnerin, der Titelheldin Elsa, nach deren misslungenen Selbstmordversuchen. Für die Studentenclique repräsentierte die Blumenverkäuferin den Kontakt zum "wirklichen" Leben – sie wieder zu ihren Eltern zurückziehen zu lassen hatte als das einzig Richtige geschienen. Jetzt ist Elsa verheiratet, hat zwei Kinder, aber kurz nach dem Wiedersehen und dem vergeblichen Versuch, sich bei Elsa zu entschuldigen, erfährt die Erzählerin, dass diese wieder in der Klinik ist.
"Licht, grelles Licht, Grau, eine Betonwand, man kann den Abdruck, das Muster der Schalungsbretter noch erkennen. (…) Du liegst mit nach hinten überstrecktem Kopf da, versuchst dich zu orientieren." In "Das Herz" wacht eine Frau nach einer Herzoperation aus der Narkose auf und registriert optische Eindrücke, Gerüche, Schmerzen – nüchtern und sachlich, aber nicht unbeteiligt –, bevor sie wieder in die Bewusstlosigkeit versinkt. Der Blick von Melitta Breznik, die als Ärztin in Zürich lebt, seziert Krankheit, Tod und die grundsätzliche Gefährdung dessen, was Leben heißt und nur an einem seidenen Faden hängt. Er schneidet ins lebende Fleisch – aus Neugier, Mitleid und mit dem Wissen, dass es einfach notwendig ist. Denn ohne das Bewusstsein, dass all die Versäumnisse das eigene Leben vielleicht grundlegend verändert hätten, verlören die quälenden Fragen nach der Vergangenheit, nach der adäquaten Reaktion ihre ganze Brisanz.
Zum ersten Mal seit Kriegsende fährt der arrivierte Professor der Psychiatrie aus "Die Frau" zu einem Vortrag nach Paris. Wie alle alten Männer dieses Buches pflegt er die Erinnerungen an die aufregendste Zeit seines Lebens, die angenehmen zumal, und freut sich auf das Wiedersehen mit den Orten seiner Jugend. Bei einer Patientenvorstellung aber wird er auf unvermutete und schreckliche Weise mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Er erkennt in der kleinen, dicklichen Frau mit den wächsernen Bewegungen, die seit 44 Jahren in psychiatrischer Behandlung ist, seine ehemalige Geliebte wieder, die er nach dem Krieg nach Wien hatte holen wollen. Und er weiß, dass für ihn wirklich einmal ein ganz anderes Leben vorstellbar gewesen wäre – wenn er den Mut aufgebracht hätte, dazu auch zu stehen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 14)


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